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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-24 · Heft 8 (24.2.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 8 (24.2.1893)
Date
1893-02-24
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 den fraglichen Fehler ihrer Kuh zilgestanden habe itnb der Zeuge Spanier, von der Vertheidigung in scharfes Verhör genonnnen, gerieth in Widersprüche und wurde schließlich auf den Vorwurf, daß er falsch geschworen habe, von einer Ohnmacht befalleil, die feine weitere Vernehmung unmöglich machte. Das Gericht nnter Vorsitz des Gr. Oberamtsrichters Langermann sprach den Angeklagten Oppenheimer frei und konstatirte, daß die Zeugen Döll eidlich die Unwahrheit zum Nachtheil des Oppenheimer ausgesagt hätten. Als Vertreter der Anklage hatte Gerichtsassessor Koch eine Gefängniß- und eine Geldstrafe beantragt, als Vertheidiger fimgirte Rechtsanwalt Grünewald aus Gießen. Der Fall hat in unserer vom Antisemitismus beherrschten Gegend Aufsehen erregt. Ganz gewiß sind die falscheii Angaben der Zeilgen zum Theil auf die antisemitischen Hetzereien zurückznführen. Langdorf ist bekanntlich eine „Hochburg" des Antisemitismus. Oesterreich - Anga rn. Teschen, 20. Februar. Die hiesige israelitische Kultusgemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Herr Kreisrabbiner Simon Fried mann ist nach langem, qualvollem Leiden und nach schmerzvollem Todeskampfe am 8. Februar entschlumniert. Der Heimgegangene war ebenso berühmt als Kanzelredner wie als Mann der Wissenschaft, er genoß in Kreisen der Fachgenossen ein hohes Ansehen. Er war im Jahre 1826 zu Verbo in Ungarn geboren, in Prag absolvirte er das Gymnasium und frequentirte die philosophische Fakultät Seine Rabbinatsstudien machte er bei dem berühmten Talmudisten Rabbiner Kornfeld in Jenikau « Böhmen.) Das Rabbinatsamt verwaltete er mehrere Jahre als Rabbiner in Liboschowitz in Böhmen. Im Mai 1858 wurde ihm das Kreisrabbinat Teschen übergeben und seit jener Zeit wirkte er hier ununterbrochen bis zu seiner Erkrankung im Sommer 1891. Am 15. Mai 1883 feierte er sein 25 jähriges Jubiläum. Er war ein humaner und toleranter Priester, seinerzeit mit dem unvergeßlichen Pater Prutek aufs Innigste befreundet. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung, an welcher sich alle Kreise der Bevölkerung betheiligten. Der leidtragenden Familie und dem Kultusvorstand sind zahlreiche Beileidskundgebungen von Nah und Fern zugekommen. Aus Wien erhielt der Kultusoorstand folgendes Telegramm: „In dem Kreisrabbiner Herrn Friedmann ist seiner Familie der beste Vater, seiner Gemeinde ein treuer Seelsorger, der Menschheit ein unermüdlicher Kämpfer für Recht, Wahrheit und Humanität, mir ein edler Freund gestorben. Wir werden ihn: ein dankbares, ehrenvolles Andenken allzeit bewahren. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, werde ich morgen früh in Teschen eintreffen. Superintendent Dr. Haase." De»! Rabbiner Friedmann widmete seiner Zeit Pater Prutek die Broschüre „Die rationelle Kirche Christi", welche große Sensation erregte. Nußland. OO Brody, 10. Februar. Mit dem am 8. Februar erfolgten Hinscheiden der Frau Betti (Breindel) Ritter von Kallir s. Ain Brody schied der letzte Sprosse einer altjüdischen rabbinischen Adelsfamilie aus dem Leben. Frau Betti von K. war die Tochter des hochbetagten R. Michael Krystyjamp oller s. A., der den Sitz des Rabbinates in Brody eiunahm. Im Hause ihres Gemahls fand sie Gelegenheit, ihre Wohlthätigkeits-Bestrebungen zu verwirklichen. Von aufrichtig frommem Gemüthe, befaßte sich die edle Heimgegangene (deren Ehe kinderlos blieb) Zeit ihres Lebens mit der Ausübung ihrer religiösen Pflichten und der Armenpflege. Zn ihren täglichen Aufgaben gehörten u. A. die Kontrole im israelitischen Hospitale, die Beschenkung armer Wöchnerinnen und das Hospital verlassende Rekonvaleszenten, die Versorgung verschämter Armen und Kranken mit Speise, Arznei und Trank. Die Verstorbene bildete die Seele im Leben aller in Brody bestehenden Wohlthätigkeitsanstalten. So verstand es die edle Frau, durch ihre religiöse Weise ihrer Umgebung Achtung abzngewinnen, so daß man aus Rücksicht gegen sie freiwillig Alles vermied, was ihr zartes religiöses Gefühl irgendwie Hütte verletzen können. Von Nah und Fern. — Die musikalischen Kreise Berlins sind voll des Rühmens der hervorragenden Leistungen des Generaldirektors Hermann Levi aus München als Dirigenten des philharmonischen Konzertes am 13. d. M. Direktor Levi ist ein Sohn des ehrwürdigen Landrabbiners Levi in Gießen. — ''Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft ist am Sonnabend der Ingenieur Paasch aus Leipzig in einem hiesigen Hotel durch die Kriminalpolizei verhaftet worden. Am Sonntag erfolgte seine Einlieferung in dac Moabiter Unlersuchungsgefängniß und am Montag Nachmittag die erste richterliche Vernehmung vor dem ersuchten Richter Amtsrichter Dr. Frommel. Paasch soll beschuldigt sein, durch seine neueste Broschüre den Justizminister- Schelling beleidigt zu haben. — Am vergangenen Sonnabend veranstaltete der „Israelitische Frauen verein" in Ostromo eine gelungene theatralische Aufführung zu wohlthätigen Zwecken, für welchen gegen 400 Mark eingenommen wurden. - Ein schönes Vermächtniß hat der kürzlich in Berlin ver storbene Medizinalrath Dr. Cohn der früher in Posen seinen Wohn sitz hatte, dem dortigen Krankenhaus hinterlassen. Dem letzteren fällt nämlich nach einer testamentarischen Bestimmung des Erblassers dessen ganze nicht unbedeutende Bibliothek zu. — Das Schöffengericht in Leipzig verurtheilte den Redakteur der antisemitischen Korrespondenz, Dr. Tesdorpf, wegen Beleidigung des Licentiaten Dr. Graebner zu zwei Monaten acht Tagen Gefängniß. Der Gerichtshof kritisirte das Treiben der Antisemiten scharf. — Der Vorstand des „Vereines der k. k. Reserve- und Landwehr - Offizier«' in Prag" sendete dieser Tage an Herrn Rabbiner Dr. Alex Kisch, der bekanntlich als Landwehrrabbiner in der österreichischen Armee Haupt mannsraug einnimmt, eine Einladung, diesem Verein beizutreten. Herr Tr. Kisch kam dieser ehrenden Aufforderung natürlich nach. — Herr Dr. Tag licht, Rabbiner in Ung. Ostrau, ein Zögling der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, ist zum Prediger an, Tempel im VI. und VII. Bezirke Wiens gewühlt worden. — Die am 3. d. M. stattgehabte Plenarversammlung der österr. isr. Union hal auf Antrag eines Mitgliedes den Beschluß gefaßt, eine Sammelstelle zur Entgegennahme von Bücher spenden zu eröffnen. Es ergeht seitens der Vereinsleitung an die Glaubensgenossen die Bitte, dieses Unternehmer zu unterstützen. — In Stampfen verstarb im 82. Lebensjahre der Rabbiner Lazar Winter, nachdem er in demselben Orte 42 Jahre lang seine segensreiche Thätigkeit ausgeübt hatte. — Der jüdische Kauf mann Balleli in Korfu, der vor Jahren hier ansässig war, begegnete in Korfu auf der Straße zwei Griechen, von denen der eine mit einem Revolver, um Balleli zu erschrecken, in die Luft schoß. Sein Genosse rief ihm indeß zu: „Wozu in die Luft schießen? Strecke doch den Juden nieder!" Der Erstere feuerte daraufhin nochmals, und Balleli sank im- Herz getroffen todt nieder. — Zum Generaldirektor der Generalbank in Rom ist Herr Enrico Rava ernannt worden. Derselbe wurde vor seinem Amtsantritt vom König in Audienz empfangen, um bemfelbeu über die Angelegenheiten des Instituts nnd über die jüngsten Bankskandal' in Italien Vortrag zu halten — Dem römischen Philologen, Professor Graziado Ascoli, wurde der Groß-Cordon des italienischen Kronen Ordens auf Vorschlag dreier Minister vom König verliehen — Amdem Nachlasse Isidore Loebs ist soeben ein Werk „La. Literature de- Pauvres dans la Bible“ erschienen. — Der Lehrstuhl für hebräische, chaldäische und syrische Sprache an der Pariser Akademie, den bis vor Kurzem Ernest Renan inne hatte, soll, wie französische Blätter mit theilen, Herrn Philipp Berger übertragen werden, der auch bereite in der „Aeademie des Inscriptions“ an Renans Stelle berufen worden ist. — Professor Dr. B. I. Stockvis, ist zum Repräsentanten der holländischer Regierung bei dem im September abzuhaltenden internationalen medi zinischen Kongreß ernannt. — Ein furchtbarer Massenmord ist, wi die „Donsk. Ptschela" meldet, in Mogilew im Homelschen Kreise verüb« worden. Eine Israelitin, deren siebzehnjähriger Sohn und drei Töchter von 13, 8 und 7 Jahren, sowie ein Arbeiter des benachbarten Guts besitzers, der die Nacht im Hause der Frau auf deren Bitte zubrachte, sind ermordet. Nur die älteste 14 jährige Tochter zeigte noch schwach«' Lebenszeichen, obgleich an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Die grüß liche Mordthat ist mit einem Beil begangen worden. Die Mörder sind trotz energischer Nachforschungen der Polizei noch nicht entdeckt worden. — Sir Julian Goldsmith hat in der Synagoge in Berkeley Street am vorigen Sonnabend gepredigt — eine Laienpredigt: er wünscht, daß endlich das Judenthum sich reformirt. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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