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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-14 · Heft 28 (14.7.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 die Zeit lösen. Er verdamme den Antisemitismus als unchristlich und gefährlich, erblicke jedoch in der Errichtung „katholischer Geschäfte" ein wirksames ökonomisches Mittel zur Bekämpfung des jiidischen Einflusses. Schweiz. .1. Bern, 7. Juli. Nachdem auch der Ständerath das Jnitiativbegehren betr. das Verbot des Schächtens ohne vorherige Betäubung verworfen, gelangt diese Frage in letzter Instanz am 20. August nächsthin zur Abstimmung an das Volk. Ueber das muthmaßliche Resultat derselben heute schon etwas Voraussagen zu wollen, erscheint mir vermessen. Erwähnenswerth ist aber wohl die Thatsache, daß die zur Aufstellung des Jnitiativbegehrens abgegebenen üblichen 80,000 Unterschriften auf den bezüglichen Petitionsbögen sich ohne irgend welche laute Agitation gefunden haben. An der Spitze der Bewegung schreitet der schweizerische Thierschutzverein, von der mächtigen Vereinigung der Arbeiter: dem Grütliverein, auf's Kräftigste unterstützt. Natürlich wirken beide rein im Dienste der Humanität nur! - Bei der jüngsten Großrathswahl in Basel ging auch ein Jude aus der Urne siegreich hervor: der Cigarrenhäudler Herr Max Oettinger, der wegen seiner Gemeinnützigkeit und Wohlthätigkeit in großem Ansehen steht. — Eine bemerkenswerthe, aber sehr bedauerliche Erscheinung ist die Auflösung des jüdischen Vereins „Liedertafel" in Zürich Dieselbe war das Spiegelbild des dortigen jüdischen Gemeindelebens, welches in ihrem Schooße hauptsächlich pulsirte. Manches schöne Fest der Gemeinde wurde in der „Liedertafel" begangen. Ich erinnere nur an das 25 jährige Dienstjubiläum des verdienten Kantors, Lehrers und Chorführers Herrn Alfred Lang. Viele, die selten die Synagoge aufzusuchen pflegten, gingen am Purim, Simchasthora, Chanuka rc. gern in die „Liedertafel", welche es so gut verstand, die alten, schönen Erinnerungen aus der unvergeßlichen Jugendzeit aufzufrischen und neu erleben zu lassen durch trefflich arrangirte Unterhaltungen und lehrreiche Vorträge aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Und endlich, manch' wohlthätiger Zweck fand in der „Liedertafel" allezeit bereite Förderung. Allein der die ganze Welt zerstörende, ganz unjüdische Kastengeist fand auch dort leider einen fruchtbaren Boden, und so zerfiel allmälig das mit allgemeiner Begeisterung gegründete Werk, nachdem es kaurn neun Jahre bestanden. Großbritannien. M. D. London, 6. Juli. Ein jüdisch er Soldat, Hr. F. Gust, wurde zur Zeit des Krimkrieges in der Schlacht bei Balaklava im Jahre 1854 von den Engländern gefangen genommen. Er kam nach England, wo er in das 4. Infanterieregiment eintrat. Nun wird zur Ehre der jetzigen Hochzeitsfeier des Herzogs von Jork und der Prinzessin May einstiger König und Königin von England, von vielen Offizieren der Garde in den Chelsea Baracken ein Mittagsessen veranstaltet werden. Unter den Geladenen ist auch dieser jüdische Veteran, der ca. 40 Jahre im englischen Heere gedient hat, als Gast berufen worden. Außerdem ist ihm zusammen mit den noch lebenden alten Kameraden ein Platz, wo er bequem den vorbeipassirenden Hochzeitszug beschauen kann, angewiesen worden. In Rußland werden die alten Soldaten, die noch unter Nikolaus den besten und kräftigsten Theil ihres Lebens für das russische Vaterland geopfert, in Petersburg und in Moskau kaum geduldet. Und die, unter dem jetzigen Kaiser Alexander III. fünf Jahre dienenden Soldaten sind noch viel schlinuner daran. Sie haben feine Aufenthaltsrechte nach Beendigung ihrer Dienstjahre, weder in den Dörfern, noch in den Städten Rußlands. ^Sie müssen den Ort ihrer Dienstzeit nach den 5 Jahren sofort verlassen und in die Heimath ziehen. Der jüdische Soldat in Rußland kann noch so treu dem Kaiser und Reich gedient haben, kann von bestem Charakter, der bravste Soldat in seinem Regiment gewesen sein, es hilft ihm dies Alles nicht. Der Name Jude ist für ihn und die Seinigen in Rußland ein Kainszeichen! Amerika. —ng. New-Aork, 6. Juli. Eine neue Schwierigkeit stellt sich den russischen hier wohnenden Juden in den Weg. Das hiesige Konsulat des „Selbstherrschers aller Reussen" weigert sich, ihre Pässe zu visiren. Als Grund wird ein allerhöchster „Ukas" angegeben. Jedoch ist gegen diesen Ukas bereits ein Protest ausgearbeitet und der russischen Regierung unterbreitet worden. Wahrscheinlich wird sich dieselbe in dieser Angelegenheit zum Nachgeben bewegen lassen müssen, falls sie nicht gesonnen ist, die Feindschaft der „Vereinigten Staaten" zu suchen. Aon Nah und Fern. In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 4. Juli erklärte der Freikonservative Schultz-Lupitz gegenüber Herrn v. Lo^, welcher die Bestrebungen des „Bundes der Landwirthe" vertreten hatte: „Nur Arbeit und Kenntnisse würden der Landwirthschaft aulhelfen. Man mache sich die Sache vielfach leicht, indem man lediglich gegen die Juden Hetze und sage: die Juden sind schuld. Jetzt heiße cs aber schon: die Junker und die Juden. Auch er sei ein Bauer wie Herr v. Lo<"> und könne sagen, den Bauern in der Altmark gehe es nicht p schlecht." Die Tivoli-Antisemiten waren über diese verba. veritatis höchlich entrüstet. - Am Sonntag, den 9. d. M. fand die Einweihungsfeier der vom Verein „Beth Zion" Brunnenstraße 10 errichteten Synagoge statt. Herr Rabbiner Höxter hielt die Einweihungsrede. — Ein Thel der antisemitischen Abgeordneten hat sich als „Deutsche Reform - partei" konstituirt und die Herren Böckel und Werner zu Vorsitzenden gewählt. Der andere Theil sind „Wilde", darunter Ahlwardt, Liebermann v. Sonnenberg u. A. -- Zu den hessischen Landtagswahlen macht Böckel bereits mobil, indem er seine Gesinnungsgenossen auffordert, die Aufstellung von Kandidaten vorzubereiten. — In dem Dorfe Lüxheim bei Düren wurden in den letzten Nächten auf dem israelitischen Friedhole fast sämmtliche Grabsteine umgestürzt und beschädigt. Außerdem wurden die Häuser sämmtlicher israelitischen Dorfbewohner in einer Nacht besudelt. - In Allenstein (Ostpr.) ist am 28. Juni der Prediger und Religionslehrer Isaak Tonn, der nach 50jähriger Amtsthätigkeit erst vor einem Jahre in den wohlverdienten Ruhestand getreten war, gestorben. — In Oesterreich machen die Juden 4^ pCt. der Bevölkerung aus. Am Besuch der Gymnasien und Realschulen sind sie mit 20 pCt. betheiligt. Im Winterhalbjahr 1891/92 zählte die Wiener Universität 6175 Studenten, darunter 2045 ---- 33 pCt. Juden. Unter den Juristen waren 22 pCt., unter d.n Medizinern 48 pCt. Juden. Im Sommer 1692 wurden unter den ordentlichen Hörern der medizinischen Fakultät der Wiener Universität 51 pCt. Juden gezählt. — Seit 1867 wurden tu Ungarn etwa 26,000 Familiennamen, unter denen mehr als 50 pCt. jüdische waren, magyarisirt. 1892 baten 558 Personen um ungarische Namen. Die Bewerber waren fast ausnahmslos jüdische Kaufleute. — In Budapest ist der bekannte Redakteur des „Ungarischen Israelit" Rabbiner Dr. Ignaz Back nach kurzer Krankheit verschieden. Er hinterläßt ein? Wittwe und zahlreiche Familie unversorgt. — Jüngst besuchte Fürst bischof Dr. Theodor Kohn die Stadt Eivanowitz. Eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus dem Rabbiner Eisler und dem Kultusvorstande, begrüßte den Fürstbischof. Auf die An spräche des Rabbiners erwiederte der Fürstbischof: „Es gehört mü zu dem Grundsätze unserer Religion, alle unsere. Mitmenschen gleich zu lieben und diesem Grundsätze werde ich treu bleiben, und sind Sie, meine Herren, meiner Gewogenheit versichert. - In Russisch-Polen leben 1,134,268 Juden, d. h. 13,9 pCt. der Gesammtbevölkernng. In den Städten steigt der Prozentsatz bis auf 37,8. In Warschau beträgt er 33. Aus ganz Rußland wanderten 188r> 39,307, 1890 85,548, 1891 109,515 Juden aus. Unter den 257,140 russ. Rekruten von 1891 waren 16,500 Juden. — Das israelitische Wohl thätigkeitsbüreau in Paris erstattete seinen Bericht über das Verwaltungsjahr 1892. Die Ausgaben betrugen in Folge der russischer: Verfolgung 414,200 Fr, fast 100,000 Fr. mehr als im Vorjahre; die Ein nahmen betrugen 70,000 Fr. mehr als in dem vorhergegangenen Jahre. - Der junge Khedive hat seit seiner Thronbesteigung manche Proben seiner freundlichen Gesinnung gegen die Juden im Allgemeinen und seiner herzlichen Freundschaft gegen unsere Glaubens-Genossen in Alexandria und Kairo gegeben. Einige von ihnen sprechen gar oft im Palast' des Khedive vor, der als Beweis seiner Achtung dem jüdischen Hospital in Alexandria, welches von Baron Menassi gegründet wurde, einer? Besuch abgestattet hat. — Ein schönes Beispiel judenfreundlicher Gesinnung gab die christliche Bevölkerung von New-Iork, indem sie 3000 Dollars, das Ergebniß einer Sammlung, für den Bau eines jüdischen Hospitals spendete. Herr David Hyman hat zu demgleichen Zweck 2500 Dollars geschenkt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauckwitz in Berlin.

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