Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 mache. In herzlichen Worten dankte der Jubilar den Deputationen füralle die Bewerfe der Liebe, die ihn lief ergriffen hätten. Der Abend vereinigte nochmals eine Anzahl Freunde zu einer Festfeier, bei welcher Herr Professor Lewandowski in einer humorvollen Ansprache den Jubilar, Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal die treue liebevolle Gattin pries. Den eigerrtlichen Abschluß fand das schöne Fest aut nächsten Tage in den Räumen der Religionsschule in der Lindenstraße, wo der verehrte Dirigent die warmen Glückwünsche seiner Schüler und Schülerinnen entgegennahm. Alle Ovationen galten dem verehrten Seelsorger und Lehrer: nur Wenigen ist es indessen bekannt, daß Herr Tr. Apolant auch ein feinsinniger Dichter und meisterhafter Uebersetzer hebräischer Dichtungen ist: als Beispiel haben wir im dieswöchentlichen Feuilleton seine Uebersetzung einer Gabirolschen Dichtung mitgetheilt. © Berlin, 21. Februar. Gerson v. Bleichröder, der Chef der Weltfirma S. Bleichröder, ist am Sonntag gestorben. Vor wenigen Wochen hatte er, anscheinend noch rüstig, den siebzigsten Geburtstag gefeiert. Bald aber befiel ihn ein intensiver Schwächezustand, dem er rasch erliegen sollte. Mit Gerson v. Bleichröders Tod hat ein thaten- und erfolgreiches Leben, aber auch ein Leben, den: die Trüb- und Drangsale des menschlichen Daseins nicht fern geblieben sind, seinen Abschluß gefunden. Das Bankhaus S. Bleichröder war von beni Vater des Verstorbenen begründet worden, und schon der Begründer des Hauses hatte die intimen Beziehungell zu den Rothschildschen Firmen hergestellt. Aber auf die Höhe seiner Entwickelurlg gelangte das Haus erst unter den: Sohne. Das lag einmal an den allgemeinen Verhältnissen, welche das gesammte deutsche Bank- und Börsengeschäft während der jüngsten Jahrzehnte den mächtigen Aufschwung nehmell ließen, der ihm eine ebenbürtige Stellung neben der französischen und englischen Finanzwelt verschaffte. Soweit hierzu aber die Intelligenz und die Thatkraft einzelner Persönlichkeiten mitgewirkt hat, ist Gerson v. Bleichröder unter den Ersten zu liennell. Nachdem sich die preußische Regierung früher einmal durch Bleichröders Rath aus einer Verlegenheit geholfen hatte, wurde er am Ende des deutsch - französischen Krieges nach Versailles berufen, um als finanzieller Berather an den Friedensverhandlllngell theilzllnehnlen. Die Nobilitirung, die Bleichröder im Jahre 1872 zu Theil winde, verdankte er namentlich seiner Mitwirkung an der Durchführung der verwickelten Finalizoperationen mit Rumänien, an denen eine Reihe hervorragender Mitglieder der preußischen Aristokratie betheiligt gewesen war. Hervorragende Mitarbeiter, welche Gerson v. Bleichröder für sein Haus zu gewinnen verstanden, vor willen sein Beiter und nachmaliger Sozius, der Geheime Kommerzienrath Schwabach, ferner die guten Beziehungen, die zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Hause Bleichröder bestanden, kamen dem Erfolge in nicht geringem Maßstabe zu Statten. Jndeß lehrt das Leben Gerson v. Bleichröders, daß das Glück, welches der Besitz eines großen uub selbst eines so kolossalen Vermögens gewährt, nicht überschätzt werden sollte. So große materielle Erfolge werden nicht erreicht, ohne daß harte Kümpfe zu bestehen sind, ohne daß das Leben von Neid und anderen Anfeindungen heinlgesucht und verfolgt wird. Das hat Gerson v. Bleichröder auf das Empfindlichste an sich erfahren, und auch sonst hat ihn das Schicksal wiederholt hart angefaßt. Das Leichenbegängniß fand unter außerordentlich zahlreicher Theilnahme am Mittwoch auf dem Friedhof der Schönhauser Allee statt. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Mapbaum. * Berlin, 20. Februar. In der vorigen Woche fand an der hiesigen Universität eine bemerkenswerthe Promotion statt. Der betreffende Doktorand, Mar Meyer, wurde im Jahre 1865 zu Berlin blind geboren und besuchte, nachdem ihm der erste Unterricht von einem Blindenlehrer ertheilt worden war, das hiesige Sophien-Realgymnasimn. Er wurde stets als bester Schüler versetzt und bestand mit Auszeichnung das Abiturientenexamen, wobei ihm die schriftliche Prüfung erlassen wurde. Darauf studirte er mehrere Jahre hindurch auf der hiesigen Universität Mathematik, Physik und Philosophie. Durch seinen rastlosen Fleiß und seltene Thatkraft verfaßte er nach beendeten! Studium eine Dissertation aus dun Gebiete der Differentialgleichungen, die, wie einer der Opponenten, der Privatdozent Dr. Schlesinger, beinerkte, eine dankenswerthe Bereicherung der mathematischen Wissenschaft bildet. Der Dekan der philosophischen Fakultät, Professor Hirschfeld, beglückwünschte nach der üblichen Vertheidigung der Thesen den jungen Doktor, „der mit Uebernnndung so großer Schwierigkeiten diese akademische Würde erlangt habe." ♦ Moschin (Prov. Posen), 15. Februar. Am 0. Februar starb am Herzschläge der allgemein geachtete und beliebte Kaufiuann Herr- Simon Löwy. Derselbe hat sich um die hiesigeu jüdischen Gemeinde große Verdienste erworben; er war Vorsteher der Chewra Kadischa und hat hervorragenden Antheil, daß eine würdige Synagoge in unserem Orte gebaut wurde. Am Sonntag, den 11. d. M., wurde der Verstorbene zu Grabe getragen und die große Betheiligung der ganzen Gemeinde, aller Honoratioren, sowie vieler angesehener Kaufleute aus Posen zeugte von der großen Verehrung für den zu früh Dahingeschiedenen. An seinem Grabe widmete Herr Rabbiner Dr. Peritz aus Liegnitz, ein Neffe des Verstorbenen, warm ernpfundene Worte des Andenkens an den Verklärten und hob seine Selbstlosigkeit, seine Hilfsbereitschaft und seine Bescheidenheit rühmlichst hervor, die Armen haben einen Freund und Gönner in ihrn verloren. Er ruhe sanft! E. Aus dem Regierungsbezirk Bromberg, 15. Februar. Der Erfolg, den die Antisemiten in dem Wahlkreise Friedeberg-Arnswalde errungen, hat sie veranlaßt, ihre unheilvolle Saat auch in unsere Gegend zu bestellen. Wir sind allerdings überzeugt, daß man gerade hier die jetzige Bewegung richtig be- oder noch richtiger verurtheilt, indessen wäre es wohl angebracht, der beginnenden Agitation eine Gegenagitation gegenüberzustellen. In dem Kreise Jnowrazlaw wurden die bekannten von Verleumdungen strotzenden antisemitischen Flugblätter schon vor einiger Zeit verbreitet. Der Boden schien den Antisemiten jedoch noch nicht günstig genug, weshalb sie die Flugblätter von Berlin aus verschickten, jetzt aber, wo die agrarische Bewegung immer weitere Kreise erfaßt und aufregt, werden auch Vorstöße gegen die Juden unternommen. Der Ausspruch in dein v. Plötzffchen Flugblatt von den Juden und Judengenossen wird weidlich ausgenutzt. — Wir legen deshalb allen Glaubensgenossen die Verbreitung der vortrefflichen, aufklärenden Mittheilungen aus dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus und sonstiger gleichgesinnter Blätter und Schriften sehr ans Herz. Wenn wir bis jetzt auch von der wüsten Agitation verschont blieben, so liegt doch die Gefahr einer solchen für uns sehr nahe, umsomehr als in den angrenzenden westpreußischen Bezirken bereits antisemitische Propaganda-Versammlungen stattsinoen. 0a. Aus Schlesien, 16. Februar. Am 30. vor. Mts. verschied in Oberglogau Herr Moritz Boschwitz nach langem Leiden im hohen Alter von 80 Jahren. Der Verblichene war ein allgemein hochgeachteter Mann, dem besonders der Friede und die Einigkeit unter den Organen der dortigen Gemeindevertretung lange Zeit am Herzen lag. Sein gemeinnütziger Sinn hat ihm die Achtung aller Gemeindemitglieder und Mitbürger eingetragen. Er gehörte seit mehr als 40 Jahren dem Stadtverordnetenkollegium an. Auch war derselbe über 40 Jahre Vorsteher der Synagogengemeinde. — Herr Rittergutsbesitzer Julius Schotrländer in Breslau, ein geborener Münsterberger, hat zum Bau des Friedrich-Wilhelm-Hospitals seiner Geburtsstadt Müusterberg 500 M. geschenkt. — Eine beachtenswerthe Umwandlung vollzieht sich in den Gemeinden der schlesischen Judenschaft. Vor einigen Jahren entschloß sich bekanntlich die Synagogengemeinde Königs Hütte zur Anstellung eines Rabbiners (Dr. Goldschnlidt) mit einem ansehnlichen Gehalte; ihrem Beispiele folgt jetzt das emporgeblühte Zabrze. Die dortige Rabbinerstelle ist mit einem Anfangsgehalt von 3000 M. ausgeschrieben. Andrerseits kann man gegenwärtig bei zwei schlesischen Gemeinden einen augenscheinlichen Rückgang beobachten. So kündigt Herr Rabbiner Dr. Samter in Waldenburg (Schlesien) an, daß er vom 1. April er. seinen Wohnsitz in Breslau nehmen und dort seinen! Knabenpensionat leben wolle. Da die Stelle bis jetzt nicht ausgeschrieben ist, so scheint die Gemeinde nicht mehr in der Lage zu sein, ihren! Rabbiner genügende Einnahme zu bieten. Bestinunteres wird aus L e o b s ch ü tz berichtet. Die dortige Synagogen - Gemeinde beabsichtigt, die Stelle des Predigers, welche gegenwärtig Herr Dr. Krakauer bekleidet, eingehen zu lassen, sobald die Bemühungen des Letzteren run ein anderes Amt erfolgreich sind. Die gesammten gottesdienstlichen Funktionen, einschließlich des Religionsunterrichts, werden alsdann auf den seitherigen zweiten Beamten, Herrn Kantor Liebet, übergehen. Der Entschluß der Synagogen-Gemeinde ist lediglich durch Sparsamkeitsrücksichten bestimmt. 1>. Breslau, 18. Februar. Aus Anlaß der ersten Wiederkehr des Sterbetages des Rabbiners Professor Dr. Jacob Levy hatten sich außer den nächsten Angehörigen des Verblichenen eine große Anzahl