Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Mrseellen j 1 * Tacitus und Stöcker: Ein deutscher Philolog schreibt der f N. Z.: Herr Stöcker hat in seiner Rede, die er am 28. Januar im Reichs- ' tag hielt, behauptet: „Schon zur Römerzeit hießen die Juden das odium generis humani.“ . ■ Es ist ja recht schön, daß Herr Stöcker sich einmal auch auf das j Gebiet der klassischen Philologie begiebt. Denn solange er und seine i Genossen nur Citate aus dem Talmud anführen, ist es schwierig, sie zu widerlegen, weil selbst unter den deutschen Juden kaum 200 den Talmud kennen und noch wenigere ihn verstehen, das gebildete Publikum aber « selbstverständlich von diesem nicht die geringste Vorstellung hat. [ Nun legen zwar alle Philologen die Taeiteischen Worte odio! umani generis convicti sunt dahin aus, daß „man sie des Haffes gegen - Die übrige Menschheit überwiesen hielt". Indessen, wer Latein versteht, der weiß wohl, daß die Deutung, „sie seien ein Gegenstand des Hasses für das übrige Menschengeschlecht", sprachlich ebenso angemeffen ist. Diese hat Herr Stöcker offenbar im Sinne. Wenn zwar die ganze philologische Zunft diese Erklärung für unrichtig hält, so hat Herr > Stöcker gleichwohl ein Recht, die seinige für die richtige zu halten. ' Denn zuweilen trifft bekanntlich der gesunde Menschenverstand selbst in / juristischen Dingen das Rechte besser, als die hochgelehrten Juristen ins- * gesammt. Herr Stöcker soll aber Recht behalten! Die Worte sollen also bedeuten, sie seien ein Gegenstand des Hasses für alle Welt. Dann aber kommt Herr Stöcker nur vom Regen in die Traufe. Denn die ganze Bemerkung macht Tacitus gar nicht von den Juden, sondern von den Christen, und zwar bei Gelegenheit der Neronischen Christenverfolgung. Kaiser Nero hatte den Verdacht auf sich geladen, m Brand Roms angestiftet zu haben. Darum suchte er diesen auf die "Christen abzulenken, wie Tacitus ausdrücklich sagt: Ann XV, 44 ergo abolendo rumori Nero subdidit reos et quaesitissimis poenis affecit, quos per flagitia invisos vulgus Christianos appellabat. Bei dieser Gelegenheit giebt der Geschichtsschreiber (was beiläufig gesagt recht bemerkenswert ist) das erste klassische Zeugniß über den Ursprung und das erste Auftreten des Christenthums. Denn er fährt fort: auetor nominis eius Christus Tiberio imperitante per procuratorem Pontium °Uatum supplicio affectus erat. Hierauf erzählt Tacitus die ausgesuchten Martern, mit denen Nero unschuldigen Christen heimsuchte. Er ließ sie nämlich an wilde Thiere . mden und Hunde auf sie hetzen oder ließ sie kreuzigen. Um das Volk aber noch mehr §u gewinnen, bot er ihnen Nachts das grausige Schausviel der lebenden Fackeln, das der polnische Maler Siemiradzki in einem Aufsehen erregenden Bilde dargestellt hat: nt ferarum tergis contecti lanialu canum interirent, aut crueibus affixi aut flammati, atque ubi defecisset dies, in usum liocturni luminis urerentur. Hierzu stellte Nero seine eigenen Gärten zur Verfügung und mischte sich selbst unter das Volk in der Kleidung eines Wagenlenkers, oder indem er sich geradezu als solcher auf einem Wagen produzirte. Alles das geschah jedoch, wie Tacitus sagt, nicht etwa, weil man die armen Christen der Brandstiftung überführt hätte, sondern weil man sie eben des Hasses gegen die übrige Welt überführt hielt: haud proin de in crimine incendii quam odio humani generis convicti sunt. Doch, so fügt der Geschichtsschreiber hinzu, begann man die verfolgten Christen Ul bemitleiden, sobald man erkannte, das gräßliche Verfahren geschähe icht im allgemeinen Interesse, sondern nur zur Befriedigung der Wuth ..nes einzelnen Elenden. Herr Stöcker hat also ein großes Kunststück fertig gebracht. Wenn man aber in so unerhörter Weise das, was von Peter gesagt ist, auf Paul überträgt, außerdem aber den Worten einen bösartigen Sinn unterschiebt, den sie durchaus nicht haben, endlich diesen Paul daraufhin als einen Nichts würdigen brandmarkt, so ziemt es sich, daß man nachträglich öffentlich seinen Jrrthum eingesteht und bedauert. Ein solches Verfahren würde sich für einen Ehrenmann schicken; einen solchen ehrenhaften Schritt aber zu thun, ist nie zu spät. * Die Wahrheit über Stahl. Unter diesem Titel bringt der „Ulk" folgende sehr hübsche Parodie antisemitischer Preßtreibereien und Erfindungen: In der letzten Antisemitendebatte im Abgeordnetenhause wurde von den Judenknechten zum wer weiß wie vielsten Male das Märchen aufgetischt,^ daß das ehemalige Haupt der Konservativen, Stahl, selbst Jude gewesen sei, wenn auch getaufter. Das ist natürlich erstunken und erlogen. * In Stahls Adern floß auch nicht ein Tropfen semitischen Blutes. Es ist Zeit, das Lügengewebe zu zerreißen, mit dem semitische Niedertracht sein Andenken umsponnen hat. ^Stahl ist von christlich-deutschen Eltern geboren. Aber er wurde als zartes Knäblein von jüdischen Schächtern geraubt, die wie üblich auf Christenkinder fahndeten, um deren Blut zu rituellen Zwecken zu benutzen, wie dies bekanntlich auf jeder Seite des Talmud den Juden befohlen ist. Auch der kleine Stahl würde dem grausamen Schicksal, nach allen Vorschriften des Talmud geschächtet zu werden, nicht entgangen sein, wenn nicht etwas Unerwartetes dazwischen gekommen wäre. Ein jüdisches Ehepaar suchte für den Zweck der Erbschleichung ein Kind zum Unterschieben. Das würdige Paar trat mit jenen Schächtern in Verbindung, die bei dem ihrer Rasse eigenthümlichen Geschäftstrieb keinen Anstand nahmen, den kleinen Stahl an ihre Volksgenossen für zehn Thaler und ein paar abgelegte, aber noch brauchbare Hosen zu verkaufen. So kam unser Stahl zwar mit dem Leben davon, aber er blieb in der Gewalt jüdischer Leute und galt als die Schooßesfrucht eines Judenweibes. In dem Maße, als Stahl heranwuchs, kam natürlich sein Arierthum ihm selber unbewußt zum Durchbruch, bis er das unnatürliche Band zerriß und zum Christenthum zurücktrat. Das ist die Wahrheit über Stahl, wie sich aus den beschworenen Aussagen von 147 einwandslosen Zeugen ergiebt. r * Ein hübsches Citat hat dieser Tage der antisemitische Agitator und Abgeordnete Werner im „Antisemitischen Volksverein" gebraucht. Er sagte wörtlich: Ein polnischer Dichter sang einst: „Ein Jeder hat sein Heim, der Pole nur ein Grab". Wenn wir dem Ueberhandnehmen jüdischen Einflusses still zugesehen hätten, würden wir auch bald sagen müssen: „Der Jüd' hat unser Heim, der Deutsche nur das Grab". Sehr hübsch und geistreich — schade nur, daß es kein polnischer Dichter, sondern Lord Byron war, der den Vers in seinen „Hebräischen Melodien" gesungen, und noch mehr schade, daß dieser Vers ganz in entgegengesetztem Sinne lautet. Es heißt dort: Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimath, Juda — nur die Gruft! Sonst ist aber Alles richtig in dem Citat, genau so richtig wie alle anderen Behauptungen des wackeren Agitators. d Schweigen! anal osb nrtr vt (•2. Buch Moses, Kapitel 14, Vers 14.) Die Schweigsamkeit ist klanglos zwar. Doch gleicht sie goldnem Werthe, Nur „Silber" — falls das Sprichwort wahr — Sind Reden, selbst gelehrte. Mit „Blech" benennt der Volksmund oft Das. Sprechen, wenn es werthlos. Obwohl der Redner fest gehofft. Daß er dafür geehrt groß. Die Schweigsamkeit besiegt den Spott Mit seinem bösen Willen, Und zeigt nicht auch der liebe Gott Die Weisheit uns im Stillen? Louis Schwärtz.? * f * Eine Millionen - Erbschaft. Die meisten hiesigen Blätter erzählten neulich mit aller Bestimmtheit und mit vielen Einzelheiten eine * Geschichte, welche die Angehörigen einer Familie Färber aus Boskowitz | in Mähren nach einem in Rotterdam vor Jahren verstorbenen Erzbischof i. Färber eine Millionen Erbschaft zu gewärtigen hätten. Die Sache wurde £ vielfach in so ernster Weise berichtet und so glaubhaft ausgeschmückt, daß n auch wir von derselben Notiz genommen haben. Nun stellt es sich aber heraus, daß die ganze Millionen-Erbschaftsgeschichte mit Allem, was \ drum und dran hängt, auf einer Mystifikation beruht. * nn [ii neu