Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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beträchtlich sein muß, läßt sich leicht denken, wenn inan ermißt, daß fast in jeder Stadt des großen russischen Reiches seit vielen Jahren jüdische Familien auf Grund obiger Verfügung gelebt haben. Aus Riga allein sollen, wie man erzählt, 2100 Familien oder circa 10,000 Personen und aus Libau die Hälfte der jüdischen Einwohner ausgewiesen werden Wohin sotten sich diese Riass n mittelloser Vertriebener wenden? Nach dem Ansiedlungsrayon! Dieser ist bereits überfüllt und stündlich ziehen aus den innern Gouvernements, aus allen Dörfern unb den zahlreichen neuerdings in Dörfer umgewandelten Flecken und Städtchen hinzu. Womit sollen sie ihr Brod verdienen, wenn keine Arbeit zu finden ist und Männer und Frauen sich glücklich schätzen, falls es ihnen gelingt, für die schwersten Arbeiten, wie Säcketragen rc. 10—15 Kopeken täglich zu verdienen.' Uuntiimcn. 8 Bukarest, 8. März. In unserer Deputirtenkammer gab es wieder einmal eine regelrechte Antisemitendebatte, die aber diesmal zu unseren Gunsten ausgefallen ist. Zum Gewerbeschulgesetz war ein Amendement festgestellt worden, die Fremden und die nichtnaturalisirten Juden von den Handwerkerschulen ganz auszuschließen, beziehungsweise den Eintritt in dieselben vom Besitze des rumänischen Bürgerrechtes abhängig zu machen. Mit unerschrockener Offenheit wagte der Domänenminister Carp die Fremden und Juden Rumäniens dem nationalen Chauvinismus gegenüber in Schutz zu nehmen. In einer großen Rede hob Herr Carp hervor, daß die beantragte Ausschließung der Fremden von den rumänischen Schulen im schroffsten Widerspruch zu der so oft betonten Mission Rumäniens stehe, ein Ausgangspunkt der Kultur für den Orient zu sein. Speziell zur Judenfrage übergehend, erklärte Carp, daß er über sie heute noch dieselben Anschauungen hege, wie damals (im Jahre 1867), als man ihm wegen seiner diesbezüglichen Aeußerungen das Haus über dem Kopfe anzuzünden, ja sogar ihn zu ermorden drohte. Wie damals sehe er auch heute noch in der großen Anzahl der dem nationalen Volksthum fremd gegenüberstehenden Juden bis zu einem gewissen Grade eine Gefahr für die Nation Ebenso bewundere er aber auch heute noch die Nüchternheit, das Familienleben, den wirthschaftlichen Sinn und die geistigen Anlagen des jüdischen Volkselementes. Er glaube aber nicht, daß die hieraus der rumänischen Nation eventuell drohende Gefahr durch besondere gegen die Juden ergriffene Maßregeln beseitigt werden könne. Vielmehr könne das nur auf dem Wege einer konkurrenzfähigen Erstarkung der nationalen Arbeitskraft auf kommerziellem und industriellem Gebiete geschehen. Zu diesem Zwecke seien auch von der gegenwärtigen Regierungspartei eine Reihe reformatorischer Gesetze auf agrarpolitischem, aus sinanz- und wirthschaftspolitischem Felde geschaffen worden. Gegen die nationalliberale Opposition sich wendend, richtete sodann der Minister an dieselbe die Frage, was sie wohl mit den Juden anzufangen gedenke? Von der Naturalisation seien sie ausgeschlossen, von der Politik ferngehalten worden. Zum Militärdienst, zur Blutsteuer habe man sie herangezogen, zum Avancement aber nicht zugelassen. Trotz alledem höre man seit zehn Jahren die Klage, daß man von den Juden absorbirt werde, daß die Nation in Gefahr sei. Doch sehe Redner diese Gefahr nur darin, daß man nicht wie jene arbeiten wolle. Die Vorzüge, die man den Rumänen nachrühme, werden verloren gehen, wenn man sie nicht mehr, als bisher, durch Arbeit zu erhalten bemüht sei. Der vielfach ausgesprochenen Forderung, daß man die Juden beseitigen müsse, setzte Carp die Erklärung gegenüber, daß man sie weder umbringen noch ausweisen könne, und daß es jedenfalls besser sei, die Juden durch den Unterricht in nationalen Schulen dem Volksgeiste näher zu bringen, als 200,000 Einwohner in Unwissenheit zu erhalten oder aber die Juden zu zwingen, als Fremde ihrem Bildungsbedürfniß in fremden Schulen zu genügen. Alle gegen die Juden ergriffenen Verfolgungsmaßregeln Hütten nichts genützt. Man habe sie sogar in die Donau geworfen; was wolle man also noch mit ihnen? Schließlich erklärte Redner, daß er dem Amendement auf Ausschließung der Fremden, wozu bekanntlich auch die nicht naturalisirten, einheimischen Juden gezählt werden, nicht beistimmen könne, und deutete für 'den Fall einer Annahme dieses Amendements den Ausbruch einer Regierungskrisis an, aus der nur die Gegner des jetzigen Regimes Nutzen ziehen würden. Man kann sich denken, welche Aufregung diese sensationelle Rede Carps in den Reihen unserer Chauvinisten Hervorrufen mußte. Der jüngst gewählte Abgeordnete I. Gradisteanu beschuldigte Herrn Carp, daß er eine den nationalen Interessen des Landes zuwiderlaufendc kosmopolitische Richtung verfolge, daß er zu diesem Zwecke die national! sirten Fremden unter seine Fahnen sammle, daß er Rumänien dein Aus lande gegenüber bloßstelle, und was dergleichen ungereimte Frechheiten mehr waren Carp antwortete mit wohlverdienter Schärfe und dee Unterrichtsminister T. Jonescu erklärte gegenüber Fleva, daß da- Ministerium solidarisch vorgehe. Im Einverständnisse mit der Regierung wurde schließlich der Antrag, nach welchem die Aufnahme fremder zahlender Zöglinge in die Handwerkerschulen bis zu einem gewissen Prozentsätze zu gestatten ist, mit großer Majorität angenommen. So groß auch der praktische Werth des neuen Gewerbeschulgesetzes sein mag: noch größer ist der moralische Erfolg, den Carp mit seiner Rede zuin Schutze der Fremden und Juden über die nationalliberalen Chauvinisten und die mit ihnen verbündeten professionellen Fremdenunb Judenfresser davongetragen hat. Von Nah und Fern. Am 10. d. M. feierte den siebzigsten Geburtstag in seltener körper licher und geistiger Frische der Senior der Firma N. Israel, Herr Kommerzienrath Jacob Israel. — Prediger Lic. Grübner sprach am 6. d. M. in einer großen Versammlung des hiesigen frei sinnigen Arbeitervereins über den Antisemitismus und die politischen Parteieri. Der Vortrag fand allgerneiuen Beifall, die Versammluv: verlief ohne jede Störung. — Die großherzoglich hessische Kammer sängerin Fräulein Jettka Finkenstein hat in Breslau mit großer'. Erfolge konzertirt. — Zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Brander' bürg ist Herr Dr. Immanuel Plato aus Köln gewählt worden Der Ingenieur Paasch, der auf Beschluß der Strafkammer des Laut gerichts aus der Hast entlassen worden war, ist auf Anordnung beo Kammergerichts wieder in Untersuchungshaft genommen worden Das Kammergericht ist nicht der Ansicht gewesen, daß Fluchtverdael l ausgeschlossen erscheine. — Im Stadttheater in Aschaffenburg gelang-? jüngst ein neuer vieraktiger Schwank „Sie lügen Alle'" Don I. Lipr mann aus Mainz zur Allfführung und fand freundliche Aufnahme - Gegen den Pfarrer Specht, einen der Führer der Anl semiten in Baden, sott wegen Beleidigung des bisherigen badisch.:u Finanzministers Elstädter eine Untersuchung eingeleitet werde . Des Verdienstes, das sich Ellstädter, der sich ganz in das Priva leben zurückzieht, um die Finanzlage Badens erworben, wurde no t) kürzlich bei seinem 25 jährigen Ministerjubiläum rühmend gedack. Dr. Ellstädter wurde vom Großherzog zum Ritter des hohen Ordens Bertholds I. von Zähringen ernannt. — Die Lehr r sämmtlicher Schulen der Baron Hirsch-Stiftung in Galizien haben im vorigen Monat eine Konferenz zu Stanislau abgehalten und b. schloffen, die Resultate dieser Konferenz durch Absendung einer Deputation, nach Wien dem Kuratorium zur geneigten Kenntnißnahme zu unterbreite — Der bekannte „Missionsrabbiner" Lichtenstein hat seinen bisherige.! Wohnort Tapi Szelle verlassen. Wie man sagt, soll er als Dozenl an das Leipziger rnstitutum judaicum berufen worden sein. —? i M odena wurde in einem schiffbaren Kanal am 25. Februar die Leie! e des Dr. Federico Sinigaglia aufgefunden, was eine allgemeine B < stürzung hervorrief. Dr. Sinigaglia war einer der achtbarsten uno reichsten Mitglieder der Gemeinde, sein Vermögen zählte nach Milliom! und erfreute er sich großer Sympathien. Er war unverheirathet, fo-i kolossales Vermögen fällt seinen drei Neffen zu. — Durch eine Verfügung des französischen Kriegsministers ist, wie dem Central-Konsistorium in Paris amtlich mitgetheilt wird, den französischen Soldaten jüdischen Glaubens für die Peßachfeiertage Urlaub ertheilt worden. — A.u 8 Dezember v I erfolgte am Fuße des Berges Karmel der erste Spate-? stich zum Bau der Eisenbahnlinie Haifa-Damaskus. In Gegen wart der türkischen Oberbeamten und zahlloser Zuschauer vollzog.W Gattin des Vorsitzenden der Baugesellschaft, Frau Pilling, die feierlich Handlung. Abends fand ein Festmahl statt. Druck und Verlag von Rudoti Mosse in Berlin Verantwortlicb für bte Redaktion - Mar Bauckwitz in Berlin.