Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-31 · Heft 13 (31.3.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228000--49669-3271245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

f* o S ■ r;l fi \ ls ir i i li MtsoeNen. BerLhold Auerbach über den Antisemitismus. Däs^ „Freie Blatt", ein vortreffliches Organ zur Abwehr des Antisemitismus, in Oesterreich, bringt in letzter Nummer einige sehr interessante Briefe Auerbachs an den bekannten Wiener Kunstkritiker Emmerich Ranzoni folgenden Inhalts: Berlin, 19. Januar 1876. Den warmen Blick der Liebe spüre ich in Ihrer Betrachtnahme, lieber Ranzoni, und das thut wohl, mir jetzt doppelt, da ich in diesem Tagen gegen eine sich als Wissenschaftlichkeit aufthuende Frivolität zu kämpfen hatte. Sie werden gesehen haben, wie ich B(illroth) antworten mußte. Leichthin sagt der Mann: Du und die Deinen, Ihr seid keine Deutschen. Das heißt ja den Boden und persönlichen Bestand entziehen. Was bin ich denn, wenn ich kein Deutscher bin, wo daheim mit Sinn und Denken? j Und wenn auch ein Mann wie er mir sagen wollte: mit Dir, für Dich j gilt die Ausnahme — wie könnte ich daheim sein, wenn man ideell meine! Zugehörigen auswiese? Nur schwer verwindet sich erfahrene Ruch-! losigkeit. Es gehört eine unzerstörbare innere Kraft dazu, um einerseits in Betracht der Verwahrlosung des Geschmacks und andererseits in Hinblick auf Unbill den Frohmuth zu bewahren und ruhig und stetig weiter zu arbeiten. Um so wohler und ermuthigender empfindet man dann eine Betrachtnahme wie die Ihre. Herzlich grüßend, Ihr Berthold Auerb ach. 5. Dezember 1880 I . . . Du kannst Dir kaum denken, wie mir die infame Judenhetze l alles Dichten und Trachten zerstört, und dabei die Unmöglichkeit, gegen solche Epidemie etwas zu thun! Alles litterarische Treiben und Wirken ist mir jetzt tief verleidet, und ich weiß nicht, wann ich aus dieser Stimmung herauskomme. Dein alter B. A. Berlin, 9. Dezember 1880. So gut wie Du, lieber Freund, hat mir noch keiner gethan in dieser bitterbösen Zeit. Es giebt gewiß Viele, die ähnlich denken. Ja, das! Holz hat latente Wärme in sich, aber um uns zu erwärmen, muß es brennen. Du hast freilich Recht in Deinem Briefe, ich sollte, meinem Meister nachfolgend, die Tagesdinge sub specie aeterni betrachten, aber dazu bin ich im Affekt eines Dichters und Patrioten leider noch nicht j fähig. Ich glaube, daß Niemand in Deutschland von dieser Judenhetze j tiefer gekränkt wurde als ich. Ich habe lebenslang all mein Dichten und! Trachten, Tag und Nacht, meinetwegen sei es zu pathetisch gewesen, mit! voller Hingebung für die Kunst und das Vaterland, für die reine Er-! kenntniß eingesetzt. Ich habe begonnen mit Darstellungen aus dem Judenz leben, fortgesetzt mit solchen aus dem Bauernleben und suchte zu zeigen,! wie die reine Psyche allen Erscheinungsformen immanent ist. Und nun! muß ich, den 70en nahe, die Barbarei erleben; ich kann mich nicht pessi-! mistisch umkrempeln, so daß man sich dessen begnügen muß, daß es doch > auch noch gute, reine Menschen giebt . . . Ich kann Dir nicht weiter Alles darlegen, denn es ist zu viel. Nur ein kleines Beispiel: Ich traf in diesen Tagen den mir gut befreundeten Maler G . . ., er sah mich traurig, und ich sagte ihm das Allgemeine und daß ein Freund wie Eduard Zeller, der Philosoph, mit dem ich seit 1832 kameradschaftlich lebte, sich von der Unterschrift der 70 (Gesinnungsgenossen) ausschloß. Was sagte G . . .? „Ja, muß man denn in dieser Sache zu einer oder der anderen Partei gehören?" So steht man jedem Einzelnen in fragwürdiger Gestalt gegenüber. Aber genug! Ich werde mich schon wieder zurecht finden, obgleich die Lebenserneuerung in alten Tagen schwerer vorangeht als vordem. Ich wollte Dir nur sagen, daß Du mir und den Meinen (denen ich Deinen Brief las) tief wohlgethan hast, und dessen werde ich eingedenk bleiben als Dein Berthold Auerbach. 18. Dezember 1880. Ich fange an, mir die Judenhetze etwas ruhiger zu betrachten, es zeigt sich ja, daß die Juden uur das erste und«bequeme Angriffsobjekt waren gegen den Liberalismus, und überdies wirkt die tapfere Schrift Mommsens klärend und ermuthigend. Berlin, 13 Januar 1881. Ja, lieber Freund, ich weiß nicht mehr, wer den Unterschied von Menschenkenntnis; und Menschenkennerei gemacht hat; von jener, die die psychologische Erkenntniß bezeichnet, habe ich etwas, von dieser, die sich auf den weltmännischen Schnellblick zuspitzt, habe ich sehr wenig, und zwar so wenig, daß ich von jeher viel getäuscht wurde und wahrscheinlich bis ans Lebensende getäuscht werde. Das wird auch ein ergiebiges Thema werden, wenn wir uns Wiedersehen. Du wirst Dich auch freuen, wie tapfer gestern Virchow in der Wählerversammlung gegen die Antisemiten aufgetreten. Die Guten sind nun endlich auch einmal so thätig wie die Schlechten. Ich bekomme wieder Lebensfreude, und in dieser grüße ich Dich als Dein Berthold Auerbach. d Von dem Moskauer Bürgermeister Alexejew, auf den vor Kurzem ein Attentat verübt wurde, entwirft der amerikanische Schriftsteller Harold Frederic in seinem 1892 bei Heinemann in London erschienenen Buche „The Exodus. A study of Israel in Russia“ folgende Schilderung: „Die ersten Tage des Passahfestes im April 1891 werden nie vergessen werden, so lange die Juden sich Rußlands erinnern. Jene Tage sollen einer glücklichen Erfindung des Herrn M. Alexejew, des Bürgermeisters von Moskau, ihren unheimlichen Ruf verdanken. Ich sah diesen aufgedunsenen, schwärzlichen, rundköpfigen, dickbäckigen Barbaren mit dem Admiral Gervais in einer Troika fahren und er sah nicht aus, als wenn er je etwas erfunden hätte. Es ist ein Mann von 45 Jahren, der großen Reichthum und ein großes Handelsgeschäft von seinem Vater ererbt hat. Die Juden legen Gewicht auf die Thatsache, daß seine Mutter eine Griechin war — also einer Rasse angehörte, vor der sie eine große Furcht und einen besonderen Abscheu (?) empfinden. Er ist ein ehrgeiziger Demagog, der in ostentativer Weise den Gehalt des Bürgermeisters im Betrage von 7000 Rubel unter den Angestellten seines Bureaus vertheilt und selbst jährlich 100,000 bis 120,000 Rubel für Unterhaltungen und städtische Ceremonien ausgiebt. Das Jahr 1891 soll ihn 160,000 Rubel (340,000 Mk.) gekostet haben, da er alle Offiziere der französischen Flotte von Kronstadt nach Moskau bringen ließ, die Kosten für deren Unterhalt im Haupthotel während vier Tagen bezahlte und dieselben, wie sie gekommen waren, in einem Sonderzuge zurückschickte — Alles auf seine eigenen Kosten. Die Thatsache, daß der alte Generalgouverneur (der bekannte Fürst Dolgorukow) stets seinem Chauvinismus entgegengetreten war und Alles gethan hatte, um den Bürgermeister zu hindern, sich als Herrn von Moskau aufzuspielen, gab Herrn Alexejew den hauptsächlichen Anlaß, sich der Verschwörung gegen den Fürsten Dolgorukow anzuschließen. Aus demselben Grunde wurde er aus einem eifrigen, um nicht zu sagen überlauten Vertheidiger der Juden zur Zeit der Regierung Alexanders II. zu dem heftigsten und erbarmungslosesten Judenhetzer im Reiche Alexanders III. Er brannte vor Begierde, sich beim Amtsantrittt des Großfürsten Sergei (des neuen Generalgouverneurs) durch eine ungewöhnlichere Tortur der Juden auszuzeichnen, als sie vorher einem anderen Antisemiten in den Sinn gekommen war. Das Levantiner Blut in ihm veranlaßte ihn zu diesem ungewöhnlich orientalischen Stückchen brutaler Verschmitztheit. Einige Tage vorher war ein kaiserlicher Befehl ergangen, der alle Rechte der Juden in Bezug auf ihren Aufenthalt in Moskau, die durch das Gesetz von 1865 jüdischen Handwerkern ertheilt worden waren, abschaffte. Dieses Dekret befand sich in den Händen der Moskauer Behörden, schon einige Zeit vor dem Passahfeste. Es war Alexejews Idee, dieses Dekret einige Zeit zurückzuhalten, um sich dann durch dessen Ausführung ein Vergnügen zu bereiten." Im Sommer 1891 soll Alexejew auch den Befehl ertheilt haben, keine jüdischen Kranken mehr in die städtischen Spitäler aufzunehmen. d ----- Heft 7 des 37. Jahrganges der „Monatsschrift für Geschichte"und Wissenschaft des Judenthums" (Breslau, Verlag der Schles. Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt) hat folgenden Inhalt: M. Güdemann: Neutestamentliche Studien. II. — I Derenbourg: lieber einige dunkle Punkte in der Geschichte der Juden. I. — PH. Bloch: Die Mystiker der Gaonenzeit und ihr Einfluß auf die Liturgie. (Schluß.) — Moritz Steinschneider: Miscellen. (Forts.) — D. Kaufmann: Die Verheerung von Ung. Brod durch den Kuruzenüberfall vom 14. Juli 1683. (Schluß.) — M. Freudenthal: Die ersten Emanzipationsbestrebungen der Juden in Breslau. (Forts.) — Besprechungen und Anzeigen. d — Die Nr. 14 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Ostern. — Ählwardt im Reichstage. II. — Eine Judendebatte im Herrenhause. - Die Antisemiten in Hannover. — Zu Ahlwardts Enthüllungen. — Zur Abwehr. — Aus den antisemitischen Parteien. — Aus Rußland. — Briefkasten. — Sitzung des Reichstags vom Sonnabend, den 18. März, vom Dienstag, den 21. und Mittwoch, den 22. März 1893. ¥

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.