Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 sich dem soeben ins Leben getretenen österreichischen Verbände „Zion" (nach dem Muster des deutschen Verbandes „Esra" organisirt) als Lokalgruppe anschloß. Zum provisorischen Vorsitzenden wurde der in deutschen Litteraturkreisen bekannte Aron Marcus (Verfassereines vielbesprochenen Buches gegen Eduard von Hartmann) gewählt, der nebenbei bemerkt, als Vertreter der chassidischen Partei, der er angehört, in der Versammlung erschienen war. — Aehnliche Lokalgruppen bestehen bereits in Wien, Tarnow (Gruppe von nahezu 200 Mitgliedern), Radautz (Bucovina) und Horazdowitz in Böhmen. Weitere Gruppen (besonders in Lemberg, Prag und Czernowitz) sind in Gründung begriffen. Der erwähnte Litteraturverein „Sfas Emes", den der sehr rührige Redakteur der hebräischen Wochenschrift „Hamagid", Herr Samuel Fuchs, vor wenigen Monaten ins Leben gerufen, erfreut sich einer sehr lebhaften Betheiligung der hiesigen Bevölkerung. Der junge Verein zählt jetzt schon 150 Mitglieder, die zu den besten und, was bemerkenswerth ist, in Bezug auf religiöse Parteistellung verschiedensten Kreisen der hiesigen Judenschaft gehören. Allwöchentlich werden Vorträge, meistentheilsin hebräischer Sprache, über allerlei Fragen aus dem Gebiete des Judenthums und der zeitgenössischen hebräischen Litteratur gehalten. Ihr Berichterstatter freute sich, konstatiren zu können, daß der in Rede stehende Verein ein wirklicher Mittelpunkt des geistigen Lebens der hiesigen Inden wird, und daß er das Interesse für die jüdische Wissenschaft und die hebräische Sprache in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung wachgerufen. Mögen auch andere Städte Galiziens dem hier gegebenen Muster folgen. Der Boden ist vorhanden, nur muß man ihn zu bearbeiten wissen. Italien. * Rom, 30. Juni. Ein Versuch, den deutschen Antisemitismus in Italien einzuführen, ist gebührend abgefertigt worden. In einem großen Mailänder Restaurant amüsirten sich deutsche Antisemiten zur Entrüstung der italienischen Gäste seit einiger Zeit damit, alle scheinbaren Israeliten zu verhöhnen, zu beleidigen und zu provoziren. Gestern ertheilten nun mehrere anwesende hochgestellte italienische Herren den Antisemiten eine kräftige Lektion. Ein Professor, der die Antisenriten erst zur Ordnung gewiesen und von ihnen eine impertinente Antwort erhalten hatte, ohrfeigte unter allgemeinem Beifall den Anführer der deutschen Antisemiten, worauf Letztere eiligst verdufteten. Rußland. * Libau, 28. Juni. Bei der Station Mosheiki in Litauen hart an der kurländischen Grenze lagerten vor einigen Tagen unter freiem Himmel 1500 arme jüdische Auswanderer, die zum größten Theil paßlos waren und sich in äußerster Bedrängniß befanden, da sie weder vorwärts noch rückwärts konnten und auch der Menschenschmuggel über die preußische Grenze in Folge der sanitären Maßnahmen der dortigen Behörden unmöglich geworden war. Die mit Pässen versehenen Auswanderer wurden schließlich von Libauer Agenten, die zu ihnen hinansgefahren waren, auf den Schub gebracht. Den Löwenantheil der russischen Auswanderung hat bisher Rotterdam an sich gezogen, das die Leute vielfach auch nach Südafrika befördert, wo schon zahlreiche Juden ansässig sind. Die Auswanderung mittelloser Juden nach den Vereinigten Staaten und Argentinien wird bald ein Ende nehmen, da die dortigen Behörden gegen zuwandernde „Paupero" immer schroffer vorgehen und sie ohne Rücksicht auf ihre Lage meist umgehend nach Europa zurücksenden, wo sie elender eintreffen, als sie abgereist waren. Einstweilen ist ja der Zwischendecks- Verkehr zwischen Hamburg und Amerika der Eholeragefahr wegen so gut wie ganz eingestellt und die Massenschwärme von Auswanderern aus den mittleren Gouvernements müssen nach allen den fruchtlosen Mühen, Sorgen und Entbehrungen sich einen Unterschlupf in dem von ihren Glaubensgenossen überfüllten jüdischen „Ansässigkeits-Rayon" suchen. In der Tragödie der Menschheit bildet die gegenwärtige russische Judenbewegung wohl einen der düstersten und erschütterndsten Akte. Von Nah und Fern. — Das deutsche Centralkomitee für die russischen Juden hat vom 1. Juni 1802 bis 1. Mai 1803 7154 Personen befördert, deren Reisekosten ganz oder theilweise vom Centralkomiree getragen wurden. Ruhleben passirten in der Zeit 16,955 Personen. Von den einzelnen Komitees hat Bremen 64 Personen, Hamburg 1154, Stettin 973, Königsberg 2829, Myslowitz 963, Ruhleben und Berlin 77! befördert. — Der Verfasser der kürzlich beschlagnahmten antisemitischen Broschüre: „Pharisäer und Heuchler", Plack-Podgorski aus Friedrichshagen, welcher das „Aktenmaterial" Ahlwardts der Nachwelt überliefern wollte, hat es vorgezogen, sich durch die Flucht der Verantwortung für seine Behauptungen und der Erbringung des Beweises für die Echtheit der „Urkunden" zu entziehen. Herr Plack ist jener aktenkundige Beirath, dessen der Rektor aller Deutschen in der Ahlwardt-Kommisston zur Zeit bedurfte, als er selbst in den „Akten" sich nicht mehr zurecht fand. Herr Ahlwardt schlägt übrigens selbst aus seinem Ruhm, zweimal in den Reichstag gewählt worden zu sein, Kapital. Kürzlich sprach er öffentlich über Pharisäer und Heuchler für 30 Pfennige. Früher ließ er sich für 20 Pfennig hören. Er wird's wohl einmal noch billiger geben. — Nach einem 2 jährigen Provisorium fand in Bromberg die Wahl eines Rabbiners statt. Dr. Walther, der während der Zeit die Predigerstelle interimistisch bekleidet hatte, wurde zum Rabbiner gewählt. - Anläßlich der goldenen Hochzeit des Grobherzogs von Mecklenburg- Strelitz ist der Landesrabbiner Dr. Hamburger, der Verfasser der Real-Encyklopädie für Bibel und Talmud, zum Oberlandesrabbiner ernannt worden. — Der Großherzogliche Oberrath der Israeliten in Baden fordert die Synagogenräthe des Landes auf, dahin zu wirken, daß ein Ueberblick über das vorhandene alte Geschichtsmaterial gewonnen wird, um auf diesem Wege zur Erforschung der Geschichte der israelitischen Gemeinden des Großherzogthums Beiträge zu liefern. — In Thann i. E. ist am 5. v. M. der Rabbiner I. N. Wurmser gestorben. An seiner Bahre sprachen die Großrabbiner von Colmar und Mülhausen. — Die amtliche „Wiener Ztg." meldet, daß der neu ernannte General-Konsul der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Max Judd, die kaiserliche Exequatur erhalten habe. Gegen Herrn Judd war von den Wiener Antisemiten in gehässiger Weise agitirt worden. — In Jamnitz in Mähren ist Dr. I. N. Weinstein zum Rabbiner gewählt worden. Derselbe hat in Berlin an der Hoch schule, in Paris und Wien für seinen rabbinischen Beruf sich ausgebildet.— Am 21. v. Mts. fand von Seite der israelitischen Kultus-Gemeinde in B u k o v a r die feierliche Installation ihres neugewählten Oberrabbiners, des Herrn Dr. Julius Diamant, statt. — Aus Amsterdam meldet man, daß der Justizminister angesichts der Furcht vor ansteckenden Krankheiten und der zunehmenden Zahl der russischen Einwanderer die Anordnung getroffen hat, nur Auswanderer über die holländische Grenze passiren zu lassen, welche mit Uebersahrtsbillets nach Amerika von einer holländisch-amerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft versehen und im Besitze hinreichender Mittel sind, um ihren Unterhalt während des kurzen Aufenthalts in Holland bestreiten zu können. Es wurde dem Minister gemeldet, daß in den nächsten Wochen noch 50,000 Auswanderer an der holländischen Grenze eintreffen. — In der nächsten Zeit soll das Schweizer Volk darüber abstimmen, ob das bei den Juden übliche Schächten der Thiere in der Bundesverfassung verboten werden solle. Es hat sich nun in Bern ein aus Deputirten und anderen hervorragenden Persönlichkeiten bestehendes Komitee gebildet, welches in der ganzen Schweiz eine Agitation zu Gunsten der Schächtfreiheit entfallen wird. — Der Korrespondent des „Daily Chronicle" in R o m telegraphirt, daß der Papst in Kurzem eine Encyclica erlassen werde, die sich mit dem Studium der Bibel befassen soll. Der Papst wird darin den Katholiken empfehlen, die Bibel fleißiger, als bisher geschehen, zu lesen. Er wird ferner zu zeigen versuchen, daß die Bibel mit den letzten wissenschaftlichen Entdeckungen in vollständigem Einklänge stehe. — Ein kaiserlicher Mas hat einer Ackerbau-Gesellschaft das Recht zum Export landwirthschaftlicher Erzeugnisse Rußlands ertheilt. Derselbe enthält indeß die Bedingung, daß kein Israelit oder Ausländer Aktien des Unternehmens zeichnen oder besitzen darf. — In Mosk au, wo der siebzigjährige Rabbiner Dr. Minor ausgewiesen wurde, ist jetzt ein junger Rechtskandidat Mase, ein bekannter Zionist, als Rabbiner bestätigt worden. Es geht doch nichts über russische Konsequenz! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.