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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 40 Jahren, als »och keine Spur von Antisemitismus herrschte, den Grundsatz aufgestellt, daß die wahrhafte Solidarität der Juden diese ist: „Die Theiluahnie Aller an der Selbstständigkeit unseres Glaubens, an der Verbreitung der meuschengeschlechtlichen Bildung unter nnsern Glaubensgenossen und an der Durchführung und Verwirklichung der bürgerlichen Gleichstellung durch die ganze Welt." Für diese drei Momente haben wir allesamint cinzutreten, für diese haben wir Opfer zu tragen und können wir Opfer verlangen. Eine andere Solidarität existirt nicht. So wenig wir geneigt sind, die Verdienste eines Juden aus alle zu vertheilen, ebenso wenig können wir es zugeben, das; man die Sünde eines Inden uns Allen zuschreibe. Oer hartherzige Wucherer, der einen Christen bedrängt, vergeht sich zunächst gegen die religiöse» Vorschriften des Judcnthnms. Derjenige, welcher eine andere Religion angreift oder ihre Einrichtungen verspottet, handelt ebenfalls gegen die religiöse» Gebote des Judenthuins, dessen hervorragendste Lehrer auch selbst im Mittelalter gerade die hohe iveltgeschichtliche Mission des Christenthums immer freudig anerkannt haben. Also auch nicht einmal von religiöser Seite ist eine Einwirkung in derartigen Dingen möglich. Besitzen wir somit weder Machtmittel noch Institutionen, sind wir nicht im Stande, durch moralische oder religiöse Einwirkungen irgend welche Ausschreitung zu verhindern, so höre inan endlich einmal auf, das gestimmte Judenthum für die Thaten Einzelner verantwortlich zu machen. Auch wir haben »ns ja nicht an den Herrn Kardinal Dr. Kopp, dessen wahrhaft edle und humane Gesinnung Allen wohl bekannt ist, der wiederholt die ausdrückliche Erklärung abgegeben, das; in seinen; Sprengel der konfessionelle Friede gewahrt bleiben solle, mit der Bitte gewendet, die Angriffe katholischer Blätter wegen Ritualmords, die das Judenthum in seinen; tiefsten Kern schmähen und verleumden, z» verhindern. U Theodor Mommsen über den Antisemitismus. Berlin, 12. April. Der gefeierte Historiker, der schon vor Jahren in einer eigenen Schrift gegen den Antisemitismus ausgetreten, der aber gleichwohl hie und da durch aus dein Zusammenhang gerisseue Citate von dessen Partisanen sogar als Zeuge gegen das Judenthum aufgerufen wurde, hat neuerdings Veranlassung genommen, sich abermals in sehr entschiedener Weise gegen die antisemitische Bewegung auszusprechen. In der Wiener „Deutschen Zeitung" wird eine Unterredung initgetheilt, die Hermann Bahr mit Professor Mommsen hatte. Monnuseu äußerte steh folgendermaßen zu dieser Frage: „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was richten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das friiher and) gemeint und immer und innner wieder gegen die ungeheure Schmachprotestirt, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist Alles umsonst. A'as ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argmnente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichsten Instinkte. "Alles Andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft Recht, und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll man auch einem sagen, der dem „Rektor aller Deutschen" folgte Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel giebt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied; Kanaille bleibt Kanaille und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera, man kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert. Und das j kann doch jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja! doch einmal erschöpfen, und über Ahlwardt hinaus noch weiter kann sie j doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur! allmählichen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet! der Wahn, der so viele Gemüther bethört und unsere ganze Kultur! um hundert Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle unsere Gründe und die! besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zu i gänzlich ist, der kann ja überhaupt gar nicht Antisemit sein. Wer aber! nur seinem wilden Hasse gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt j den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht 31 | widerlegen, w ie keine Krankheit zu widerlegen ist. Man muß ge I duldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkessichvon selber j aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft. Freilich kann man dü : Gesundung vielleicht beschleunigen und fördern, wenn man ihr die Unter! stützung moralischer Kräfte gewährt. Und da habe ich lange schon : einen Gedanken, der mir wirksamer als Ihre Enquete erscheint. Wae; soll man Ihnen Neues gegen den Antisemitismus sagen? Und wenn - man etwas fände, was würde es nützen? Alle Mittel der Vernunft wirken da nichts, aber das Gewicht großer Namen, die Autorität würdi j vielleicht wirken. Den Einzelnen hört man gar nicht an, aber eiw? internationale Erklärung könnte sich doch Achtung erzwingen. Wenn! man einen kurzen Protest gegen den Antisemitimus ver! fassen würde, der in ein paar Sätzen die bekannten Grund-.! wiederholte und von allen irgendwie bedeutenden Männer: i Europas unterschrieben wäre, ob sie nun zur Wiffenschaft ode> zur Kunst oder zur Politik gehören, von den geistigen Edelleutei! aller Länder und Völker, das, denke ich, könnte seine Wirkung I; nicht verfehlen. Da wäre ich mit voller Begeisterung dabei. Gerad-! Sie, als Oesterreicher, könnten es mit Erfolg beginnen: Sie haben jo | das Glück, eine unverdorbene, an Gesinnung und Sitten vornehm! Aristokratie zu besitzen, welche ihren Namen verdient und ihre Tradi; tionen ehrt und allen Versuchungen des Antisemitismus tapfer wieder standen, ja nicht gezögert hat, sich in das erste Treffen des großer. Kampfes für die Freiheit zu stellen. Sie könnten so für diesen Protei i manchen stolzen Namen gewinnen, von dem niemals seit Jahrhunderte:! der Ruhm gewichen ist. Das brächte am Ende vielleicht doch einen ode! den anderen zur Besinnung, und wenigstens wäre unsere Ehre vor dei Enkeln gerettet, wenn wir ihnen ein Dokument lassen könnten, das all I Guten aller Völker im Bunde gegen die schimpfliche Krankheit de! Zeit zeigt."! Die Anregung, die Mommsen in diesem Gespräch gegeben, n eine sehr werthvolle. Hoffentlich wird sie nicht verloren gehen Ein solcher Protest, wenn er auch für den Augenblick nicht gerad von großem Erfolg sein sollte, wurde doch ein wichtiges Dokumen für die Zukunft bleiben. U Aus der Berliner Gemeinde. Berlin. 9. April Für die Einführung eines Rabbiners in sein Amt giebt es bc | uns noch keine bestimmte, nicht einmal eine allgemein angenommen^ i Form. Wir glauben darum sicher, daß der Bericht über di> l Einführung des Herrn Rabbiners Dr. Weisse für alle mifei■! Leser von Interesse sein wird, zumal da die bei diesem Anlasse gc haltencn Reden eine weit über den bestimmten Fall hinausgehend Bedeutung haben. Die Feier fand vor dem Abend-Festgottes j dienste am 6. d. Mts. in der Synagoge der Hehdcrcutergasse stall; Zu derselben waren das Rabbinat, der Gesainmt-Vorstand, dt i Repräsentanten und sämmtliche Synagogen - Vorstände geladen. Nach Absingung des Ma Tobu durch den Synagogenchor hieü Herr Justizrath Meyer die folgende Ansprache an den neugewähltcr Rabbiner:

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