Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1893)
- Date
- 1893-03-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 so werden sie in mancher Beziehung an die deutschen Kolonien in Südrußland erinnern, und der Plan derselben ist nach dem der deutschen Kolonien entworfen. In der Mitte des Bodenareals, welches für die Kolonie bestimmt ist, wird die Kolonie, ans zwei Reihen von Häusern bestehend, angelegt. Eine 30 Faden breite Straße durchschneidet die Kolonie, an deren Enden und in deren Mitte sich drei Gemeindebrunnen befinden. Die Gemeindebauten, wie die Synagoge, die Schule, das Verwaltungshaus, die Getreidereservoirs, das Bad u. s. rv., sollen in der Mitte der Kolonie errichtet werden. Jeder Kolonist erhält in der Straße eine Parzelle von 30 Kubikfaden Breite, wo er sein Haus und seine Remisen zu bauen hat. Hinter dem Hofe liegt der Frucht- und Obstgarten. Rings um die Kolonie sind im Viereck die Wiesen ausgebreitet, hinter welchen der eigentliche Acker liegt, welch letzterer unter sämmtlichen Kolonisten unter Berücksichtigung seiner Beschaffenheit und Entfernung vom Hause vertheilt wird. Dieser Plan wird noch in Paris von Baron Hirsch geprüft werden. Die Auswanderer haben aud) dem Herrn Feinberg eine Geldsumme eingezahlt, welche zwischen 100 und 500 Rubel für jede Person schwankt, wobei dieses Verfahren damit begründet wird, daß die Kolonisten selbst für das ganze Werk ihren Ernst bekunden. Es fehlt aber auch nicht an reichen und wohlhabenden Leuten, die sich zur Reise nach s}h:geittimeu anschicken, um sich dort Land anzukaufen. Namentlich ist dies mit denjenigen der Fall, welcher aus den Dörfern in Südrußland gegenwärtig ausgewiesen werden. Bulgarien. A Sofia, 16. März. Man weiß, wie lässig die sephardische Gemeinde mit der Besetzung der Vakanz des Rabbinerpostens bisher war. Man begnügte sich mit einem nichts weniger als rabbiuisch gebildeten Mann — Herrn Mosche Tagger (lies: Tadscher) einem ehrsamen Gemeindemitgliede, seines Zeichens Koffermacher, welcher den Beitrag der Regierung als Stellvertreter des Grandrabbin erhob. Dieses Provisorium würde sich schier unendlich verlängert haben, wenn nicht die Hochzeit des Fürsten, welche in Bälde bevorsteht, eine Aenderung erheischte. Bei den Festlichkeiten und Gratulationen kann die Hauptgemeinde von Bulgarien, der Sephardim Sofias, nicht unvertreten oder durch Herrn Tagger vertreten sein. Dieser Wahrnehmung vermag sich die Gemeinde nicht zu entziehen. Man tarn überein, die Stelle auszuschreiben, und die Vakanz wurde in den hebräischen Blättern, Hazefira, Hamagid, wie in einem spagnolischen Blatte veröffentlicht. Sollte ein klassisch gebildeter sephardischer Rabbiner sich vorfinden, dann genießt derselbe bei gleicher Oualifikation das Vorrecht. In sicherer Voraussicht, daß ein derartiger Rabbiner nicht zu finden ist, wird aber der Vorstand wieder das Lager der Aschkenazim aussuchen müssen. Der Kandidat muß das Nabbinerdiplom erlangt haben und sich über rabbinifch-seminaristische Studien ausweisen, muß den Doktorgrad erlangt haben, mindestens einer europäischen Weltsprache vollkommen mächtig sein — deutsch oder französisch — sowie eine slavische Sprache verstehen, nicht unter 35 Jahre alt und vermählt, überdies in einer Gemeinde funktionirend sein. Was die Richtung anbelangt, so kommt nur die konservative in Betracht. Der Konkurs ist ist nur eine kurze Frist, bis zum Rüsttage des kommenden Peßach offen, und die Herren Kandidaten mögen ihren Gesuchen ihre Photographien beilegen. — Vor zwei Monaten wurde ein ganz dünnleibiges Broschürchen zum Kaufe angeboteu, welches den Luxus der Antisemiterei sich gegönnt hat. Das sehr magere Heftchen, das übrigens nicht viel über die bösen Juden zu schreiben wußte, verschwendet seine Afterweisheit auf kaum ein bis zwei Seiten klein Oktav, worin es nicht einmal nach großen Mustern in Deutschland oder Oesterreich zu arbeiten wußte, sondern einfach die Entfernung der Juden verlangte. Gelehrten-Eitate nach Art Rohling, Stöcker, Ahlwardt Briman, Stampiglienfälscher Schneider waren nirgends zu sehen Hingegen suchte der Autor sein Müthchen an Stambulow, dem Fürsten und der Regierung zu kühlen, verlangte von ihnen neben der Judenaustreibung auch die Reduktion der Beamtengehälter und der Armee. Diese Broschürchen haben kaum eine Auflage, und dazu eine sehr schwache erlebt. Mau entnimmt aus dein Ganzen, wie wenig dieses auf die Juden gemünzt war Die „Swoboda", das offiziöse Organ der Regierung und Eigenthum des Bürgermeisters von Sofia und des Präsidenten der Sobranje, Herr Petkow, bemerkt hierzu, daß der Antisemitismus des Herausgebers Mitakof davon herzurühren scheine, daß ihm die Juden kein Geld mehr pumpen wollten. — Die hiesigen Gemeindeverhältnisse stehen nicht in Blüthe. Die neue Ordnung der Dinge, der Umbau der Stadt, die Niederreißung aller alten Häuser hat eine große Anzahl von Familien erwerblos gemacht. Der hohe Miethszin§ verbietet es den armen Kleinhändlern, Geschäftslokale aufzunehmen. Auch für den besser Bemittelten bildet der gegenwärtige Miethspreis eb, schweres Hinderniß im Fortkommen und hat eine Anzahl Kanfleute zu Ende Sommer zum Bankerott gebracht eine sonst sehr seltene Erscheinung — was dem Gemeindesäckel sehr starken Eintrag thut. Dazu entzog die Regierung die Schulsubvention von 8000 Frs. für das Jahr. Die neu aufgeführten Schulgebäude sind noch nicht bezahlt. Der Winter erheischt Opfer für die armen Gemeindemitglieder. Wie diese Kalamitäten und noch andere gehoben werden, ist eine offene Frage, welche erst üi Fluß gerathen wird, wenn wieder einmal ein Rabbiner an die Spitze der Gemeinde treten wird. Von Nah und Fern. Ein kurioser Antisemit ist der Buchhändler Paul Sesselmann in Breslau. Dieser Herr schmückte sein Schaufenster mit lauter antisemitischen Brandschriften, stellt Ahlwardt-Bilder und Denkmünzen zum Verkauf aus und elnpfiehlt sich in konservativen Zeitungen zur Be' sorgung antisemitischer Litteratur. Zugleich aber preist er in jüdischen Kalendern den Juden seine Firma an. — Beschlagnahmt wurden in Halle a. S seitens der Polizei 500 Exemplare einer von München zur Vertheilung dorthin gesandten antisemitischen Flugschrift wegen der darin enthaltenen groben Verhetzung gegen die Juden, theils auch weil der Inhalt in sittlicher Hinsicht Bedenken erregte. — Der König von Sachsen hat bei Gelegenheit der Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Leipziger Konservatoriums, Hrn. Musikdirektor Salomo I adas so hn, der vor einigen Jahren von der dortigen Universität zuul Ehrendoktor ernannt wurde, den Ttiel „Professor der Musik" verliehen. — Die Nachricht vom Tode des M oriz Scharf bestätigt sich nicht. Der in Budapest lebende Vater, Joseph Scharf, hatte von Anfang an in die Todesmeldung Zweifel gesetzt. Am Sonnabend erhielt nun der alte Scharr das folgende Telegramm: „Bin gesund. Brief folgt. Moriz." — Im Verein j für jüdische Geschichte und Litteratur zu Köln sprach am 13. d. M. : Professor Dr. Martin Philippson aus Berlin über „Sicilien und j seine semitisch-jüdische Kultur." ~ In Nürnberg wurde die Frau des! antisemitischen Agitators Kommissionär Retter spitz wegen Betrugs! verhaftet. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des antisemi! tischen Redakteurs Weber aus Fürth, welche dieser gegen das wegen Be-! leidignng auf vier Monate lautende Urtheil des Schwurgerichts eingeleite. > hatte. — Beim Purimball der Israeliten im Gasthof „zum Kronprinzen" gu; Lauphenn ertönte plötzlich der Ruf im Saal: „Eine Bombe". Furcht! barer Schrecken bemächtigte sich der Anwesenden. Wirklich fand mail > unter einem Tische im Hausgange des Gasthofes eine Blechbüchse mü! einer glimmenden Zündschnur, deren Inhalt sich später als Cemen herausstellte. Ein recht „gemüthvoller" Scherz. — Der konservativ' Verein zu Weimar hat in einer Versammlung Stellung zu dem neuen Programm der deutschkonservativen Partei genommen. Von dev! Anschluß an den zur Befriedigung der Antisemiten aufgestellten Satz: „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdische:: Einfluß auf unser Volksleben" wurde abgesehen. — In Paris wird demnächst eine Ausstellung für muselmännische Kunst eröffnet. Zn dem Organisationskomitee gehört auch Baron Edmund v. Rothschild — Zum Besten der israelitischen Armen zu Paris fand ein Ball im Hotel Continental statt; anwesend waren 025 Personen, darunter mehrer Offiziere und Schüler der polytechnischen Schule. Die Oberrabbiner von Frankreich und Paris wohnten dem sehr gelungenen Feste bei, bei welchen: auch ein Theaterstück gur Vorstellung gelangte. — Ein glänzende Konzert wurde am vorigen Sonnabend zu Gunsten des russische: Hilfswerkes von dem Londoner Komitee veranstaltet. — Ein sechzehnjähriger Heldentenor „Signor" Dareschi aus Italien, setzt augenblicklick zu London Juden und Christen in Erstaunen. — Der zweite Theil des neuen Oxford er Hebräischen Wörterbuchs hat die Presse verlassen. Der Band beginnt mit dem Buchstaben Beth und reicht bis zum Worte „Gescher". — Die Zahl der jüdischen aktiven Soldaten in Rußland betrug 1802 50,224. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.