Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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122 / 3ltl)C$!t. Leitartikel: Jüdische Legate. — Die Debatte über den jüdischen Religionsunterricht. Bon Tr. F. Lazarus. — Zehn Thesen. Bon Tr. X — (^alizische Briefe. VII. — Die biblischen Schristerktärungen eines Kaisers. Bon Tr. Nathan (#riin. (©dblufe.) — Feuilleton: Klcinstadtleben. Erzählung von Ernestine Streliskv. (Forts) - Literarische Mittheilungcn. — Sprechsaal. — Heine in Düsseldorf. Bon Paul Heyse. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Königsberg i. Pr.. Nr'oschin. Aus Schlesien. Breslau, Seesen a. H., Eassel, Budapest. London, Riaa. Bukarest. - Don Nah und Fern. — Miseellen. — Briefkasten. Geschäftliche Notizen. Jüdische Legate. Berlin, 15. Mürz. An die Mittheilung, daß der jüngst hier verstorbene Geheime Medizinalrath Tr. W. Eohn sein auf ca. 400,000 Mark geschütztes Vermögen letztwillig zur Ausbildung jüdischer Handwerkslehrlinge bestimmt habe, knüpft die „Volkszeitung" das folgende Raisonnement: „Tn der Verstorbene, so viel uns mitgetheilt wird, als höchst freisinniger Mann keineswegs Anschauungen huldigte, die ihn in den Bann einer engherzigen Konfessionalität hätten schlagen können, so erregt diese Bestimmung seiner gemeinnützigen Stiftung bei seinen Freunden ein gewisses Aufsehen. Man erklärt sich aber die Beschränkung der Wohlthaten der Stiftung ans israelitische Handwerkslehrlinge durch die antisemitischen Verhetzungen, durch die sich der Verstorbene angewidert suhlte, und infolge deren er die Lust verlor. Andersgläubigen, in deren Mitte sich solche Verhetzung breit macht, noch Benefizien angedeihen zu lassen. Tas ist zu beklagen, aber auch einigermaßen zu begreifen Zu ähnlichen Konsequenzen werden wahrscheinlich zahlreiche andere jüdische Männer von gemeinnützigem Sinne dank dem schamlosen Treiben der 'Antisemiten gedrängt werden " Gegen dieses Raisonnement müssen wir uns nun mit aller Entschiedenheit wenden, iveil es nach unserer Ueberzeugnng sachlich ganz und gar nicht berechtigt ist. Wenn man eine statistische Parallele zwischen den Legaten von Inden und Nichtjuden ziehen wollte, würde man sofort erkennen, wie unrichtig jene Behauptungen an sich sind. Aber man braucht gar nicht so weit zu gehen. Man braucht nur die! Thatsache zu konstatiren, für die wir jederzeit den Beweis anzutreten bereit sind, daß gerade seit Beginn der antisemitischen Bewegung — ob absichtlich oder nicht, sei dahingestellt — die Zahl der Legate, welche Juden für interkonfessionelle, ja sogar direkt für christliche Zwecke gestiftet haben, nicht nur nicht abgenommen, sondern im Gegentheil erheblich gewachsen ist. Ter einen Stiftung, von der jenes Raisonnement ansgeht und auf die wir noch zurückkommen, stehen allein ans dein letzten Jahr mindestens fünf größere Legate von Juden für interkonfessionelle Zwecke gegenüber, vor Allem die großherzige Stiftung eines Waisenhauses für Kinder aller Konfessionen in Berlin, eine Stiftung, die freilich schon, bevor sie ins Leben getreten, mit antisemitischem Schnultz beworfen wurde, ferner die testamentarischen Vermächtnisse des kürzlich verstorbenen Herrn von Bleichröder, von welchen kaum der dritte Theil speziell jüdischen Stiftungen znfüllt, und viele andere Legate. Tas „schamlose Treiben der Antisemiten" hat also auf die Wohlthatigkeit der Juden nicht den geringsten Einfluß ausgeübt; das ist uns gegenüber den Auseinandersetzungen der „Volkszeitung" sehr wichtig zu konstatiren. Denn die „Bolkszeitnng" wundert sich noch; der „Reichsbote" dagegen wundert sich schon gar nicht; er sieht vielmehr in den jüdischen Stiftungen einen eklatanten Beweis dafür, daß „das Judenthum nicht blos eine Religion, sondern eine Nationalität ist". Und darum müssen wir der Sache mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Aber noch etwas Anderes ist es, was uns veranlaßt hat, gegen jene Aenßernngen des demokratischen Blattes Front zu machen. Einer der schwersten Schäden, die die antisemitische Bewegung in ihrem Gefolge hatte, ist die Verwirrung der Begriffe von konfessionell und religiös. Tiefe Begriffsverwirrung finden wir auch in den ersten Sätzen jener Notiz. Es heißt da, daß der verstorbene Dr. Cohn „keineswegs Anschauungen huldigte, die ihn in den Bann einer engi herzigen Konfessionalität hätten schlagen können". Und gerade darum habe die Bestimmung seines Legates bei „seinen Freunden ein gewisses Aufsehen erregt". Dieses Legat aber ist, wohlgemerkt, für! jüdische Handwerker bestimmt! Man muß also nach der Meinung jener „Freunde", denen sich auch die „Volkszeitung" anschließt, „eng-! herzig konfessionell" sein, um die Ausbildung jüdischer Handwerkslehrlinge befördern zu wollen! Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß Philo- und Anti! semiten vor Allem am meisten sich darüber beklagen, daß die Juden I in so geringem Prozentsatz sich dem Handwerk zuwenden, wobei sie | freilich vergessen, aus welchen historischen und praktischen Motiven : diese Thalsache sich ergeben hat. Ja, wie sollen aber die Juden Handj werker werden, wenn nicht der edle Sinn eines wohlhabenden Glau-! bensgenossen es ihnen ermöglicht, sich diesem Berns znzuwenden? Der „Bund der Landwirthe" wird ihnen wahrhaftig nicht die Bahn dazu erschließen! Es ist also ganz unberechtigt, bei diesem Legat von „engherziger Konfessionalität" zu sprechen. Aber wir gehen noch weiter und wollen bei dieser Gelegenheit ein für allemal unseren Standpunkt darlegen. Wie wir es stets mit aufrichtiger Genugthuung begrüßen werden, wenn ein Jude ein Legat für interkonfessionelle Zwecke bestimmt, genau so wollen wir für die Inden jetzt und auch fernerhin die volle Freiheit gewahrt wissen, ihre letztwilligen Vermächtnisse den Humanitätsanstalten ihrer Glaubensgenossen zuwenden zu dürfen, ohne dem Verdacht „engherziger Konfessionalität" ausgesetzt zu sein, solange weder Regierungen noch Kommunen sich um diese Humanitätsanstalten auch nur im Geringsten kümmern und so lange man es den Juden überläßt, für ihre Schulen und Synagogen, für ihre Kranken und Waisen allein zu sorgen. Wir möchten den sehen, der gegen diesen Standpunkt einen berechtigten Eimvand zu erheben im Stande wäre.? Nie Debatte über den jüdischen Religionsunterricht. Von Dr. F. Lazarus in Köln a. Rh. Motto:?>eigt mir der Freund, was ich kann Vehrt mich der Feind, was ich soll. Die „Judendebatte" dieser Tage hat uns uns selbst in zu greller Beleuchtung gezeigt, als daß auch sie ohne Eindruck auf nufere Glaubensgenossen bleiben sollte. Oder müßte es nicht Jedem, der noch einen Funken don jüdischem Geist in sich fühlt, die Schamrölhe ins Gesicht treiben, wenn er den Mangel an sittlich-religiöser Erziehung uns von der vornehmsten Rednertribüne des Landes herab vorwerft», ja wegen dieser sittlichen Verwahrlosung eine politische Pariastellung für uns fordern hört? Muß da nicht Jeder, der es in Wahrheit gut meint mit seinem Volke, mit sich und seinen Brüdern in ernster Zwiesprache zu Rathe gehen, ob es denn wirklich so weit mit bet' Nachkommen der Propheten gekommen ist, ob denn wir, die wir der Menschheit die Religion gebracht, ivirklich religionslos geworden sind! Es ist der Fluch der unseligen Gleichgiltigkeit unserer Führer in Allem, was Religion betrifft, daß wir diese Anklage nicht mit so voller Ent schiedenheit Lügen strafen können, wie so viele andere Vorwürfe. Es ist nur zu traurige Wahrheit, daß ein hoher Prozentsatz jüdischer Kinder ohne Unterricht in den Lehren ihres Glaubens aufwachsen. Für Jeden, der nicht blind sein will, liegt es am Tage, daß (zuin Glück vereinzelte) Fälle, wie die der Sommerfeld, Wolf rc., nicht