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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-17 · Heft 7 (17.2.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 7 (17.2.1893)
Date
1893-02-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 und Fleischsteuer kam den Wünschen des Landes entgegen. Beträchtliche Mehreinnahmen erwuchsen endlich der Negierung aus dem Eintritt in die Brauntweinsteuergemeinschaft, welche die bisherige Landessteuer für Branntwein beseitigte. Die umsichtige Verwaltung Ellsiätters hat dem badischen Lande eine solche günstige Finanzlage geschafft, daß es wohl am Ehrentage des Ministers voll Anerkennung seines Wirkens gedenken wird. Großbritannien. * London, 10. Februar. Auch unser Parlament hat nunmehr seine Judendebatte gehabt. Bei der Fortsetzung der Adreßdebatte im Unterhaus brachte gestern James Lowther einen Unterantrag ein, in welchem die Regierung ersucht wird, ein Gesetz zur Beschränkung der Einwanderung mittelloser Ausländer dem Hause vorzulegen. Bei der Begründung erwähnte er auch des die russischen Ausweisungen veranlaßten Zugangs jüdischer Arbeiter in Verbindung mit der Choleragefahr. Der Arbeitervertreter Wilson unterstützte diesen Unterantrag. Gladstone bekämpfte das Amendement Lowther und führte aus, der vorjährige Untersuchungsausschuß habe nur gesagt, es dürfte die Zeit eintreten, wo eine Beschränkung der Einwanderung erforderlich sein könne; er bestreite, daß die Einwanderung viele englische Arbeiter der Armenpflege zutreibe. Was die jüdischen Einwanderer betreffe, so sollte man der israelitischen Nation die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß es im Allgemeinen notorische Thatsache sei, daß der Gesundheitszustand der israelitischen Rasse im Großen und Ganzen ein sehr guter sei. (Beifall.) In diesem Punkte und vielleicht in einigen anderen dürfte für die Juden ein Vergleich mit den Christen sehr günstig ausfallen. Was übrigens die Gesundheitsfrage betreffe, so habe der Präsident der Lokalverwaltung, Fowler, bereits prompt alle für den Fall des Auftretens einer Epidemie nöthigen Maßregeln getroffen. In Bezug auf die Anklage, daß jüdische Einwanderer in großem Maßstabe ein gewisses Schneidergewerbe kreirt haben, welches ohne die Einwanderung derselben nicht erstanden wäre, so könne man nicht sagen, daß der Manu mittellos sei, der durch Lohnarbeit sich ernährt und mit seinem Lohn zufrieden ist. Wenn Lowther als mittellos Jeden bezeichne, der ohne Kapital in England lande, so würde solche Doktrin eine Masse von Arbeitern treffen, die England jährlich nach anderen Ländern exportire (Beifall); er sei gesonnen, im Geiste der bestehenden internationalen Abmachungen eine gleiche Behandlung allen Einwanderern angedeihen zu lassen. (Beifall.) Italien. ß Rom, 11. Februar. Heute hat sich hier eine Kommission behufs Erbauung einer neuen großen Synagoge gebildet. Die Kommission beabsichtigte, alle israelitischen Gemeinden der Welt um Beiträge anzugehen, welche Absicht jedoch vom Präsidenten der hiesigen israelitischen Gemeinde für inopportun erklärt wurde. Griechenland. Athen, 10. Februar. Ein Theil der Bevölkerung von Zante hatte, wie seiner Zeit mitgetheilt wurde, vor einiger Zeit gegen die in der jetzt zerstörten Stadt wohnhaft gewesenen Juden Ausschreitungen begangen. Die Angelegenheit hatte heute vor dem hiesigen Strafgericht ihr Nachspiel. Vier Angeklagte wurden zu je 40 Neonaten Gefängniß, einer zu sechs Jahren Zuchthaus, mehrere andere zu Gefängnißstrafen zwischen drei und vier Jahren verurtheilt. Von Nah und Fern. ---- Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund geht zur Zeit damit um, die Anzahl seiner Delegirten im Reiche zu verdoppeln. — Der Direktor der zweiten Religionsschule der Jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Apolant, feierte am 14. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag. Einen Bericht über die Feier lassen wir in nächster Nummer folgen. — Beschlagnahmt wurde auf Anordnung des Kammergerichts in der antisemitischen Buchhandlung von Georg Höppner: „Eine Protest-Eingabe an Se. Exzellenz den Herrn Reichskanzler v. Caprivi" von Karl Paasch. Nur wenige Exemplare (etwa 20) wurden vvrgefunden. Wegen Wiederveröffentlichnng dieser Druckschrift ist wider den Ingenieur Karl Paasch ein neues Verfahren wegen Beleidigung des Justizministers v. Schelling eingeleitet worden. Bekanntlich war der erste Strafantrag von letzterem zurückgezogen worden. - Der bekannte Komponist M oritz Moszkowski ist zum ordentlichen Mitglied der Königl. Akademie der Künste ernannt worden. — Der Verein deutscher Studenten hatte kürzlich den antisemitischen Prof. Dr Brecher zu seinem Ehrenmitgliede ernannt, der derzeitige Rektor der Universität hat jedoch, wie das „Volk" meldet, die Bestätigung versagt. — In der letzten Sitzung des Thorner konservativen Vereins ersuchte ein Mitglied um Auskunft über die Stellung des Vereins zur Juden frage. Dem Interpellanten wurde vom Landrath erwiedert, daß diese Angelegenheit den Verein nichts anginge, es werde ihnl anheim gestellt, sich anderen Vereinen anzuschließen. — Der Fabrikant Herr Karl Helft in Bleicherode, welcher bereits 20 Jahre als Stadtverordneter fungirt, wurde in der letzten Stadtverordnetensitzung einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. — Der Düsseldorfer Magistrat hat dem dortigen Antisemitenverein das Lokal der Tonhalle zur Abhaltung von Versammlungen verweigert. — Gegen den Antisemitismus hielt am 31. Januar Herr Professor Delbrück in Jena eine treffliche Rede. — In den politischen und parlamentarischen Kreisen hat es besondere Aufmerksamkeit erweckt, in welch gnädiger Art Kaiser Franz Joseph auf dem Jndustriellen-Ball den Abg. Dr. R oseust o ck durch eine längere Ansprache auszeichnete. Der Monarch, indem er ihm die Hand reichte, fragte: „Sie sind schon lange im Reichsrath, Sie vertreten die Handelskammer in Brody? Welchem Berufe gehören Sie an?" Dr. Rosenstock erwiederte, daß er Oekonom sei. Der Kaiser erkundigte sich eingehend nach dem Stande der Verhandlungen mit der Stadt Brody und sagte, daß ihm die traurigen Verhältnisse der Stadt bekannt seien, worauf Dr. Rosenstock erwiederte, die Stadt könne sich seit der Aufhebung als Freistadt nicht erholen, trotzdem zahlreiche Auswanderungen stattfinden. Dr. Rosenstock sprach dem Monarchen den Dank für die Huld und Fürsorge .aus und für den Beweis der allerhöchsten Gnade, welcher iu der Sanktionirung betreffs Gewährung eines unverzinslichen Darlehens aus Staatsmitteln liege. — lieber den Synagogenbrand in Rom wird nachträglich noch gemeldet: Das Feuer brach in einem Saale des ersten Stockes aus, wie es scheint, durch Unvorsichtigkeit eines Dieners. Die mit kostbaren Teppichen bedeckten Wände boten dem Feuer reichliche Nahrung, und im Laufe weniger Stunden war ein Werth von etwa 400,000 Lire durch die Flammen verzehrt. Alte Bibelhandschriften mit Miniaturen, kunstvolle Gewebe, Gold- und Silberstickereien sind zerstört worden, u. a. ein berühmter Brokatvorhang aus dem 18. Jahrhundert, der durch seinen künstlerischen Werth zur Zeit seiner Stiftung auch die Aufmerksamkeit des damaligen Papstes auf sich zog, sodaß derselbe ihn zu besichtigen verlangte. Die Hauptschätze der Gemeinde in heiligen Schriften, Gesetzrollen, Gold- und Silbergerüthen, sowie die Bibliothek selbst sind glücklich gerettet worden, aber der Verlust der in den ausgebrannten Räumen befindlichen Gegenstände ist schon schmerzlich genug, weil > zürn großen Theil des künstlerischen Werthes wegen unersetzlich. — Der neueste Saisonartikel für Amerika ist die Vorführung von Antisemitenhäuptlingen. Aus Nordamerika ist an den Abgeordneten Dr. Böckel eine Einladung zu einer Anzahl von Vorträgen ergangen und es ist, wie der „Neichsherold" meint, nicht unmöglich, daß Dr. Böckel im Herbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika besuchen und dort ca. 12 Vorträge halten wird. Die Antisemiten wissen eben, wo Geld zu holen ist. — In Washington war unlängst die interessante Thatsache zu verzeichnen, daß beide Häuser des Kongresses an ein und demselben Tage das übliche Morgengebet durch — einen jüdischen Rabbiner sprechen ließen. Die Rabbiner Dr. Silvermann von New-Iork und Dr. Wise von Cincinnati wurden der Ehre theiltmftig. Sie sprachen, der eine im Senatssaale und der andere in der Repräsentantenhalle, ihre Gebete nach jüdischem Ritus und — der Himmel ist nicht eingestürzt. — Nicht ohne ein Gefühl des Neides lesen wir, daß der amerikanische Gemeindebund (Union of American Hebrew Gorgregalion), obwohl nur 00 Gemeinden zu ihm gehören, in den letzten 17 Monaten an Beitrügen 00,900Dollars eingenommen hat. Unser Deutsch-Israelitischer Gemeindebund wird froh sein, wenn die deutschen Juden in der gleichen Zeit ihm eben so viele Mark spenden wollten. Wenn weiter berichtet wird, daß unter der: Spendern 95 Prozent Reformer und 5 Prozent Orthodoxe seien, so mag dies allerdings auch den deutschen Verhältnissen entsprechen. — Aus Jerusalem wird gemeldet, daß Rabbi Jakob Saul Eliazar zum Chacham-Baschi ernamck worden sei. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.

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