Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-12 · Heft 19 (12.5.1893) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 19 (12.5.1893)
Date
1893-05-12
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228006--49777-3271359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

218 Die Wahlen. Berlin, 8. Mai, Der Reichstag ist aufgelöst, und in wenigen Wochen werden alle deutschen Männer zur Wahlurne schreite». Die Frage liegt nahe: Welche Bedeutung haben diese Neuwahlen für uns? Wir haben es oft schon und nachdrücklich betont, daß wir eine jüdische Politik nicht kennen und nicht wollen. Das Gerede von einem jüdische» Centn»», das jüngst anftauchte, ist uns wie eine müßige Phantasiegeburt erschienen, „erzeugt int Gehirne der Thoren". Wenn wir trotzdem auch als Inden veranlaßt werden, zu der neuen Konstellation der politischen Verhältnisse Stellung zu nehmen, so sind wir dazu durch unsere Gegner gezwungen worden. Cs erscheint uns nothwendig, dies gerade heute ausdrücklich zu betonen. Unsere Stellung aber läßt sich in zwei Sätzen charakterisiren. Der erste lautet: Wir sind deutsche Staatsbürger und haben als solche unsere staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten zu erfüllen. In allen Parteien des deutschen Reiches befinden sich Juden; hätte die konservative Partei uns nicht mit Gewalt zurückgestoßen, so iväre die Zahl der Juden in dieser Partei eine entsprechende. Nichtsdestoweniger giebt es viele Juden, welche in politischer Beziehung konservativ sind, ebenso viele, welche zur uationalliberalen Partei gehören, eine große Anzahl, die sich der Fortschrittspartei angeschlossen haben, weil diese zuerst und ohne jeden Vorbehalt für die volle Gleichberechtigung aller Konfessionen eingetreten ist. Je nach dem politischen Standpunkt, und u u r von diesem aus, werden nun auch die jüdischen Staatsbürger in Deutschland zur Wahlurne schreiten und die Männer wühlen, von denen sie glauben und hoffen, daß sie das Wohl des Staates und das Heil des Vaterlandes ausschließlich im Auge haben. Denn der Satz: „Das Wohl des Staates ist das oberste Gesetz", ist eigentlich nicht altrömischen, sondern altjüdischen Ursprungs. Mit dieser staatsbürgerlichen Pflicht kollidirt aber keineswegs die Pflicht der Selbsterhaltung, die wir als Juden zu erfüllen haben, und Niemand kann es uns verwehren, wenn wir als zweiten Satz diesen aufstellen: Welcher Partei wir auch angehören, wir dürfen Keinen wählen, der ein Gegner der Juden ist. Der Antisemitismus ist keine politische Ueberzeugung wie jede andere; sein Streben geht dahin, den Juden ihre bürgerlichen Rechte zu nehmen und sie aus ihrem Vaterlande zu vertreiben. Der Antisemitismus trachtet uns also nach dem Leben. Deshalb müssen wir uns gegen Diejenige», welche sich zu dieser Partei bekennen, mit aller Kraft und Entschiedenheit wehren, müssen wir alle erforderlichen Mittel aufbringen, um unsere gute und gerechte Sache zu schützen und zu vertheidige». Das ist unsere Politik — und wir glaube», daß jeder rechtlich denkende und objektiv urtheilende Mensch dieselben wird billigen müsse». B. 0. Zeitgemäß. Von Tr. Ludwig Hannes i» Berlin. Die Zunahme der antisemitischen Strömung in Deutschland ist die Thatsache, welche das für Religion und Judenthum warm empfindende Gemüth in unserer Zeit am meisten beschäftigt. Tie Macht der Lüge, der Einfluß der gewerbsmäßigen Verleumdung geht aber im praktischen Leben sogar so weit, daß er nicht nur Andersgläubige, sondern, wie es leider in bedauerlicher und bedenklicher Weise nicht selten heute zu Tage tritt, auch unsere Glaubensbrüder in die Irre führt, daß selbst manche von unseren Glaubensgenossen ob der ewigen Vorwürfe, die ihnen gemacht werden, wenn sie nicht in der Lage sind, dieselben von sich zu weisen, das Vertrauen zu ihrem Glauben verlieren und deffen Erhabenheit anzuzweifeln drohen. Daraus erklärt sich die religiöse Interesselosigkeit eines großen Theils i der heutigen Juden, daraus die Gleichgiltigkeit gegen unsere heilige! Lehre, daraus der so häufige Abfall reicher und gesellschaftlich hoch- 1 stehender Israeliten vom Judenthum, wenn in letzterem Falle wohl auch noch niedrigere Gründe mit vorliegen, daraus der drohende; Verfall des jüdischen Lebens, die Scheu mancher Israeliten, ini : Privatleben ihr Judenthum zu bekennen, für dasselbe einzutreten; j hieraus die Mode, sein Judenthum möglichst geheim zu halte» und die Sucht, womöglich als Nichtjude zu gelten, sollte atich die auf ben Gesichtszügen zufällig sich lebhaft ausprägende orientalische Abstammung ihr Gebahren noch so sehr Lügen strafen und verächtlich machen; die Sucht, mit Christen, auch wenn sie verkappte Antisemiten sind und ihre Abneigung gegen jede Berührung mit z Juden recht deutlich zeigen, zu verkehren; hieraus die Thorheit, in! diesem Verkehr eine gewisse Ehre und Bevorzugung zu erblicken. Die! Folge davon ist die nicht genug zu brandmarkende Demüthigung! mancher Glaubensgenossen, die den völligen Verlust ihrer Selbst-! achtung und ihres Selbstbewußtseins bekundet, j Hier drängt sich uns die Frage auf: Welche Mittel stehen uns j außer den bereits angewandte» zur Verfügung, diese Mißstände abzustellen? : Die erste, unerläßliche Bedingung ist natürlich die volle Erkenntniß : der letzteren. Wir wollen unsere eigenen Fehler nicht verheimlichen,! sondern aufdecken; jede Art von Beschönigung ist hierin gefährlich, i Wir haben diese Mißständc angedeutet; was thun wir, um die Zu-! stände zu bessern? Hier richtet sich unser Augenmerk vor Allem auf Diejenigen, tvelche berufen sind, dos Judenthum nach jeder Richtung hin zu ver-! treten, für daffelbe zu arbeiten und zu ringen, demselben zu nützen,! auf unsere Rabbinen. Wenn wir uns erlauben, den verehrten Herren : Rabbinern in dieser Beziehung einen unserer Ansicht entsprechenden j bescheidenen Vorschlag zu machen, so geschieht dies aus dem Grunde,! weil unsere Ueberzeugung nach die Aintsthätigkeit derselben, mit! Rücksicht auf die in Rede stehenden Mißstände, sich auf kein genügend! großes Arbeitsfeld erstreckt. Die Predigt reicht allein nicht aus, j das schlummernde Selbstbewußtsein im Judenthum zu beleben. Ganz; abgesehen davon, daß ihr mit Rücksicht auf die gebotene Wahrung , der Würde und Erhabenheit ihrer rhetorischen Stellung in einer j offenen und rücksichtslosen, das Publikuni möglicherweise verletzenden! Behandlung derartiger hervortretender Mißstände gewisse Grenzen! gezogen sind, richtet sich ja ihr Einfluß nicht auf Diejenigen, auf i welche die Predigt in erster Linie wirken sollte, als vielmehr auf die, : welche noch Herz und Sinn für das Judenthum haben und religiöses Interesse genug, um die Synagoge regelmäßig zu besuche». Eine wie große Klasse von Glaubensgenossen giebt es aber, die durch : ihren Beruf an der Theilnahme am sabbathlichen Gottesdienste gej hindert sind und trotzdem für religiöse Belehrung empfänglich wären. - Eine wie große Klasse von anderen giebt es weiter, die trotz ihrer religiösen Gleichgiltigkeit sich dennoch bewogen fühlen möchten, die Stätte religiöser Belehrung aufzusuchen, wenn die letztere ihnen in einer von ihren beruflichen Pflichten nicht in Anspruch genommenen Zeit geboten würde. Der praktische Sinu, der ein Auge hat für die Bedürfuisse unseres religiösen Lebens, darf sich der Thatsache nicht verschließen, daß die religiösen Pflichten und Neigungen mit den Berufs- Interessen, deren Wahrnehmung sich an den vom Gesetze gegebenen Maßstab zu halten hat, nicht selten in einen Konflikt gerathen, in welchem natürlich das praktische Leben mit seinen unmittelbaren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.