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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-31 · Heft 13 (31.3.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 t Heilnehmern, nn£ seiner Wohnung in den Rathhaussaal geleitet, wo I nach einer herzlichen Ansprache Seitens des Bürgermeisters dem Rabbiner unter Ueberreichung des prachtvoll ausgestatteten Diploms — das Ehrenbürgerrecht verliehen wurde — der erste Fall, in welchen! die Marktgemeinde von diesem Rechte Gebrauch machte. Hieran reihte der Vorsitzende des Festkomitees nach Verlesung und Ueberreichung einer Adresse die Uebergabe eines von demselben gespendeten größeren Betrages Behufs Gründung einer Wittelshöfer'schen Wohlthätigkeitsstiftung. Im Saale des Gasthauses zu den drei Königen versammelte sich Abends die ganze Bürgerschaft zu einem ebenso würdigen als fröhlichen Feste. Die Spitzen der Behörden, in erster Reihe Bezirksamtmann und Oberamtsrichter von Neustadt W. N, die katholische und protestantische Geistlichkeit waren erschienen, und der treffliche Liederkranz Floß erfreute die Gäste mit schönen Weisen. Nach einem warm empfundenen Prolog eröffnete der Herr Bezirksamtmann das Fest mit einem zündenden und jubelnd aufgenommenen Hoch auf den Prinzregenten. Nun folgte Redner auf Redner, die alle die hervorragenden Verdienste des Jubilars priesen und von der außerordentlichen Liebe und Verehrung Zeugniß gaben, welche ihm und seiner Frau von allen Seiten entgegengebracht werden. Der Jubilar erwiederte mii kräftiger, laut vernehmbarer Stimme in herzlicher Weise, und alle Hörer lauschten voll Rührung den Worten des würdigen Herrn. Erst in später Nacht endete das gelungene Fest. Oesterreich - Ungarn. M. Prag, 19. März. Der „Kreuzerverein zur Unterstützung armer israelitischer Waisenmädchen im Königreiche Böhmen" veranstaltete heute um 12 Uhr Mittag im neuen israelitischen Tempel eine erhebende Gedächtnißfeier zum Andenken an seine verstorbenen Stifter, Gründer und Mitglieder. Das Gottesbaus, das aus diesem Anlässe mit einem distinguirten Damen- und Herrenpublikum dicht gefüllt war, trug an den Seiten- und Galeriewänden schwarze, silbergestickte Draperien, und auch die Rednerkanzel wie die Gaskandelaber waren schwarz verhängt. Der Raum vor der Bundeslade war in in einen aus exotischen Blumen gebildeten Hain verwandelt, aus dem mächtige Wachskerzen emporragten. Diese trugen auf schwarzen Täfelchen mit Goldlettern die Namen der verewigten Stifter und Gründer des Kreuzervereins. Die Feier selbst bestand in der Absingung mehrerer vom verstärkten Tempelchore unter der Leitung des Musikdirektors David Rubin vorgetragener Ehorale und in der vom Rabbiner und Prediger der Tempclgemeinde Dr. Gelbhaus gehaltenen Gedenkrede, in welcher derselbe des eminent humanen Wirkens des Vereines und in ehrender Weise auch seiner verstorbenen Mitglieder gedachte Mit dem vor offener Bundeslade gesprochenen Gebete für die Hingeschiedenen fand die erhebende Feier ihren Abschluß. * Pest, 27. März. Der Ministerpräsident Wekerle und der Minister des Innern, Hieronpmi, befinden sich in Wien, um dem Kaiser Vortrag zu halten. Der Gesetzentwurf über die Rezeption der jüdischen Religion erhielt bereits die Zustimmung des Monarchen. Nußlaud. XsfT’ Warschau, 25. März. Ostern werden es zwei Jahre, seit das Märzgesetz vom Jahre 1891 die Juden ans Moskau verbannt hat. Die Vertriebenen haben sich in großer Zahl nach Warschau und den übrigen polnischen Städten begeben, wo sie gegenwärtig ein nicht zu unterschätzendes Element bilden. Mit der Einwanderung der Moskauer Juden nach dem Weichselgebiet ist dieses letztere wirthschaftlich sehr gehoben worden, und Polen beginnt in dem Konkurrenzkampf mit dem Moskauer Rayon den Vorzug zu gewinnen. Das südwestliche und das südliche Rußland, welches ehemals seine Maaren aus Moskau bezog, deckt jetzt seinen Bedarf in Lodz und Warschau, und die jüdischen Kommissionäre haben mit ihrer Uebersiedlung von dem Innern Rußlands nach Polen auch ihre Kunden mit sich gezogen. Früher hat nur Moskau seine Erzeugnisse nach Persien, Afghanistan und der Türkei gesandt, indem die orientalischen Kaufleute von dem Vorhandensein noch eines anderen Industriecentrums in Rußland nichts ahnten, jetzt aber kommen auch, wie die polnischen Zeitungen versichern, aus jenen Ländern Bestellungen nach Lodz. Die jüdischen Kommissionäre, welche ans Moskau kamen, haben s nämlich verstanden, ihre Kunden aus dem Orient ebenfalls nach ihrer neuen Heimath nach sich zu ziehen. Daß Moskau selbst nach der Vertreibung der Juden in seinem Handel und in der Industrie bedeutend zurückgegangen ist, wird mit jedem Tag mehr eingesehen. Allein wo es sich im Zarenreich um Judenverfolgungen handelt, da wird gegen das j eigene Interesse des Landes und des Volkes verfahren Von Nah und Fern. 'An Stelle des verstorbenen Geheimrath G. von Bleich rüder ist Herr Geheimer Kommerzienrath Leopold Schwabach zum großbritannischen Generalkonsul in Berlin ernannt worden. — Die hin und herschwankende Entscheidungen bezüglich derJnhaftirung des Antisemiten Paasch haben nun ihre entgiltige Entscheidung gefunden. Das Kammergericht hat auf die Beschwerde der Staatsanwaltschaft die Wiederverhaftung des Ingenieurs Paasch unter der Zurückweisung jeder Kautionsstellung, gleichviel in welcher Höhe, angeordnet. Die Verhaftung ist bereits ausgeführt und Paasch wieder in das Moabiter Untersuchungsgefängniß eingeliefert worden. Am Sonnabend Nachmittag fand bereits wieder die erste Vorführung vor den Untersuchungsrichter statt. — In einer antisemitischen Buchhandlung in der Kransenstraße, fand eine polizeiliche Beschlagnahme des Vexirbildes: „Wo ist Rektor Hermann Ahlwardt", statt. Nach diesem Bilde, wie auch nach „Billets nach Jerusalem" wird jetzt in sämmtlicheu Polizei-Revieren gesucht, um sie zu beschlagnahmen. - In Posen starb jüngst das Vorstandsmitglied Herr Siegfried Lichtenstein. Er war Vorsitzender des zur Errichtung des jüdischen Kranken- und Siechenhauses eingesetzten Komitees.^ — In Liegnitz feierte Herr M. S. Sandberg mit seiner Gattin das Fest der goldenen Hochzeit. Vormittags erfolgte die Neueinsegnung des Jubel paares in der Synagoge durch Herrn Rabbiner Dr. Peritz, welcher dabei j eine Kabinetsordre des Kaisers verlas, durch welche dem Jubelpaare die i „Goldene Ehejubiläums-Medaille verliehen wird. — Dr. Siegmund Fränkel, außerordendlicher Professor der semitischen Sprachen an der Uni versität zu Breslau, ist zum ordentlichen Professor ernannt worden. - Kardinal Kopp hat, wie ein oberschlesisches Blatt mittheilt, im Fürsten zimmer des Centralbahnhofs zu Breslau den zu seiner Begrüßung er schienenen Rabbinern Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal seine Freud? über ihr Erscheinen ausgedrückt und die Bemerkung hinzugefügt, sie dürsten versichert sein, daß in seinem Bezirk der konfessionelle Friede gewahr' bleiben werde. — Das Stöckersche „Volk" hört, daß der Antisemit AI geordneter Dr. B öckel Vorbereitungen treffe, um Herrn Stöcker aus seinem Wahlkreise Siegen zu vertreiben. — Die Dortmunder demokratisch? Partei hat den Rechtsanwalt K o h u als Kandidaten für die Reichstagswal! aufgestellt. — Am 16. d. M. ist in Piesling der Nestor der mährische! Rabbiner, Bezirksrabbiner M. L. Ko hu im Alter von 82 Jahren vei schieden. Seit dem Jahre 1841 hat er das Rabbinat in der Gemeind? Piesling bekleidet, wo er sich einer ungewöhnlichen Beliebtheit erfreute. - Der kaiserliche Rath Wilhelm Frankl in Wien, einer der angesehenste '. Kaufleute der österreichischen Residenz, ist am vorigen Sonntag gestorben. - Der Schweizer Nationalrath hat mit 61 gegen41 Stimmen beschlossen ., den Kantonen und dem Schweizer Volk die Verwerfung des Schacht Verbots zn empfehlen. Ein Advokat Namens Desnos schrieb ai die Wände des Justizgebäudes in Nancy: „Nieder mit den Juden"; u wurde aber in flagranti von dem Substituten der Staatsanwaltschaft Gaudchaux Picard, ertappt und sieht seiner Bestrafung entgegen — D? Kantor der jüdischen Gemeinde in Stockholm, Herr Rosenbor welcher zugleich Professor an der dortigen Kriegsschule ist, wurde am Geburtstage König Oskars zum Hofdiner eingeladen. — Durch etgc. o Initiative des Sultans ist in Bagdad eine Dampfschiffahrtsgesellschc l zum Zweck der Unterhaltung eines regelmäßigen Verkehrs auf dem Tigr -- zwischen Mossnl und Baßorah gegründet worden. Herr Ezeki- Sassoon, früher Notar der dortigen jüdischen Gemeinde, wurde zum Betriebsdirektor ernannt. Derselbe studirte früher einige Jahre in Wie.- an der orientalischen Akademie. Das neue Verkehrsmittel wird als ein? große Wohlthat für die Geschäftswelt in Bagdad angesehen. Druct und Verlag von Rudolf Alosie in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion - Mar Bauckwitz in Berlin.

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