Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228013--49938-3271527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 zumal die meisten der Ausgewiesenen dem Kaufmannsstande angehören, bemühen sich jetzt die Mitglieder des StadLraths, diese Verfügung wiederum auf zwei Jahre zu verschieben, und zu diesem Zwecke reiste der Bürgermeister unserer Stadt nach Petersburg. Ob diese Bitte Gehör finden wird, wird die Zukunft lehren. — Die Zahl der Juden in der „heiligen" Stadt Kiew beträgt 30,000 Seelen Sämmtliche Einwohner sind dort zum Aufenthalte berechtigt, weil sie zu jenen Klassen gehören, die Privilegiert besitzen; die meisten von ihnen sind entweder Invaliden, die noch unter Zar Nikolaus dienten, oder Handwerker; dazu komrnen noch in Betracht diejenigen Juden, welche eine höhere Schule besucht haben, wie Aerzte, Rechtsanwälte und Kaufleute erster Gilde. Bei solcher bedeutenden Einwohnerzahl ist es kein Wunder, wenn der Mangel an Religionslehrern, die zum Aufenthalte in Kiew keine Berechtigung haben, sehr bemerkbar ist. Die Heranwachsende Generation muß geradezu auf den Religionsunterricht ganz und gar verzichten. Diesem Nebel abzuhelfett versuchten jetzt zwei Glaubensgenossen, die Herren Kazenelensohn und Aschkenasi; sie richteten ein Gesuch im Namelt ihrer Brüder nach St. Petersburg und machten die Regierung auf den Schaden, welchen die irreligiöse Erziehung Hervorbringen kann, aufmerksam. Die Juden von Kiew leben nun in der Hoffnung, daß diese Bitte, den Religionslehrern den Aufenthalt in Kiew zu gestatten, ihnen ohne Zweifel gewährt werden wird. — Der Badeort Dubbeln bei Riga wird jetzt von gesunden und kranken Juden gesäubert, mit Ausnahme derjenigen, die Kaufleute erster Gilde sind. Auch die Einwohner der Stadt Riga, zu deren Bezirk Dubbeln gehört, werden nicht verschont. Leider nimmt der Antisemitismus in unserer Gegend von Tag zu Tag zu; er kommt nämlich aus Deutschland, schmuggelt sich über die Grenze, findet in der „Zeitung siir Land mtb Stadt" freundliche Aufnahme und wird wieder von der Stadt aufs Land hinausgetragen. Merkwürdigerweise ist aber eine große Zahl Leser der obenerwähnten Zeitung Juden. Schweden. ew. Stockholm, 20. Juni. Die hiesige israelitische Gemeinde hat Herrn N. Rosenberger als Oberkantor angestellt. Herr Rosenberger ist eines der angesehensten Mitglieder der hiesigen Gemeinde. Schon seit Jahren ist er als Professor an der Kriegs-Akademie angestellt. Am Geburtstage des Königs wurde auch er zum Mahle geladen. Neulich hat derselbe — dem Wimsche des Vereins für Verbreitung der Litteratur gemäß — ein umfangreiches deutsch-schwedisches Wörterbuch herausgegeben Die vielseitigen Fähigkeiten dieses Mannes sind in der That zu bewundern. Er widerspricht dem lateinischen Sprichwort: „Vox et praeterea nihil!“ önlgitricH. * Sofia, 20. Juni. Am 14. d. empfing das b ulgar isch e F ürstenpaar Ferd inand 1. und Marie Louise die Deputation der Judenheit Bulgariens unter Führung des Großrabbiners Dr. M. Grünwald. Nachdem derselbe den Willkommgruß und einen Glückwunsch gesprochen und eine prachtvolle Adresse überreicht halte, beehrte der Fürst den Großrabbiner mit folgender Ansprache: Monsieur le grand rabbin, veuillez transmettre nies remereiments :> la population israelite de la Bulgarie dont vous aves ete si bien TinLerprele. Je suis convaincu de la tidelite et du patriotisme des israelites de ma principaute. J’etais et je serai toujours un protecteur des israelites de mon pays. Je vous remercie encore une fois, Monsieur le grand rabbin. (Herr Großrabbiner! Wollen Sie der israelitischen Bevölkerung, deren trefflicher Dolmetsch Sie gewesen, meinen Dank übermitteln. Ich bin von der Treue und dem Patriotismus der Jsraeliten meines Fürstenthums überzeugt. Ich war und werde stets ein Beschützer der Israeliten meines Landes sein. Ich danke Ihnen nochmals, Herr Großrabbiner.) Hierauf reichten der Fürst und die Fürstm dem Großrabbiner und den übrigen Mitgliedern der Deputation,:!, zw.dem Präsidenten Herrn Abraham Davitchon Levy, dem Herrn Esra S. Tadscher, dem Herrn Josef Magyar und dem Herrn Schuldirektor Gabriel Arjeh, die Hand, und die Deputation wurde gnädig entlassen. Kon Nah und Fern. Jüdische Blätter haben vor Kurzem die Ernennung des Herrn Dr. Oskar Israel zum Professor an der hiesigen Universität mitgetheilt. Wie wir hören, ist Herr Dr. Israel nicht Jude. — In der am 27. Juni nach mehrmaliger Vertagung am Landgericht II stattgefundenen Verhandung gegen den Rektor a. D. Ahlwardt wegen Beleidigung der Gesammtheit der preußischen Beamten und Behörden des Justiz ressorts, wurde der Beklagte zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt und dem Vorsitzenden des Staasnrinisteriums und dem Justizminister Publikationsbesugniß zugesprocheu. — Herr Gotthilf Salomon, Vorsitzender der Sachverständigen-Kommission der Leder- Industriellen von Berlin, ist vom Kommissar des Deutschen Reiches für die Ausstellung in Chicago als Preisrichter berufen worden. — Ter Druckschriftenhändler Pünschke, welcher wegen Beleidigung zweier die Friedrichstraße passirenden Herren, die er für Juden gehalten, 'u drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden war, hatte gegen diests Urtheil Berufung eingelegt. Nach Wiederholung der Beweisaufnahme hat der Gerichtshof die Berufung verworfen. Hoffentlich dient diese Vem urtheilung auch andern antisemitischen Fanatikern zur Warnung. Das „Deutsch-Israelitische Kinderheim in Diez a. d. Lahn" hal seinen Rechenschaftsbericht herausgegeben. Von den 20 Zöglingen, d:^ im vorigen Jahre erzogen, resp. weiter gefördert wurden, befanden si 1, 18 im Anstaltsgebäude in Diez, 2 in Privaterziehung. Dieselben lv suchen sämmtlich eine Volksschule, erhalten Religionsunterricht, und in der Mußezeit wird die Uebung in Handfertigkeiten gepflegt. Von den im Frühjahr entlassenen Zöglingen trat einer in den Kaufmannsstcum über, einer wurde zu einem Bäcker, einer zu einem Buchbinder in di' Lehre gegeben. Ausgenommen wurden im Laufe des Jahres 4 Zöglinge. Die Einnahmen an Beiträgen und Geschenken betrugen Mk. 19,482 2; wovon auf die Purimspende Mk. 10,912.23 entfallen. Zum Baufond gingen in diesem Jahre an größeren Beiträgen je Mk. 5000 von dem Herren Alfons Jacobson in Leipzig, und D. H. Apelt in Halle und Mk. 3000 von den Erben des Vorstandsmitglieds, des sel. Herrn Gauburg ein. Das neue Anstaltsgebäude ist bereits unter Dach gebracht iui; wird voraussichtlich im August d. I. bezogen werden können. — Fü Die Stelle eines Professors für jüdische Geschichte und Exegese an de jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien ist Dr. Adolf Büchlee berufen worden, der seine Studien an der Landesrabbinerschule in Budapei vollendet hat. — Die hauptstädtische Finanzkommission in Budapest be willigte einstimmig der israelitischen Gemeinde ein Terrain im Werthe von 600,000 Gulden zum Bau eines Tempels. Die durchweg christlicher Redner betonten, daß für die katholische Kirche schon riesige Summen ge opfert worden seien, für die Israeliten noch nichts Für den Bau des Tempelsind Million Gulden bestimmt. — Nehemias Landes, Direktor der Lemberger Kommunal-Czacki-Schule, ist zum Inspektor der in Galizien bestehenden Baron-Hirsch-Stiftungsschulen ernannt worden. — Dr. jui. Lasser Oppenheim ist zum ordentlichen Professor für Strafrecht cu der Universität Basel ernannt worden. 1858 geboren, habilitirte er siä 1885 bei der Universität Freiburg für Strafrecht und Strafprozeß 1890 erhielt er dort eine außerordentliche Professur. Im vorigen Halb jahre kam er in gleicher Eigenschaft an die Universität Basel. — Baron Alphonse Rothschild in Paris, welcher im vergangenen Jahre au; der Jagd durch einen Schrotschuß im Gesicht verwundet worden war wurde das verletzte Auge herausgenommen. — Bei dem Empfangs der Behörden durch den Ministerpräsidenten Herrn Dupuy, Minister des Innern, der in Begleitung seiner zwei Kollegen den Süden bereift sagte derselbe in Erwiederung einer Ansprache des Rabbiner Ury in Toulouse: „Ich halte darauf, es hier öffentlich auszusprechen, daß dir Israeliten in Toulouse sowie diejenigen anderswo durchaus nicht die Anfeindungen und Aufreizungen zum Rassenhasse verdienen, denen sie in einem Lande ausgesetzt sind, welches eine Revolution gemacht, um allen Kämpfen der Rassen und Klassen ein Ende zu machen." — Herr E. Darewsky, welcher früher als Oberkantor in Lemberg, später al§ Gesangsprofessor in Wien angestellt war, ist nach kurzem Aufenthalt in London einstimmig zum Kantor an der deutschen Synagoge gewählt. - Der Bey von Tunis hat für die Alliance-Schulen eine Subvention von 6000 Francs bewilligt. — Dem „Jewish Chronicle“ schreibt man aus Amerika unter Anderem: „In manchen israelitischen Gemeinden beziehen die Beamten größere Gehälter als ein Staatsminister in Deutschland und in Rußland. So ist z. B. Rev. Dr. Go ttheil in New-Iork von seiner Gemeinde wieder auf mehrere Jahre gewählt, mit einem festen Gehalt von 10,000 Dollars (40,000 Mk.) jährlich, Rev. Dr. Silvermann, zweiter Prediger, mit 7000 Dollar. Herr Kantor Wm. Sp arg er mit 5000 Dollar. Druck und Verlag von Rudolf MoNe nt Berlin Verantwortlich für dre Redaktion' Mar Bauchwitz in Berlin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.