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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-04-07 · Heft 14 (7.4.1893) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 14 (7.4.1893)
Date
1893-04-07
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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158 ZUIN Schlutztage drs Paffafcstes. Von Dr. M. Lev in. Für die Leiden, die über die Menschen kommen, sind vielfältige Erklärungen versucht worden. Die würdigste gab unser Lehrer Mose: „Gott wist durch Leiden des Menschen Herz erkunden." Aber der Herr wist mich durch Leiden zum Heile führen: „Wie gering dein Anfang sei — deine Zukunft strahlt herrlich auf." In dieser Erkenntniß that ein Weiser den Ausspruch: Drei Gottesgaben wies der Herr Israel zu, alle drei konnten nur durch Leiden erreicht werden: die Lehre, das heilige Land, die zukünftige Welt. Die Lehre, welche den Weg GotteS zeigt, der da ist Recht und Gebühr. Selbstbeherrschung und Nächstenliebe — sie konnte nur von einem Volke willig angenommen werden, das durch Unrecht und Gewaltthat niedergebeugt wurde, das in vollem Umfange das traurige Loos des Fremdlings erfahren hatte. Wer ein Knecht der Menschen war, wie leicht wird der ein Knecht Gottes werden; dem Herrn zu dienen muß ihm als die vollendete Freiheit erscheinen; das Gesetz Gottes macht ihn frei von den beengenden Schranken irdischer Gewaltherren und stempelt ihn zu einem Kinde Gottes; der Mund öffnet sich dann zu einem Dankliede: „Heil dem Menschen, den du, o Herr, durch Leiden führtest, um ihn dann an deine Lehre zu fesseln." Nichts hatte Israel so schnell zu Gott gekehrt, wie gerade Pharaos Verfolgung: „erst angesichts des nachsetzenden Feindes erhoben sie ihre Augen nach oben." Es ist ein tiefsinniges Wort: Gott selber wurde ans Aegypten erlöst, denn nun ward erkannt, daß es einen Gott giebt, der errettet und befreit, der keine Gewaltthat duldet; jetzt erkannte man, daß ein Gott regiert: mir sollen die Kinder Israel dienen, spricht der Herr, meine Knechte sind sie, die ich aus Aegypten geführt, sie sollen nicht Knechte sein der Knechte! Ein Knecht Gottes zu sein, ward das herrliche Loos der ausziehenden Schaar, „als sie ans Aegypten zog, ward Juda sein Heiligthum, Israel sein Reich." Keine demüthigende Menschenknechtschaft mehr, sondern ein erhebender und beglückender Gottesdienst! Tie zweite Gottesgabe war das heilige Land. Auch dieses konnte nur durch Leiden erreicht werden, nach einer langen Wüstenwandernng. „Das verheißene Land ist höher gelegen als jedes andere Land;" jenes Gebiet gewährte nicht blos ein behagliches, sorgenloses Dasein, sondern verstattete vornehmlich den ungehemmten Aufschwung zu jener Höhe, von der aus man das Leben in einer idealen Bedeutung erblickt und danach auch die menschenwürdige Bestimmung erkennt. In jenem Lande ward Jedem die günstigste Gelegenheit geboten, ein gottgeheiligtes Leben zu führen, wonach die Erdengüter nur als die nothwendigen Mittel betrachtet werden; die Glücksgüter machen noch nicht die Glückseligkeit aus. Für einen solchen Gedanken war das Volk nicht reif. Der Besitz des heiligen Landes, darin Milch und Honig fließt, erschien ihm schon als das Ziel; es verwechselte Ziel und Zweck. Aus der niedrigsten Stufe menschlichen Daseins wird ein Volk plötzlich zu der Höhe freien Menschenthums emporgehoben — was Wunder, wenn ihm auf der Höhe bange wird, wenn es sich sehnt, in die ihm sicher scheinende Niederung wieder hinabzusteigen. Es sind noch Sklavenseelen, an welche der Gottesruf ergeht: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern bilden, ein heiliges Volk!" Wohl hatten sie am rothen Meere Gott angerufen, wohl hatten sie am Sinai gelobt, das Wort des Herrn zu erfüllen, allein die innere Würdigkeit fehlte noch, es waren bloße Worte, die von den Lippen ertönten, das Herz wußte nichts davon. Der Sklavensinn war nicht geschwunden, es fehlte die tiefere Gotteserkenntniß und darum auch die Selbsterkenntniß; es sehnt sich nach der Barbarei zurück, wo ihm im Gleichmaß der Tage das entehrende Brod zu Theil wird, es will lieber das Joch der Sklaverei tragen, als täglich neuen Gefahren und Hindernissen enlgegeugehen, cs zieht den Knechtesdienst dem Kampfe freier Männer vor. Mit einem solchen Geschlechte war das heilige Land nicht zu erobern, da mußte ein neues Geschlecht erzogen werden, das selbstbewußt und gottvertrauend in den Kampf zieht; da war die Wüstenwanderung eine Nothwendigkeit, welche der Erziehung des Volkes gelten sollte, „gleichwie der Vater den widerstrebenden Sohn in strenge Zucht nehmen muß, um für die Zukunft sein Glück zu begründen." „Heil dein Manne, dem man schon in früher Jugend ein Joch auferlcgt," bit Entbehrungen, an die der Jüngling gewohnt wird, die Mäßigung und Selbstbeherrschung haben ihn gekrüftigt und gefestigt, um dann als Mann alle Widrigkeiten überwinden, alle» Hemmungen begegnen zu können; als Held und Sieger hat er endlich einen Kreis ge Wonnen, darin er in Unabhängigkeit ein glückliches Leben entfaltet. Das dritte Himmelsgut ist das Gottesreich. Auch zu diesen kann man erst durch Leiden gelangen. Unter Olain liaba versteh: man sonst die jenseitige Welt, die die Edlen erobern durch Schweis und Mühsal; doch wir fassen das Gottesreich auf Erden ins Auge. Dem Gottesreich müffen nach alter Annahme schwere Kämpfe vor angehen, „die Schrecknisse der Messiaszeit". Um gegen diese Schrecknisse gewappnet zu sein, ging Israel wiederholt durch eine Leidensschule. Die erste war der Schmelz- und Läuterungsofer Aegyptens, die zweite war die Wüstenwanderung; nach der ersten gelangte es an den Sinai, nach der zweiten ins heilige Land. Am dem Wege zur dritten Station befinden wir uns jetzt. Das Gottes reich ist das Endziel, und die Leiden, die uns auf dem Wege dahin überfallen, finden uns widerstandsfähig, heldenmüthig, kampfessicher Allerdings sind es keine Kämpfe, die wir auf blntigen Schlachtfeldern führen, unsere Kämpfe sind „Kämpfe Gottes", die wir in Lehrhäuseri und Schulen ausfcchten; unsere Devise lautet: „Nicht durch Mach und nicht durch Gewalt, sondern durch den Gottesgeist." Wir wage: den Ausspruch: so lange Israel nicht erkannt ist, widerstrebt man Gott denn Israel ist eine „Pflanzung Gottes", durch die er inmitten de Menschheit verherrlicht sein will; Israel ist ein „Sendbote des Ewigei' Zebaoth, der allen Erdensöhnen zum Segen werden soll". Aber di feindlichen Brüder wollen ihn nicht anerkennen, ja sie befehden ihr und suchen ihn durch Verdächtigungen dem Haß und der Verfolguw auszusetzen. So oft das Passa-Fest wiederkehrt, da bangen und zagen wir an welchem Orte wieder jene Anklage erneuert wird, welche einst de Glaubenshaß ersonnen. Wir, denen zuerst das Grundgebot verkünde tvurde: Du sollst nicht morden! wir, die wir „auch den Fremde:: lieben sollen, wie uns selbst", die wir nicht einmal Thierblut genieße: sollten, die wir uns gegen die Todesstrafe sträuben und einer Gehängten als eine Geringschätzung Gottes betrachten, da jeder Mensa das Ebenbild Gottes trägt — uns wirft man einen rituellen Morvor, den Gebrauch von Menschenblut! Wir haben noch kein unschuldige Menschenblut vergossen, aber unser Blut hat man vergosien, unser unschuldigen Männer und Frauen, unsere Greise und Kinder hat inar zur Ehre Gottes erbarmungslos hingeschlachtet. Doch wir sind an Leiden gewöhnt, wir werden auch diese Rasen Edoms durch Geduld besiegen. Wir haben die Leidenszeit in Aegypten Überstunden, wir haben eine Wüstenwanderung überstanden wir werden auch die Schrecknisie auf der Wanderung zum Gottesreick überstehen; als Leuchte zieht uns das Gebot der Liebe voran, als Lich: die Lehre vom Allvater; wir wissen wohl, daß wir „den Weg de- Lebens nur durch strenge Erziehung" behaupten. Wenn unserm Stamme durch die immer wiederkehrenden Anklagen der Frühling verleidet wird, wir lassen uns nicht beirren. 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