Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Ar. 29. Allgemeine Berlin, 21. Juli 1893. eitmg öes Au-enchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. j Diese Zeitung erscheint wöchentlich.? Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, : Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M.; Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabüiner Dr. Ludrrng Philippson-Äonn. Verlags-Expedition: Lerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhlllt. Leitartikel: Zum neunteu Ab. — Die hannoversche Lehrerkon-?renz. — Briese aus Rußland. I. Von Eis. Tabaas. — Kohelet und Schopenhauer. I. — Feuilleton: Ter Stern von Zion. Von L. Tarnowski. (Fortchung). — Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. (Fortsetzung.) — 5raueo im Himmel. Von Albert Katz. — Karlsbader Plaudereien.il. Von >. K. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, 'none a. d. Brahe. Frankfurt a. £).. Aus Schlesien. Breslau, Fürth. Wien. Budapest. Krakau. London. Sofia. — Bon Nah nnd Fern. — Miscetten. — Geschäftliche Notizen. Zum neunten Ob. Berlin, 18. Juli. Eine Mischung schmerzlicher Gefühle bedrängt in diesen Trauernigen unser Gemüth. Wir leben in dem vollem Bewußtsein, in der unerschütterlichen Gewißheit, daß wir in dem Tempel der Freiheit uer deutschen Verfassung, sowie in den freundlichen Gesinnungen und Sympathien vieler Millionen eine feste Stätte haben, die nienals erschüttert werden wird. Aber indem jetzt eine von böser Selbstacht verblendete und irregeleitete Menge unsern Freiheitstempel elagert, um ihn zu zerstören und zu verbrennen, gedenken wir in >ehmnthig-sehnsnchtiger Betrachtung der großen vielverheißenden Wendepunkte in der Geschichte des gegenwärtigen Jahrhunderts, in welchem die Inden angesichts der mit Gut nnd Blut bethätigten, reuen Hingabe an das Vaterland von allen Seiten als theure, werthvolle Glieder der Gesellschaft, als liebe Volksgenossen, als ehrenwerthe Bürger des Staates und der Freiheit ans Kainpf und Roth, als liebe deutsche Brüder begrüßt und gefeiert wurden. Es n't eine betrübende Erscheinung der menschlichen Unvollkommenheit, daß nur die Leidensschule harter Nöthen und Bedrängnisse die llenschen einander brüderlich nahe bringt, und daß auch dann Viele nur unter dem Einfluß banger Gefahr wie in Fieberanfällen die wände krampfhaft zur Umarmung des Nächsten nusbreiten und ein aeberheißes „mein Bruder" ausrufen, von dem sie dann, wenn die llankhafte Hitze gewichen, nichts mehr wissen wollen. Diese perfide Erscheinung unter den Menschen geißelt schon der alte Kohelet, indem er klagt: „Es ist kein Gedächtniß der Früheren und auch der Späteren, welche sein werden, derer wird kein Gedächtniß sein bei denen, die noch später sein werden. Denn was gewesen nt, in den kommenden Tagen ist es ganz vergesse». Da haßt' ich das Leben, denn mir mißfiel das, was unter der Sonne geschieht, denn Alles ist nichtig und Haschen nach Wind." Zum Mück bewahrt die Geschichte der Menschheit, die aus tausend Büchern mrd noch mehr aus tausend Denkmälern der Kultur zu uns spricht, das Gedächiuiß all' des Guten, all' der Verdienste, die Juden um die Menschen sich erworben; iind wenn dennoch die Herzen mancher Menschen und besonders unserer Judenfeinde dasselbe nicht festhalten können, so ist das ein Charakterfehler, der sich an den Letzteren rächen wird, wie er sich nach einer altjüdischen Sage an Titus, dem Zerstörer Jerusalems, gerächt hat. Von dieseni erzählt nämlich die Sage: Nachdem er die Geräthe des Heiligthums zusammengerafft und mit denselben ans dem Meere heimwärts nach Rom reiste, erhob sich ein Sturm, der ihm den Untergang drohte. „Es scheint wohl," sprach er, „daß der Gott der Juden nur zu Wasser seine Gewalt hat. Des Pharao Macht hat er im Meere gebrochen, den Siffera ließ er durch Waffer uinkommen, auch mir will er das gleiche Schicksal bereiten, er möge mir aber auf dem Festlande begegnen, ob er mir da wohl beikommen würde." Da erscholl eine Stimme vom Himmel: „Du Bösewicht, ein kleines Geschöpf Hab' ich auf Erden geschaffen, so du ans Land steigst, soll es dich überwinden." Als er landete, flog ihm alsbald eine Mücke durch die Nase ins Gehirn, darin nagte sie sieben Jahre. Eines Tages kam er an einer Schmiede vorbei; da er nun bemerkt hatte, daß die Mücke beim Schall der Hammerschläge im Wühlen inne hielt, ließ er deshalb immer den Hammer schlagen, bis endlich nach dreißig Tagen die Mücke an den Hammerschlag gewöhnt war und weiter wühlte. Als Titus gestorben war, öffnete man sein Haupt, es war mehr kein Gehirn da, und die Mücke war so groß wie eine Taube, ihr Schnabel hart wie Kupfer und ihre Nägel wie Eisen. Da haben wir das Bild der heutigen Titusse; in dieser Sage können sie sich spiegeln, in dieser Sage könnten sie viele ihrer Züge-erkennen. Sie verlästern und widerrufen die heiligen Errungenschaften der Neuzeit, die den Juden hart und sauer genug geworden. Sie verlästern gleich ihrem römischen Urbilde die Autorität der Religion, die der Inbegriff der Liebe, des Friedens und der Menschenverbrüdernng ist, sie lockern die auf dem geweihten Boden der Menschengesittnng gegründete, verfassungsmäßige Gleichberechtigung, untergraben die Autorität der Regierung nnd deren Träger. Die angeführte Sage läßt sehr sinnig dem Zerstörer des Tempels, dem Einäscherer der Gottesburg der Wahrheit, diese in Form einer Mücke ins Gehirn dringen. Der Wahrheit kann man eben den Zugang ins menschliche Innere nicht versperren; schließt man vor ihr die Augen, pocht sie an das Herz, nnd verschließt sich ihr dieses, dringt sie oft in unscheinbarer Gestalt und auf ungeahnten Wegen in das Innere. Da wird sie mit der Zeit groß und stark, sie überwindet das Herz, sie überwindet den Kopf. Man kann sie durch die Hammerschläge der Gewalt und des Schreckens zwar für eine kurze Zeit unterdrücken und scheu mache», daß sie in ihrem Drängen einen Augenblick inne hält, aber auf die Dauer gelingt das nicht. Sie bricht dann mit um so größerer Macht hervor, um sich die Herzen und Geister wie im Sturm zu erobern. Die Wahrheit zeigt sich als eine „Taube", sanft nnd mild vom Herzen, aber mit ehernem Munde und eisernen