Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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1 junge anwachsende Generation in jüdischem Geiste zu erziehen und besonders Gewicht auf die hebräische Sprache zu legen. Auch für die Frauen fand er warme Worte, um sie auf die große Aufgabe, welche ihnen anvertraut ist, das häusliche Leben, die Erziehung der Kinder zu leiten, aufmerksam zu machen Vier Tage weilte er in unserer Mitte, und diese ganze Zeit benutzte er nur dazu, um die Aecker, Gärten und sämmtliche Häuser aus- und inwendig zu besichtigen. Herr Baron Rothschild war mit den: Eindruck, den die Kolonie auf ihn machte, sehr zufrieden. Marokko. -ng. Mogador, 12. Mai. Die Lage der Juden in Marokko ist immer noch eine sehr traurige. Der Fürst fährt immer noch fort, den marokkanischen Juden die Wunder der Knute zu zeigen. Einer Reihe von Nnterbeamten dieses Tyrannen liegt keine andere Beschäftigung ob, als — auf einen Wink des Richters — an den im Saale der Justitia erscheinenden Juden mit dem Kantschu eine Justiz ohne Erbarmen zu üben. Kein Tag vergeht, an welchem solche unerhörte Mißhandlungen nicht gemeldet würden. Angst und Schrecken liegen auf der israelitischen Bevölkerung Marokkos. Mit falschen Anschuldigungen erpreßt man von derselben ihr Leib und Leben, ihr Hab und Gut. — Ein Mohammedaner stellt arglistisch die Behauptung auf, daß ihm ein Jude, sei er nun Handwerker oder Kaufmann, eine Summe Geldes schulde, die er dem Ersteren geliehen resp. dem Letzteren zur Aufbewahrung gegeben habe. Entweder zahlt der Israelit die ihm ungerechter und betrügerischer Weise abverlangte Summe gutwillig, oder aber er hat im Weigerungsfälle zu gewärtigen, daß er vor den Richter geführt wird, der ihm alsdann eine wunderwirkende Knutenkur zu Theil werden läßt. In diesem Falle entrichtet der Jude nach dieser Prozedur — gezwungen — die von ihm erpreßte Summe, und nun hat er für den Spott — da er jetzt den doppelten Schaden hat — nicht mehr Sorge zu tragen, denn nun wird er erst — in eisernen Ketten gefesselt — ins Gefängniß transportirt. Am Vorabend des Osterfestes wurden einem Juden auf Geheiß des Fürsten 600 Knutenhiebe ertheilt, — weder der Fürst noch der Jude wußten den Grund für diese Prozedur; am 25. April wurden zweien Israeliten je 1000 Schläge zudiktirt rc. re. O, Herr! — Laß schon genug sein des grausamen Spiels! — Ein Brief des Sultans an den Fürsten^ in welchem Ersterer denselben ersuchte, die israelitischen Unterthanen milder zu behandeln, sowie ein Schreiben des Ministers an die Juden Marokkos, welche Manuskripte durch die gütige Verwendung der Alliance Israelite abgefaßt worden, sind — nicht in die Hände ihrer Adressaten gelangt, trotzdem die Briefe schon in einer Reihe von Zeitschriften veröffentlicht worden. Beamte haben die Schriftstücke unterschlagen und vernichtet.— Zum Nachfolger des portugiesischen Vizekonsuls, welcher vor einigen Monaten verschieden, wurde unser verehrter isr. Mitbürger Signor David Kubiza ernannt. — Unser allverehrter, ehrwürdiger Rabbiner, Herr Rob. Almasiat, österr.- ungar. Konsul, reiste am 2. Mai nach Tanger, von wo aus er sich auf einen: englischen Dampfer nach Spanien einzuschiffen gedenkt, um sich von seinen europäischen Glaubensbrüdern Rath und Hilfe zu erflehen. Mögen seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein! Süd-Amerika. * Bnenos-Ayres, im Mai. Am 11. d. M. begab sich der hiesige Vertreter der Jewish Colonisation Association, Oberst Goldsmid, per Dampfer „Thames" für einige Monate in geschäftlichen und persönlichen Angelegenheiten nach Europa Oberst Goldsmid wird Herrn Baron Hirsch Bericht über den bisherigen Fortgang seines Kolonisationsunternehmens erstatten und zugleich bei der englischen Regierung um weiteren Urlaub behufs Fortsetzung seiner bisherigen Thätigkeit nachsuchen. Oberst Goldsmid hat in den 13 Monaten, während welcher er die hiesigen Geschäfte der Kolonisationsgesellschaft leitete, es vor allen Dingen sich angelegen sein lassen, die bis dahin vorhandenen Kolonisationselemente zu sichte:: und zu organisiren, ein rnühevolles und bei dem oft mehr als zweifelhaften Menschenmaterial wenig dankbares Geschäft. Es befinden sich nunmehr, nach Ausscheidung resp. Rücksendung der unbrauchbaren Elemente, ca. 1000 jüdische Familien auf den verschiedenen Kolonien (Mauricio, Moisesville und Santa Clara) vertheilt, und es ist damit eine Basis gewonnen, auf welcher unter Benützung der bisher gewonnenen Erfahrungen das Kolonisationsgeschäft mit Aussicht auf Erfolg fortgesetzt werden kann. Von Nah und Fern. Der bekannte langjährige Leiter des Wölfischen Telegraphen- , büreaus, Dr. phil. Immanuel Rosenstein, ist in seiner Wohnung an:! 2. d. M. plötzlich in Folge eines Herzschlags gestorben. Dr. Rosenstein! gehörte der Continental-Telegraphen-Gesellschaft, um deren Entwickelung er sich große Verdienste erworben hat, seit dreißig Jahren an, und zwar seit 1890 als Mitglied des Aufsichtsrathes. Er hat ein Alter von 57 Jahren erreicht. — Nach einer Mittheilung des Königl. Konsistoriums sind während des Jahres 1892 hier 117 Juden zur evangelischen Landeskirche übergetreten (im Vorjahre 137), zum Judenthum übergetreten 7 Evangelische (im Vorjahr 4). — Stadtrath Wollenberg in Gnesen, welcher seit länger als 25 Jahren in der jüdischen Gemeinde als Vorsteher fungirte und während dieser Zeit viel Gutes geschaffen, hat sein Amt freiwillig niedergelegt, und ist an: 26. v. M. der neugewählte Vorsteher Herr Kaufmann Leopold Gimkiewicz durch den Herr:: Oberbürgermeister Machatius eingeführt und verpflichtet worden. Die Gemeinde hatte beabsichtigt, Herrn Stadtrath Wollenberg zu seinem a:n 15. v. M. stattgehabte:: 25jährigen Jubiläum eine Ovation zu Theil werden zu lassen, doch mußte dieselbe unterbleiben, weil der Jubilar alle Ehrenbezeugungen abgelehnt hat. — Im Wahlkreis S ensburg-Ortelsburg ist Rechtsanwalt Guttfeld zu Ortelsburg als freisinniger Kandidat aufgestellt worden. — In Xanten starb in diesen Tagen der aus dem Prozeß Buschhoff, sowie aus den sich anschließenden Prozessen: Oberwinder, Bauer-Schroot, ten Winkel re. bekannte Hauptzeuge, Stadtverordnete Kaufmann Küppers, der Eigenthümer der Scheune, in der Joanchen Hegmann aufgefunden wurde. — Die Nürnberger Strafkammer verurtheilte den Antisemitenführer und Verfasser einer Ritualmordbroschüre Retterspitz wegen falscher Anschuldigung eines christlichen Amtsrichters zu 31/2 Monaten Gefängniß und dreijähriger Aberkennung der Ehrenrechte. — Unter Vorsitz des Oberrabbiners Dr. Ehrenfeld fand im jüdischen Rathhause zu Prag eine Versammlung der Rabbiner Böhmens statt, in welcher die Gründung eines Verbandes der Rabbiner Böhmens beschlossen und zum Präsidenten desselben Herr Dr. Ehrenfeld gewählt wurde. Dieser Verband bezweckt nach dem Wort laut der Statuten: a) Hebung des religiösen Sinnes, 1>) Wahrung der Ehre des Judenthums, e) Förderung der jüdischen Wissenschaft, ll) Gründung und Förderung solcher Anstalten, welche den religiösen und humanitären Bedürfnissen der Judenheit in Böhmen Rechnung tragen, e) Wahrung der Würde und der Interessen des Rabbinerstandes, 1) Gründung einer Pensionskasse zur Unterstützung von Wittwen und Waisen der Rabbiner in Böhmen. — In Ro:n wurde der Bau einer neuen Synagoge beschlossen. Der Entwurf liegt bereits seit zwei Jahren fertig vor. Er ist das Ergebniß eines im Jahre 1890 erlassenen Preisausschreibens, bei welchem von 27 Bewerbern als Sieger der Architekt Arttilio Muggia, Professor der Architektur in Bologna, hervorgegangen war, der trotz seiner Jugend — er ist kaum 32 Jahre alt — bereits drei Mal den ersten Preis bei Wettbewerben davon getragen hatte. Die Kosten sind auf 890,000 Liv veranschlagt.—Der Architekt Herr Emil Ulmann, der bereits früher den „großen Preis von Rom" erhalten hat, ist zum Architekten der Stadl Paris ernannt worden. — Auf der Liste der Beamten, die nach de:n neuen Gesetz von Bazille kein Mandat als Deputirte annehmen dürfen, befindet sich auch der Grand Rabbin von Frankreich. — Für die Juden im Kaukasus und den angrenzenden Ländern, die nach dem neuen Gesetz aus ihren Heimstätten vertrieben werden sollen, haben sich in Rußland Hilfskomitees gebildet. Herr Lazar Brodsky in Kiew hat denselben 100,000 Rubel gespendet. — In einem Briefe an ein Mitglied des russisch jüdischen Komitees schreibt derOxforder Professor Max Müller üben die Verfolgung der Inden in Rußland: „Ich habe meine Sympathie mit den verfolgten Juden schon wiederholentlich ausgedrückt und ich kann nur die Hoffnung aussprechen, daß dieser antisemitische Wahnsinn von kurzen Dauer sein werde." — Professor Steinthal in Berlin wurde eingeladen, im Religions-Parlament während der Weltausstellung in Chicago zu sprechen über „Judaismus contribution to religion and Ethics“, „Der Beitrag des Judenthums zur Religion und Moral." Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauckwitz in Berlin.