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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-09 · Heft 23 (9.6.1893) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Eine interessante Stadtrathswaht. Wien, 30. Mai. Bei Lichte besehen, ist es ein Unterfangen von mir, jetzt, wo Sie draußen im Reiche mit den allgemeinen Reichstagswahlen beschäftigt sind, deren Ansgang eine ganze Welt interessirt, von deren Ausfall vielleicht der Weltfriede abhängt, — mit meinen Wiener Stadtraths-Ergänzungswahlen daherzukonimcn und auch für diese die Aufmerksamkeit Ihrer Leser zu verlangen. Wenn es aber, wie ich glaube, wahr ist, daß die Neigungen und Regungen der Völker, die Triebfedern der Geschichte, noch viel besser oder mindestens ebenso gut aus den täglichen Begebnissen und kleinen Geschehnissen als aus den großen Ereignissen erkannt werden, dann ist ja eine Entschuldigung für mich vorhanden. Auch ist es unleugbar für uns Juden sehr wichtig, der Entwicklung, dem Wachsthum des antisemitischen Gedankens allerorten uachzngehen. In dieser Beziehung können die Wiener Stadtrathswahlen dem forschenden Auge ebenso viel enthüllen, wie dies zweifellos die deutschen Reichstagswahlen thun werden. Das Wahlfaktnni, von welchem ich sprechen will, bietet übrigens ganz besonders gute Gelegenheit, Volkspsychologie in Sachen der Jndenfrage zu treiben. Ich werde keine längere Definition vom Wiener Stadtrath geben. Das wäre überflüssig. Zum Verständniß wird die Bemerkung genügen, daß er eine mit der vor zwei Jahren erfolgten Vereinigung der alten Stadtgemeinde Wie» mit den Vororten eingeführte Institution ist; und zwar ein von und aus den Gemeiuderäthen gewählter Ausschuß, der den Gemeinderath selbst durch Abnahme vieler Agenden entlastet. Die Stadträthe sind besoldet. Nachdem nun der Wiener Gemeinderath eine liberale Mehrheit hat, ist es erklärlich oder fast selbstverständlich, daß in den Stadtrath nur Liberale gelange», resp. bisher gelangten. Doch schon im vergangenen Jahre verfocht der Bürgermeister Dr. Prix die Anschauung, es müßten den Antisemiten einige Stadtrathsstellen abgetreten werden, damit sie, die über ein Drittel der Köpfe im Gemeinderathe verfügen, erstens nicht über Vergewaltigung sich zu beklagen haben, und zweitens, an den Verwaltungsapparat unmittelbar hingestellt, sich größere Sachlichkeit angewöhnen. Damals verschloß sich fast die gesammte Majorität des Wiener Gemeinderathes dieser sicherlich nicht unbegründeten Anschauung, zeigte aber durch diese ablehnende Haltung jedenfalls das Eine, daß sie davor zurückschrecke, möglicherweise des Antisemitismus geziehen zu werden. Freilich stellt sich jetzt heraus, daß bei dieser Scheu nur Furcht vor etwaiger Einbüßung des politischen guten Rufes im Spiele gewesen sei, denn heuer ist plötzlich ein Umschwung in den Anschauungen zu Tage getreten, der sich nach der Weise, in der er sich äußert, nicht in Wirklichkeit als solcher, sondern blos als geänderte Haltung in Folge eingetretener Wahrscheinlichkeit, daß die Popularität fortab auf der anderen Seite zu holen sein wird, gualisizirt. In diesem Jahre gelang es der überragenden Persönlichkeit des Bürgermeisters doch schon, die Majorität zu dem Beschlüsse zu bewegen, bei den bevorstehenden Stadtraths-Ergänzungswahlen der antisemitischen Minorität zwei Stadtrathsstellen einzuräumen. Schon dieser Beschluß ist recht bezeichnend. Die Einräumung ist wohl vom Standpunkte der Billigkeit »nd der Taktik ganz gerechtfertigt, jedoch — man merkt die Absicht und wird verstimmt. Sollten nämlich nicht der letzte Sieg der Antisemiten bei den Gemeinderaths-Ergänzungswahlen und die buchstäblich mathematisch gewordene Sicherheit, daß die antiliberale Partei in wenigen Jahren die Mehrheit des Gemeinderaths repräsentiren werde, — dazu beigetragen haben, so viele liberale Gemeinderüthe den klugen Wünschen des Herrn Bürgermeisters gefügig zu machen? Doch noch immer mochte es edeldcukende Optimisten geben, welche eine solche Annahme weit von sich wiesen und an dem Freisinn der liberalen Stadtväter nicht deuteln und mäkeln ließe». Möglicherweise wäre auch dieser feste Glaube — was man will, das glaubt man gerne — ein allgemeiner geworden, wenn sich nicht gestern Dinge zugetragen hätten, welche auch das blindeste Auge sehend zu machen geeignet sind, und die innerhalb der Wiener jüdischen Bevölkerung die peinlichste Ueberraschung hervorgerufen haben. Gestern fanden die Stadtraths-Ergänzungswahlen statt. Vorausgeschickt soll werden, daß die antisemitische Minderheit des Gemeinderaths das besprochene Angebot der liberalen Partei refüsirt hatte, indem sie, entsprechend ihrer numerischen Stärke, auf fünf von den fünfzehn zur Besetzung kommenden Stadtrathsstellen Anspruch erhob; daß hierauf die gemeinderäthliche Mehrheit beschloß, das ihrerseits gemachte Anerbieten zurückzuziehen und nur Liberale zu wählen. Beide Theile haben sich nun am Wahltage anders besonnen. Die Antisemiten waren froh, daß ihr Führer Dr. Lueger durchdrang, und ließen den Stolz fahren und ihn das Mandat annehme», — vielleicht von der richtigen Erwägung ausgehend, daß er fünf andere seiner Parteigenossen aufwiege. Doch auf die Antisemiten kommt es uns iveniger an, bemerkenswerther und zugleich bedauernswerthcr ist das Verhalten der Liberalen selbst. Man höre: Jeder der Stadträthe wird in einem eigenen Wahlgange gewählt. Der erste und zweite Wahlgang ergab liberale Stadträthe, und zwar war das Stimmenverhültniß so beschaffen, daß die liberale Partei, mit circa 80 Stimmen, geschloffen für die liberalen, die antisemitische Partei, mit circa 45 Stimmen, geschloffen für die antisemitischen Kandidaten stimmte. Beim dritten Wählgange war mit einem Male die Geschlossenheit der Majorität beseitigt. Von 131 Anwesenden stimmten nur 61 für den liberalen, dagegen 59 für den antisemitischen Kandidaten, und ganze 11, unzweifelhaft Liberale, gaben leere Stimmzettel ab. Nun war aber für keinen der beiden Kandidaten die absolute Majorität erreicht, und die Wahl mußte wiederholt werden. Wer hätte nun zweifeln können, daß der liberale Kandidat durchdringen werde. Aber das Unglaubliche ward Thatsache: Dr. Lueger wurde mit 66 Stimmen zum Stadtrath gewählt, 9 Stimmzettel, natürlich wieder von Liberalen, waren leer, und für den liberalen Kandidaten fanden sich nur mehr 56 Stimmen. Wer war denn aber dieser liberale Kandidat? — Herr Ritter von Goldschmidt. Da liegt der Hund begraben. Gerade d i e s e r Liberale mit dem prononzirt jüdischen Namen und von prononzirt jüdischem Rufe war als Schlachtopfer auserlesen worden, um dem antisemitischen Götzen eine Freude zu machen; gerade er mußte sich von Dr. Lueger sagen lassen: „Ote toi, que je m’y melte“. Das konnte ja gar nicht anders sein und schien den liberalen Herren so natürlich, daß bei der wiederholten Wahl neue fünf von ihnen dies einsahen und rasch statt des Juden Goldschmidt den Antisemiten Lueger erkiesten. Die folgenden zwölf Wahlgänge stellten wieder die Geschlossenheit der liberalen Partei her. Jede Spur, daß hier einmal Uneinigkeit geherrscht, war bereits verweht. Das gestrige Ereigniß ist ein trauriges Kapitel Volkspsychologie. Viele von denjenigen, die es miterlebten, wünschen schon den definitiven Anbruch der antisemitischen Aera herbei, damit sie dann abzuwirthschaften beginne. Allerdings eine etwas resolute Hoffnung!... Viennensis.

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