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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-14 · Heft 15 (14.4.1893) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 15 (14.4.1893)
Date
1893-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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57. Jahrgang. Nr. 15. Berlin, 14. April 1893. Allgemeine eitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. - Abonnements-Vreis: Dnrch Buchhandel, j V oü oder direkt von der Expedition in Berlin i unter Streisband bezogen Vierteljahr!. 3 M.! medactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Lonn Verlags-Trpedition: Gerlin, Jerulalemerllr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Ervedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des ZuoeiiNnlino", Berlin 8^V.. Zernsalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. Inlsltü. Leitartikel: Für die „Germania". — Theodor Mommsen über i en Antisemitismus. — Ans der Berliner Gemeinde. — Interkonfessionelle nnd ionsessionelle Humanität. — Tie Rezeption der jüdischen Konfession in Ungarn. Aon Blumgrund. — Jsak Ron Mannheimer. Aon Gmanuel Baumgarten. Tie Inden und die Herrschaft der Griechen. Aon Ernst Renan. (Fortsetzung). — FeuiUetorr: Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Ae ly. (Forts.) -- Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Wollii'in, Samter. Breslau, Hildesheim. Köln. Düsseldorf, Frankfurt a. M.. Wien, Budapest. Lemberg. Paris. Rmn. Petersburg. Kiew. — Bon Nah und Fern. — Niscetterr. — Geschäftliche Notizen. Für die „GermaniaT Berlin, 12. April. Die „Germania" hat vor einigen Tagen zwei sehr scharfe Aufsatze /egen ein hiesiges politisches Blatt gebracht, dessen „Osterartikel" ihm schlimmer erschien als die größten antisemitischen Exzesse". Sie meint, aß derartige Angriffe die christliche Bevölkerung hie und da zu mein „Akt der Selbsthilfe" treiben könnten; und sie wendet sich schließlich an die Juden selbst mit folgenden Worten: „Wenn ein- --chtigere Juden derartige unerhörte Herausforderungen zu verhindern nicht gewillt sind, dürfen sie sich über die daraus entstehenden Folgen nicht beklagen." Es ist natürlich, daß wir ans diese Herausforderung die Antwort! Acht schuldig bleiben können. Von vornherein wollen wir aber! emerken, daß wir jenen inkriminirten „Osterartikel" nicht gelesen j oben. Auch steht es keineswegs fest, daß der Verfasser desselben! in Jude ist. Was uns aber wichtiger erscheint, ist die Erklärung, die! wir schon mehr als hundert Mal in der feierlichsten Weise abgegeben,! aß wir als Juden von unserm religiösen Standpunkte aus jeden > ''Ingriff gegen und jeden Spott über die Dogmen und Einrichtungen! v'gend einer anderen Religion auf das Entschiedenste verurtheilen. | Tolche Erklärungen sind, wie gesagt, schon unzählige abgegeben! worben, aber sie haben auf unsere Gegner keinen Eindruck gemacht.; 'Die taktlosen Angriffe Einzelner waren ihnen vielmehr stets ein j willkommenes Objekt für ihre Angriffe auf unsere Gesammtheit, j und darum erscheint uns auch die sittliche Entrüstung der „Germania" üt etwas eigentümlichem Lichte. Wäre sie echt und wahr, dann lätte diese Entrüstung doch wohl andere Worte und sicher auch widere Waffen, als die versteckte Aufforderung an die christliche Bevölkerung zu „Akten der Selbsthilfe", gefunden. Dann hätte vielleicht die „Germania" ihrem Appell an die „einsichtigen Juden" auch den uns sehr willkommenen Rath hinzugefügk, wie wir eigentlich derartige Herausforderungen zu verhindern im Stande seien? Seit Jahren, seit Beginn der antisemitischen Bewegung wird oft, selbst vou befreundeter Seite, ein derartiger Appell an die Juden geachtet; aber noch nicht ein einziges Mal haben wir einen Rath oder eine Ansicht darüber gehört, wie wir es eigentlich anfangen, woher wir die Befugnis; nehmen sollten, wer von uns das Mandat hätte, gegen einen hartherzigen Wucherer, gegen einen vorlauten Journalisten aufzutreten! Wir wissen schon im Voraus sehr genau, was man uns darauf antworten wird. Man wird uns darauf mit dem alten abgestandenen Märchen von der jüdischen Solidarität antworten Aber diese Solidarität existirt nur in der krankhaften Phantasie unserer Gegner. Oder glaubt vielleicht die „Germania" nicht, daß wir, wenn eine solche Solidarität bestünde, sehr gern gerade in dieser Zeit unfern Einfluß dahin geltend machen würden, um alleAusschreitungen vou unserer Seite zu verhindern? Wir wiederholen, wir haben den inkriminirten Artikel nicht gelesen. Aber auch ohne Kenntniß desselben dürfen wir wohl die Meinung anssprechen, daß wahrscheinlich jeder objektive Richter jenen „Osterartikel" gegen die zahlreichen Ritualmord-Arlikel der „Germania" ans dem vorigen Sommer kompensiren würde. Und doch ist es Keinem auch nur im Traume eingefallen, au die eiusichtigeren Katholiken zu appellireu, daß sie solche unerhörten Herausforderungen gegen die jüdische Religion verhindere, möchten; ebenso wenig, wie irgendein vernünftiger Mensch die einsichtigen Protestanten für die rohen nnd nichtswürdigen Angriffe, welche der Radau-Antisemitismus selbst gegen das Christenthum, seine heiligsten Jnsiitutionen und seine würdigsten Vertreter gerichtet hat, verantwortlich machen wollte. Und genau ebenso wenig, wie es einem vernünftigen Menschen je in den Sinn kommen wird, an die einsichtigen Katholiken zu appellireu, daß sie die unerhörten Angriffe, die ihr Kanonikus Rohling und verschiedene Andere gegen Martin Luther und die Ideale der protestantischen Weltanschauung gewagt haben, verhindern mochten. Und doch wäre ein solcher Einfall nicht ganz so sinnlos, wie er auf den ersten Blick erscheinen möchte. Denn sowohl Protestanten wie Katholiken haben die Machtmittel, um solche Ausschreitungen zu verhindern. Diese Machtmittel fehlen uns gänzlich, nnd lvie wenig man mit moralischen Einwirkungen derartige Auswüchse verhindern könne, das ist am besten schon daraus zu ersehen, daß alle Mahnworte von Kardinalen, Erzbischöfen, ja selbst das Machtwort des Papstes, das Auftreten katholischer Antisemiten nicht verhindert haben. Wir haben keine Behörde, keine Institution, ja nicht einmal einen Verein, der im Stande wäre, in dieser Beziehung wirksam einzutreien. Schon daraus sieht man, wie weit unsere Solidarität geht. Ja, es giebt eine jüdische Solidarität, aber man sucht sie immer da, wo sie nicht liegt; die echte und rechte tadelt und mißachtet man. Die jüdische Solidarität herrscht nur im religiösen Leben. Im! sozialen Leben steht jeder Jude für sich allein und ist nur seinem! Gotte, seinem Gewisien und dem Strafrichter verantwortlich. Die Allgemeine Zeitung des Jndenthums" hat schon vor mehr als

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