Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 doch in demselben einen Beweis dafür, daß sie zu meiner Person, beziehungsweise zu meinem Vorgehen Vertrauen hegen. (Allgemeine Zustimmung.) Ich hoffe, daß Sie sich in diesem Vertrauen nicht getäuscht haben werden, denn meinerseits entschließe ich mich nicht leicht zu einem wichtigen Schritte, doch habe ich mich von der Nothwendigkeit einer Verfügung überzeugt, dann pflege ich nicht mehr zu wanken. (Eljenrufe.) Ich vertraue in die Gerechtigkeit meiner Sache, in die Reinheit meiner Ueberzeugung und in die Kraft meines Willens. Ich bin überzeugt, daß, was für ein Hinderniß auch dazwischen kommt, bei der Durchführung meines kirchenpolitischen Programmes dasselbe von der Tagesordnung nicht mehr schwinden wird. Mit Dank nehme ich Ihre Erklärung auf, daß Sie nicht drängend auftreten. Dies beweist nur, daß Sie Vertrauen zur Regierung Hab en, daß alles das, was ich über die Rezeption der jüdischen Religion im vorigen Jahre in der Gesetzgebung und anderswo gesagt habe, auch heute unverändert aufrecht steht, und daß keinerlei Abweichung von diesen meinen Erklärungen am Platze wäre. Ich hoffe daher, daß die Gesetzgebung sich nicht in ferner, sondern in naher Zukunft mit diesen Vorlagen beschäftigen wird. Behalten Sie mich in freundlichem Angedenken." Die Mitglieder der Deputation, mit welchen der Minister freundliche Worte und Händedruck gewechselt, entfernten sich hierauf in gehobener Stimmung. Serbien. * Belgrad, 20. April. Der König empfing gestern eine Abordnung der serbischen Judenschaft. Er erwiederte auf ihre Ansprache, daß, wie die serbische Judenschaft seinen Vorfahren auf dem Throne so auch seinem Herzen wegen ihres bewährten Patriotismus sehr nahe stehe. Wiewohl ihre Rechte durch die Verfassung geschützt werden, versichere er sie noch seines besondern Wohlwollens und ersuche sie, allen ihren Religionsgenossen seinen königlichen Gruß zu entbieten. Von Nah und Fern. Der Kaiser hat nach einer dem Vorsitzenden des Orient-Ausschusses in Berlin, Professor Dr. Richard von Kaufmann, gewordenen Mittheitung durch Ordre vom 17. April zu den Kosten einer Expedition zum Abschluß der Ausgrabungen des Orient-Ausschusses in Sendschirli in Nord-Syrien ein Gnadengeschenk von 25,000 Mark bewilligt. — Herr Hugo Landau, Mitinhaber des Bankhauses Jacob Landau und Aeltester der Kaufmannschaft, ist zum königl. Kommerzienrath ernannt worden. — Der deutsch-soziale (antisemitische) Wahlverein für Norddeutschland hat sich jetzt endgiltig konstituirt. Er will die Deutsch-sozialen Nordwest-Deuschlands: Hannover, Bremen, Oldenburg, Braunschweig, Lippe-Schaumburg, Lippe-Detmold, Waldeck, Minden-Ravensberg vereinigen. — Die antisemitische „Reformpartei" im Königreich Sachsen wird im Fall der Reichstagsauflösung in acht sächsischen Streifen eigene Kandidaten aufstellen. — Gegen den in Untersuchungshaft befindlichen Kaufmann Karl Paasch ist jetzt die Anklage wegen Beleidigung des Reichskanzlers re. erhoben worden. — Das parlamentarische Strafgericht gegen den Abg. Ahlwardt wurde in der Reichstagssitzung vom 25. d. M. fortgesetzt. Wir verweisen in dieser Beziehung auf die Berichte der Tagesblätter, da jeder Auszug den tiefen Eindruck dieser Verhandlungen abschwächen würde. — Wie verlautet, ist gegen den antisemitischen Agitator Schwennhagen das Strafverfahren wegen verleumderischer Beleidigung von Staatsbeamten eingeleitet worden. — Für den Fall der Auflösung des Reichstages wird der ReichstagsabgeordneteDr. Böckel in Bingen-Alzey, dem Wahlkreis des Abgeordneten Dr. Bamberger, kandidiren. — Der Hamburgische Staat will russische Auswanderer in Hamburg j nicht mehr anfnehmen und verlangt deshalb von preußischen Staats-! bahnverwaltungen Fahrkarten an solche Auswanderer ferner nicht ertheilt! werden. Die mit der Eisenbahn in Grenzstädten eintreffenden russischen j Auswanderer, welche über Hamburg nach Amerika zu reisen beabsichtigen,! werden deshalb nicht weiter befördert. — Nach zwölfstündiger Verhandlung verurtheilte das Schwurgericht zu A l t o n a die Antisemitenführer Manufakturwaarenhändler August und Emil Andersen aus Altona wegen betrüge-! rischen Bankrotts und Wechselfälschung zu 21/2 bezw. 1^Jahren Zuchthaus.! — Die Strafkammer zu Nürnberg entschied gleich dem Vorrichter, der Presse! stehe der § 103 des Strafgesetzbuches (Wahrnehmung berechtigter Interessen)! bei Zurückweisung antisemitischer Hetzereien schützend zur > Seite. — Wegen gröblicher Beleidigung des praktischen Arztes Dr. med. Salomon in Geringswalde bei Döbeln wurde dieser Tage der ver- | antwörtliche Redakteur A Schroot von der antisemitischen „N. Dtsch. Ztg." in Leipzig zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. — Es giebt in Deutschland 50 Vereins - Stiftungen zur Beförderung der Handwerke unter den Juden, 14Alterversorgungsanstalten und Asyle, 25 Kranken- und Siechenhäuser, 14 Rabbiner- und Lehrerseminare, 12 Real- und höhere Bürgerschulen, 19 Waisen- und Erziehungshäuser, 30 Volksbildungsvereine und Bibliotheken, 17 Vereine von Rabbinern und Lehrern, 17 Stiftungen zu Gunsten von Gemeindebeamten, 4 Anstalten für Volksverpflegung. - Baron Nathaniel von Rothschild in Wien hat seine prachtvolle Schloßbesitzung Hinterleithen bei Reichenau dem Vereine zur Errichtung einer klimatischen Heilanstalt für arme Brustkranke geschenkt. — Das Kuratorium der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien hat die Herren Professoren Dr. D. H. Müller und D. Kaufmann zu Lehrern gewählt. — Im böhmischen Landtag interpellirte der Abgeordnete Richter wegen der Vorgänge in Kolin, die mit lange vorbereiteten Hetzereien zusammenhingen, und fragte an, ob dieRegierung geneigt sei, diesen Hetzereien entgegenzutreten und den Mitbürgern jüdischer Konfession ihre Sicherheit wiederzugeben. -- Die Stadtvertretung von Kolin beschloß in geheimer Sitzung, ihr tiefstes Bedauern über die Ausschreitungen gegen die Juden auszusprechen und um eine ständige Garnison j für Kolin anzusuchen. - Während der Judenhetze in Kolin und Umgebung wurde auch in Neu-Beuatek in Böhmen die Auffischung der 1 Leiche einer seit November vermißten Dienstmagd aus dem Jserfluß zum Anlaß der Kolportirung des Gerüchtes eines rituellen Mordes genommen. Die Sicherheitsbehörde sah sich veranlaßt, die Gendarmerie des Ortes um 20 Mann zu verstärken. — Ein antisemitisches Wiener Blatt brachte eiw Korrespondenz aus Gran, der Residenzstadt des Fürstprimas Vaszary, welche auf die wirklichen Urheber des Attentates gegen den Kirchenfürsten scharfe Streiflichter fallen läßt. Nach dieser Korrespondenz hat Csolics den Mordversuch auf den Fürstprimas unternommen, „weil angeblich Kardinal Vaszary der Freund und Schützer der Juden ist." — Eine in Braila abgehaltene Versammlung israelitischer Reservisten richtete an den König eine Petition, in welcher sie den obersten Kriegsherrn um Schutz gegen die auch auf rumänische Soldatenkinder israelitischer Kon fession sich erstreckende Beschränkung des unentgeltlichen Unterrichts bittet. — Der in Bukarest tagende nationale Sozialistenkongreß erklärte sich für die politische Emanzipation der rmnänischen Juden. — Wie dev Bukarester „Romanul" meldet, hat Baron Hirsch drei Millionen Franko für die Gründung von Gewerbeschulen in Rumänien gespendet. Dü Rumänier haben sich dafür sehr dankbar erwiesen! — Der deutsche Kaiser hat, wie aus Rom berichtet wird, dem Generalsekretair initalienischen Ministerium des Auswärtigen, Malvano, den Kronen Orden l. Klasse mit Brillanten verliehen. — Das Leichenbegängniß vor Adolphe Fran ck fand am 13. April statt. Vor der Beerdigung auf den- Kirchhof Montparnasse hielten Leichenreden: Ter Grand Rabbi Zado Cahn für die jüdische Gemeinde, Tareste für die Akademie, Boissier fih das Collöge, Joly für die Liga gegen den Atheismus und de Rosnr für die ethnographische Gesellschaft. — In dem Prozesse gegen dü Direktoren der „Hansard Union", die wegen angeblich betrügerischem Machenschaften bei Gründung der Gesellschaft in Anklagezustand versetz! worden waren, hat die Jury den ehemaligen Lordmayor von London. Henry Jsaacs, freigesprochen. — Staats-Senator B. S. Weil von Wisconsin starb am 24. März im Alter von 91 Jahren in Chicago. Er kam aus dem Elsaß nach Amerika, trieb Ackerbau unfern Milwaukee, wo er ein großes Grundstück ankauste, und gründete auf demselben dam jetzt bedeutende Städtchen Schlesingerville. Er stand in hohem Ansehen, bekleidete verschiedene politische Aemter, zuletzt das eines Staats-Senators. Er war und blieb mit seinen Kindern ein glaubervstreuer Israelit und freisinniger Bürger. — Aus Tetuan wird gemeldet, daß ein Korps berittener Mauren absichtlich und ohne Grund einen Haufen Jude:- überrannt und einen zu Tode getreten haben, während viele andere schwer verwundet worden seien. In Tetuan herrscht in Folge beffcu unter den Juden große Bestürzung. Nachdem der spanische Konsul eingeschritten, ist die Ordnung wieder hergestellt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.