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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-24 · Heft 8 (24.2.1893) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 8 (24.2.1893)
Date
1893-02-24
Page
Seite 86 (sequence 4)
Language
German
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86 y!;t '; hi se: o v < i > -. ) Isak Marcus Jost. Berlin, 22. Februar. Heute sind es hundert Jahre, daß in der israelitischen Gemeinde zu Bernburg im Buhattischen der Manu geboren wurde, der als der erste jüdische Geschichtsschreiber der neuen Zeit gefeiert werden darf. Ein solcher Mann verdient es, daß wir auf sein Leben und seine Bedeutung näher eingehen. Zwar dieses Leben war so ein einfach wie möglich. Jost hat sich an den Bewegungen des modernen Judenthums nur wenig betheiligt. Er war Lehrer, zuerst in Berlin, dann in Frankfurt a. M., wo er im Jahre 1*60 starb. Aber vor Allein war Jost'eine echte Gelehrtennatnr, und zwar eine echt deutsche Gelehrteunatur mit allen Vorzügen und Fehlerir einer solchen. Diese Vorzüge kanlen seinem historischen Schaffen zu Gute, wahrend jene Fehler die höhere Entwickelung nicht zu hemmen vermochten. Schon im Jahre 1821, also zu einer Zeit, wo die jüdische Wiffenschaft noch eine terra incognita war, eine Ruine, durch die sich auch der Kundigste noch keinen Weg bahnen konnte, wagte sichlJost an das große Werk, die Geschichte der Juden zu schreiben. Von 1821—1829 erschien seine „Geschichte der Israeliten" in neun Bänden. Es ist leicht, heute mit vornehmer Geringschätzung über diese Arbeit zu sprechen. Aber tuet den Zustand der jüdischen Wiffenschaft zu jener Zeit überhaupt genauer kennt, der wird mit hoher Achtung über dieses Streben urtheilen. Hier trat zuni ersten Male ein Historiker aus dem jüdischen Stamme auf, der die Geschichte desselben zu erzählen versuchte, nachdem fast achtzehnhundert Jahre lang der historische Sinn in Israel fast erstorben schien und alle Geschichtsschreibung sich fast mir auf Legendensammlung oder Chronikenarbeit beschränkte. An die „Geschichte der Israeliten" reihte sich etwa ztvanzig Jahre später die „Neuere Geschichte der Israeliten" 1815—1845 (Berlin 1847. 2), ein werthvvlles Werk, in dem der Autor schon auf sicherem Grunde steht, rind in dem er auch selbst schon die Fehler der Jugendarbeit nach Kräften zu verbessern bemüht ist. Inzwischen hatte die glänzende Renaissance der jüdischen Wissenschaft in Deutschland begonnen. Zunz und Rappaport haben die Wege gebahnt und sind selbst leuchtend vorangeschrittcn — unter den Ersten, welche ihnen folgten, war Jsak Marcus Jost. Zahlreiche Bausteine aus den verschiedenen Gebieten dieser Wissenschaft hat er während seines Lebens geliefert. Wir ertvähnen nur seine deutsche Ilebersetzung der „Mischua", seine hebräische Zeitschrift „Zion", seine deutsche Zeitschrift „Israelitische Anualen" ». A. Am Abend seines Lebens schickte sich Jost noch einmal zu einem historischen Werke an, das seine wichtigste Schöpfung werden sollte. Es ist dies die „Geschichte des Jrldenthums und seiner Sekten" (Leipzig 1857—59. 3), ein Werk, das, wie tveit auch die historische Forschung inzwischen über Jost hinausgeschritten ist, doch seine hohe Bedeutung nicht verloren hat, ja dieselbe wohl dauernd i» der jüdischen Geschichtslitteratur betvahren wird. So ist das Leben von Jost ein Segen geivorden für den Stau»», dem er entsprossen. Jost war ein ruhiger, bescheidener Mann, der fernab von dem großen Weltgetriebe seinen Studien und seinem pädagogischen Beruf mit treuer Hingabe sich widmete; er war ein guter Jude, der wiederholt gegen die alten Antisemiten zu Felde zog; vor Allem aber er war der Erste, der die Geschichte seines Volkes inid seines Glaubens in zusammenfassender, wissenschaftlich-pragmatischer Darstellung behandelte. Dieses Verdienst sichert ihm ein treues Andenken lind aufrichtige Anerkennung für alle Zeit! U .Die übelste Murrt des Ksiatismus." Empfindlich dürfen wir heutzutage nicht fein. Und so kommt uns Inden die Jahrhlmderte lange Bedrückung und schmachvolle Behandlung nachträglich gar nicht übel zu statten; wenigstens sind wir doch nicht verwöhnt. Was bekommen wir aber auch alles zu hören, und wie müssen wir unser Judenthum schelten lassen! Selbst unser Gott, der sich doch oft und deutlich genug als Bater aller Menschen bekannt hat, kommt bei den Rasseantisemiten recht schlecht weg. Da sagte neulich Herr Theodor Fritsch in der Januar-Nummer der „Deutsch-sozialen Blätter" Folgendes: „Der Jahwe der Juden bleibt ein nationaler Sondergott, der nichts von einer Liebe für alle Menschen weiß, nur auf das Wohl und den Nutzen seinem Sonder-Volkes bedacht ist." Herr Eugen Dühring nennt in seinen; neuesten Werke „Die Größen der modernen Litteratur" das Juden thum die „übelste Abart des Asiatismus". Und weiter sagt der tief [innige Mann: „Des Juden Trachten war, nach dem Eingeständnis seiner eigenen von ihm geheiligten Religionsschriften, böse von Jugend auf." Er spielt damit auf 1. B. Mos. 8,21 an, wo es heißt: „Dar Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." Dagegen sprechen die Rasse-Antisemiten gern von der „angeborenen Sittlichkeit' der Arier. Und dieselben Herren, die spöttische Bemerkungen machen, wenn von jüdischer oder judenfreundlicher Seite Stimmen gegen den Antisemitismus beigebracht werden, hängen mit Genugthuung Aussprüche, die judenfeindlich sind, zu allgemeinerer Kenntniß niedriger. Und so will ich ihnen das Vergnügen machen, die Meinung der leichtfertigen Franzosen Voltaire über die Juden zu wiederholen, das. sie „die abscheulichste Nation seien, die jemals die — Erde besudelt habe." Voltaire mußte das wohl genau wissen. Wenn er den Juden aber das Loos der Zigeuner prophezeite, so hat er bis heute wenigstem noch nicht Recht behalten. Die Behandlung, welche die Juden sr viele Jahrhunderte hindurch erlitten haben, war allerdings geeignet sie zu Zigeunern zu machen, aber dank ihrer erhabenen Religion und Litteratur, sind die Juden vor diesem Loose bewahrt geblieben. Diese Religion und Litteratur ist freilich für Voltaire und seinem Gleichen ein Buch mit sieben Siegeln. Und dieses mahnt mich an die Absicht, in der ich diese Zeilen überhaupt zu schreiben begönnet! habe. Jeder Leser kennt die Sitte, die erste Morgenstunde mit einen; Gebete oder mit einem Psalm zu beginnen. Seit Wochen nun höre ich täglich den Psalm 15, der sich ja auch noch in den jüdischer Gebetbüchern befindet, und der folgendermaßen lalltet: Herr, wer darf in Deinem Zelte weilen. Wer auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer in Unschuld wandelt und übet Recht Und redet Wahrheit in seinem Herzen; Wer auf seiner Zunge nie Verleumdung trägt. Nie seinem Nebenmenschen Böses thut. Noch Schmach aus seinen Nächsten wirft. In wessen Augen das Verächtliche verachtet ist; Der aber ehrt die Gottesfürchtigen. Wer geschworen hat zuiu eignen Schaden Und llinuner wechselt. Wer nie sein Geld auf Wucher giebt Und gegen den Unschuldigen nie Bestechung nimmt. Wer dieses thut, Ter wanket llicht in Ewigkeit. Nun frage ich: Kann selbst ein Antisemit gegen die Moral dieses Psalllis etwas Stichhaltiges entwenden? Und ferner: Kann dm Judenthunl, und hätte es allch nur diesen einzigen Psalm hervorgebracht und der Nachwelt erhalten, wirklich die „übelste Abart des Asiatismm" fein? B. K.

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