Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 daß auf dem Gebiete der Judenverfolgungen die äußerste Grenze bereits erreicht ist, hat es die sorgsame Regierung des Zaren begonnen, das innere Leben der russischen Judenheit zu reformiren und zu regeln. ''Alles läuft natürlich auf Beschränkungen und Unterdrückungen hinaus. Die Rabbinerkonnnission soll nach der einen Ansicht Mittel und Wege suchen, um in die Geburtsregister der russischen Juden, welche in Rußland von den Rabbinern geführt werden, mehr Ordnung zu dringen. Im Allgemeinen sollen der Rabbinerkonnnission Fragen über das religiöse und Gemeiudeleben vorgelegt und nach dem Gutachten derselben entsprechende Reformen vorgenommen werden. Die Rabbinerkonnnission, welche auf die Initialste des Zaren Nikolaus I. in den vierziger Jahren entstanden ist, ist seit dem Jahre 1879 nicht mehr zusammen gerufen worden. Ursprünglich war ihr Zweck, der Negierung bei der Aufklärung der Juden zur Hilfe zu sein intb der judcnfreundliche Minister der Volksausklärung, der humane Graf Uwarow, hat sich von der Rabbinerkonnnission viel versprochen Sie führte damals den Namen: „Rabbinerkonnnission zur Bildung der Juden in Rußland" und sollte jährlich zusammenberufen werden, aber im Jahre 1853 schon hat das Ministerium den Beschluß gefaßt, die Kommission aufzulösen und sie nur in außerordentlichen Fällen zusannnen zu rufen. Außer einigen Gutachten in den ersten Jahren ihrer Entstehung hat die Kommission während eines ganzen Jahrzehnts nichts Nennenswerthes geleistet, indem diese ganze Institution eine unnöthige war und auf die büreaukratischen Gelüste der russischen Regierung zurückzuführen ist. Waren aber ursprünglich tue mit der Rabbinerkonnnission verbundenen Absichten für die Aufklärung der Juden abgesehen, so ist jetzt das Gegentheil der Fall. Neue Beschränkungen und Bedrückungen auf dem Gebiete des religiösen nnd des Gemeindelebens unter dem Deckmantel der nöthigen Reformen sollen das Endresultat der Rabbinerkommission sein. s. Kiew, 5. April. Der General gouv er neu r vom Kaukasus hat sämmtlichen Gouverneurs des ihm unterstellten Gebietes Cirkulare eingesandt, wonach das Aufenthaltsrecht der Juden im Kaukasus mit übermäßiger Strenge gehandhabt werden soll. Demgemäß müssen viele seit Jahrzehnten im Kaukasus lvohnende Juden das Gebiet verlassen, wobei die Betroffenen meist Handwerker und arme Leute sind. Zu gleicher Zeit wird binnen Kurzem, wie der „Reichsanzeiger" meldet, dem Reichsrathe die Frage über die Ausschließung der Stadt Jalta in der Krim aus dem jüdischen Ansiedlungsrayon unterbreitet werden. In der betreffenden Stadt wohnen mehrere tausend Juden, welche alsdann die Stadt werden verlassen müssen. Von Unh und Fern. Die Natten fangen an das Schiff zu verlassen. In der letzten Versammlung der „christlich-sozialen Partei" sprach sich Herr Stöcker sehr scharf gegen den Radau-Antisemitismus aus. Ter „antisemitische Volksverein" in Berlin erklärt feierlichst Herrn Ahlwardt in Acht, den auch Tr. König in Witten schon preisgegeben. Und zum Schluß erklärt auch Herr Sch wennhagen, „er ziehe sich von der antisemitischen Bewegung zurück" — Ein Pamphlet des genügend gekennzeichneten Paulus Men er gegen orthodoxe Protestanten: „Wölfe im Schafsstall, Schafe im Wolfspelz" ist auf Verfügung des Staatsanwalts mit Beschlag belegt worden. Gegen Rechtsanwalt Hertwig hat anläßlich seines Verhaltens in dem gegen Ahlwardt geführten „Judenflintenprozeß" das Ehrengericht der Anwaltskammer des Kammergerichts auf „Verweis" erkannt. — Der frühere Redakteur des „Volk", Balla, ist wegen Beleidigung der Mitglieder des Landgerichts Cleve gelegentlich einer Besprechung des Bnschhosfprozesses zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden. — Zur rechten Zeit wird daran erinnert, daß Ahlwardts früherer Vertheidiger, Dr. Stein, schon vor einem Jahre geschrieben hat: „Ich kann mir schon denken, was die piece de resistance sein wird: voraussichtlich die Tiest-Dabersche Affaire. Dann wird das Dutzend Bleichröderscher Meineide wohl voll gemacht werden; Miquel wird uns als Bundesgenosse des Judenthums vorgeführt werden, vielleicht wird uns sogar Fiirst Bismarck enthüllt werden — und die Beweise! — 1 k o Centner Makulatur, die er von einen! früheren Portier der Dis' kontobank erworben hat" — Herr Ahlwardt, der kürzlich von Hermann Bahr in einem urkomischen Jnterwiev geschildert worden, hat natürlich Alles widerrufen. Ebenso natürlich versichert Hermann Bahr in der „Deutsch. Zeitg." auf sein Ehrenwort die Richtigkeit seiner Unterredung mit Herrn Ahlwardt und die „absolute Unwahrheit" derAhlwardtschen Antwort. Wir haben nicht einen Augenblick an der Wahrhaftigkeit des Berichtes von Bahr gezweifelt Die Meldung antisemitischer Blätter. Bahr sei Jude und heiße eigentlich Behr, ist selbstverständlich eine Lüge! B. entstammt einer uralten, strengkatholischen Familie in Linz und huldigte in seinen Studentenjahrcn selbst der antisemitischen Richtung, von der e: sich erst in reiferen Jahren abgewendet hat. — Die Gattin des vor 4 Jahren verstorbenen Geh. Kommerzienraths V. Mannheimer, Frau Philippine geb. Behrendt, ist diesem am 5. d. M. nach kurzen! Krankenlager in den Tod gefolgt. Frau Geheimräthin Mannheimer, welche ein Alter von 72 Jahren erreicht hat, z.ichnete sich, ebenso wie ihr Heimgegangene! Gatte, durch große Menschenfreundlichkeit, durch stilles Wohlthun aus. - Die Nachricht, daß Abg. Dr. Arendt, der gar nicht Mitglied dee- Reichstages, den konservativen Antrag betr. die Einschränkung der jüdischen Einwanderung unterschrieben habe, erweist sich als unrichtig — Die Kultusbeamten in Elbing, welche bis dahin von der Kommunal stener befreit waren, wurden 1892 zu derselben herangezogen. Auf ein Beschwerde der Betheiligten hin beschloß die Stadtverordnetenversammlung, auch in der Folge von dieser Steuer zu befreien. - Die Meldung, dar die Nationnlliberalen in Nürnberg einen Antisemiten als Land tagsabgeordneten aufstellten, bedarf der Richtigstellung. Der Vor stand des Nationalliberaten Vereins, gezeichnet „H. Dietz", veröffentlich folgende Erklärung: „Unter Bezug auf die Notizen in verschiedener Zeitungen konstatiren wir auf Grund von Erklärungen des Großhändler- Herrn Karl Sachs, daß derselbe weder Anhänger des Antisemitismus noch ein intimer Freund des Hofpredigers Stöcker ist." — Die königl. israelitische Oberkirchenbehörde für Württemberg hat Pohlmann Schrift „Das Judenthnm und sein Recht" an alle Gemeinden des Landerunentgeltlich vertheilen lassen und mittelst Erlasses angeordnet, daß di Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus an Kosten der Gemeindekasse angeschafft werden können. - Jehuda Cassuttr. der Chasan und Prediger der Portugiesischen Gemeinde in Hamburg, ist am Freitag den 10. d. Bst in seinem 85. Lebensjahre gestorbei. Cassutto war ein großer Sprachkenner; er soll 12 —14 lebende Sprache beherrscht haben. Als 18jähriger Jüngling kam er aus seiner Vater stadt Amsterdam nach Hamburg und wurde 1828 als Chasan uio Prediger angestellt und als solcher sehr beliebt und geschützt. Außerdem war er als vereideter Translator bei den Hamburger Behörden thätig. - Bei einer Schwurgerichtsverhandlnng, in der ein jüdischer Journalist von einem antisemitischen angeklagt war, hielt der Vorsitzende de.> Gerichtshofes in Wien die folgende objektive Ansprache an de Geschworenen: „Bevor ich Sie in das Verathungszimmer gehen lass', muß ich Sie noch auf einen Umstand aufmerksam machen. Es spielt in dein heutigen Prozesse eine Frage mit, welche in vieler Beziehung übertrieben ist, und diese Frage spielt hier eine große Rolle. Wenn mm behauptet wurde, daß Parteien vor Ihnen stehen, welche die Repräsentant« n zweier entgegengesetzten Strömungen sind, so wäre dies eine falsche An legung, und da bitte ich Sie, seien Sie dessen eingedenk, daß es unsere Aufgabe nicht sein kann, uns in das unfruchtbare Gezünke der politischen und sozialen Parteien zu mischen. Unsere Aufgabe ist weit höher uro erhabener, es ist dies nämlich die Aufgabe, nur das Recht zu finde'-, welches Jedem sein muß, welchem Stamme er auch angehöre. Ich bitn' Sie daher, sich nicht von einer politischen Leidenschaft ergreifen zu lasstu und nur die gesetzliche Aufgabe wirklich zu erfüllen." — In Paris ü vor Kurzem der Kapitain der Gendarmerie M. Samuel gestorben, den der Grand-Rabbin von Lille einen warmen Nachruf widmet. S. nun ein tapferer und tüchtiger Soldat, ein begeisterter Jude und ein Kenn r des jüdischen Schriftthums. — In New-Aork ist im Filter von 68 Jahr n der Rabbiner A. P. Mendes gestorben. Derselbe war in Jamai a geboren und lebte zuerst in London, dann in New-Iork. Von ihm sind zahlreiche Schulbücher und Reden erschienen. - Die Juden in Hamaden sind noch immer den größten Verfolgungen ausgesetzt, da der neue Gouverneur noch viel grausamer ist, als es sein Vorgänger gewesen. Dieser stellt an allen Straßenecken Soldaten auf, welche die Jud» beobachten und öffentlich beschimpfen. Frauen und Kinder sind v-n' Insulten nicht sicher. Druck und Verlas von Rudolf Müsse in Berlin Verantwortllck für du Redaktion - Mar Bauckwih in Berlin.