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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Italic». * Nom, 4. Februar. Am 1. Februar gerieth die hiesige Synagoge in Flammen; wie leider hier üblich, fehlte es sowohl an Spritzen, wie an Wasser, obgleich der Tiber nur wenige Schritte von der Brandstelle entfernt liegt. Bei dem Brand sind 26 alte Pergamentbibeln aus dem zwölften Jahrhundert vernichtet, ebenso viele goldüberladene gottesdienstliche Geräthe. Das Gerücht geht mit, daß das Feuer von Dieben angelegt worden sei. Am 4. d. kam es im Judenquartier zu Tumulten Die abergläubische jüdische Menge zwang sämmtliche reicheren Glaubensgenossen, ihre Geschäfte zu schließen, in dem Wahne, Gott hätte im Zorne das Feuer in die Synagoge geschickt, weil die Juden am Sabbath ihre Geschäfte offen ließen. Gendarmerie und Militär stellte die Ordnung wieder her. Rußland. * Peters bürg, 1. Februar. Eine englische Zeitung berichtet über eine Unterredung, welche der Zarewitsch mit einem „Verwandten königlichen Blutes" gehabt haben soll. Der russische Thronfolger habe bemerkt, daß seiner 'Ansicht nach Rußland „als christlicher Staat" nicht die Aufgabe haben könne, irgend eine religiöse Sekte zu verfolgen und er persönlich sei auch gegen die Vertreibung der Juden aus Rußland. Diese Aeußerung klingt nicht unwahrscheinlich, da der Zarewitsch sich schon früher in ähnlicher Weise über Glaubensfreiheit ausgesprochen hat und eine solche Aeußerung zu Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater geführt hat. S. Petersburg, 20. Januar. Seit längerer Zeit beschäftigte sich die Negierung mit der Frage der Regelung der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine, welche innerhalb der jüdischen Gemeinde in großer Zabl vorhanden sind. Die jüdischen Wohlthätigkeitsanstalteu und Vereine, und nicht allein diese, sondern auch die Institute, welche religiösen Zwecken dienen, sollen unter die Kontrole der Negierung kommen und somit den Juden fast gänzlich weggenommen werden. Mehrere Monate hindurch arbeitete man in dem Heiligen Synod an der Herbeischaffung des nöthigen Materials und man zog aus den verschiedenen Gouvernements Erkundigungen ein. Es ist nunmehr sicher, daß diese Pläne binnen Kurzem Gesetz werden und die Juden auch in ihren eigenen Anstalten nichts mehr zu sagen haben werden. Als erster Anfang dieser neuesten Judenunterdrückung darf die aus verschiedenen Städten eintreffende Kunde angesehen werden, wonach die jüdischen Bibliotheken geschlossen worden sind. In jeder größeren Stadt sind seit einigen Jahren öffentliche Bibliotheken aus hebräischen, russischen, deutschen u. s. w. Bücher gegründet worden. Diese haben zur Bildung der russischen Juden nicht wenig beigetrngen und die Lesehallen waren ein Saunuelpunkt der wißbegierigen Jugend. In den meisten Fällen hatte mau diese Bibliotheken an diese oder jene Synagoge angeschlossen, wo für dieselbe ein besonderer Raum bestimmt war. Gegenwärtig werden die Bibliotheken überall geschloffen. Die Beschränkung beginnt sonnt auf dem Gebiete der Aufklärung und Bildung, worauf die Wohlthätigkeitsvereine und die übrigen jüdischen Anstalten theilweffe unter die Regierungskontrole gestellt, theilweise ganz ausgelöst werden sollen. Die Befürchtung liegt nahe, daß auch die Synagogen von der Hand der barbarischen Negierung nicht verschont bleiben werden und das Moskowiterthum auch die jüdischen Heiligthümer entweihen wird. E. Warschau, 20. Januar. Vor 14 Tagen ist bei uns die erste jüdische Volks k ü che eingerichtet worden und heute haben wir schon ihrer drei. Aber auch die vermehrte Zahl der Anstalten kann dem großen 'Andrang nicht vollständig genügen, so daß die Gemeinde es für nöthig hielt, noch eine vierte Küche in der Panskistraße einzurichten. Solche Volksküchen werden jetzt, dem „Hameliz" zufolge, auch in Wilna eingerichtet. Die Vorsteher unserer Gemeinde gehen jetzt noch einen Schritt weiter. Nach mehrmaligen Berathungen ist beschlossen worden, Volksb a d e - A n st a l t en in den verschiedenen Gegenden der Stadt anzulegen, welche Maßregel namentlich mit Rücksicht auf die Choleraepidemie von Wichtigkeit ist. — Die Zahl der Schüler in unserer jüdischen Handwerkerschule ist jetzt 200. Da aber der Raum für noch 300 Schüler reicht, so berieth das Kuratorium der Schule darüber, Mittel zu beschaffen, um die Zahl der Schiller vergrößern zu können. Non Nah und Fern. — Qu Gunsten der hungernden Kinder veranstaltet die Verwaltung der israelitischen Volksküche (Herr Hermann Abraham) am Sonnabend, den 18. Februar, eine Wohlthätigkeitssoiree in Gestalt eines Sorumerfestes in den Sälen der Philharmonie. Eintrittskarten a 2 M. sind bei Herrn Abraham, Alte Jakobstr. 57/59 zu haben. — Von den jüngeren Geigern ragt jetzt der Violin-Virtuose Herr Jaques Weintraub besonders hervor. Geboren im Jahre 1868 in Brody als Sohn eines Musikers, genoß er im elterlichen Hause den ersten Unterricht, absolvirte 1884 das Konservatorium in Lemberg und begab sich nach Beendigung der Wiener Schule 1887 nach Berlin, wo er durch Meister Joachim seine letzte Ausbildung erhalten hat. Vor Kurzem trat er in einem eigenen Konzerte in der Singakademie zun: ersten Male vor das Publikum. Er erntete mit allen seinen Vorträgen lauteste Anerkennung. — Der Rentier Moritz R o h r, wohnhaft in Berlin, ein geborener Posener, schenkte 600,000 Mark zun: Bau und Unterhalte eines jüdischen Krankenhauses in Posen. — Die goldene Hochzeit feierten in Wollstein die W. Graetzschen Eheleute, aus welchem Anlaß dieselben ein Legat von dreitausend Mark stifteten, von dem die Zinsen alljährlich unter den städtischen Armen ohne Unterschied der Konfession vertheilt werden sollen. Von dem Kaiser erhielten die Jubilare die goldene Ehejubiläumsmedaille. Auch der Korporationsvorstand, die.Repräsentanten, Bürgermeister und Stadtverordneten sowie viele Bürger brachten Glückwünsche dar. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Cöln sprach am Montagabend 8l/2 Uhr Herr Rabbiner Dr. Jaul ns aus Aachen über „Idealismus und Realismus". — In Leipzig sprach am 31. Januar Oberstlieutenant a. D. v. Stein in der Südgruppe des evangelischen Arbeitervereins gegen den Antisemitismus. — In voller Rüstigkeit beging einer der ältesten Abonnenten unseres Blattes, Herr Ephraim Rothschild in Stadtoldendorf, am Montag den 6. Februar seinen 85. Geburtstag. — David Samuel Kalter in Hamburg, eine stadtbekannte Persönlichkeit, in bescheidenden Verhältnissen lebeitb, der für sich keine Aufwendungen inachte, hat 100,000 Mk. der Talmud-Thora-Schule und 300,000 Mk. zur Errichtung für einen wohlthätigen Vorschußverein vermacht. Das ganze Vermögen Kallers soll sich auf 1,000,000 Mk. belaufen. -- Dem Herrenhausmitglied Baron Moritz von Königswarter in Wien ist vom König Christian von Dänemark das Kommandeurkrenz des Danebrog-Orvens verliehen worden. - Herr H. Kuffner von Lundenburg ist zum Bürgermeister wiedergewählt worden. — Gerin, der Mitgründer der „Libre parole", einer der Urheber des französischen Antisemitismus, wurde, nachdem er vergebens versucht hatte, für sein früheres Blatt „National" jüdischen Geldzuschuß zu erlangen, wegen Betrugs und Unterschlagung verhaftet. Sie sind doch überall gleich, diese Vorkämpfer der „edelsten Bewegung unsere Zeit," wie Herr Stöcker sie nennt. — Die jüdische Gemeinde in Genua hat einen herben Verlust erlitten. Ihr hervorragendes Mitglied, Kommendatore Adolf Bingen wurde, während er einer Sitzung des Wohlthätigkeits-Komitees präsidirte, von einem Schlaganfall betroffen, dem er auch augenblicklich erlag. Der Verstorbene, der auch Gemeinderath, Mitglied der Handelskammer, Verwaltungsrath der mittelländischen Bahnen, Direktionsmitglred der Nationalbank re. war, wurde mir seltenen Ehren zu Grabe geleitet. — Die Akademie der Wissenschafteu in Petersburg hat von Herrn Fried mann, einem jüdischen Kauf mann erster Gilde eine kostbare Bibliothek als Geschenk erhalten. Diese enthält 300 Manuskripte in hebräischer Sprache, 320 alte Drucke und 10 006 Bünde aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Sammlung wird unter km Namen Bibliotheca Friedlandiana in einem besonderen Lokcü Aufstellung finden. Das ist jüdische Rache. — Wie aus Palästina gemeldet wird, ist durch einen Erlaß der Regierung den Juden bei Erwerb von Grundbesitz verboten worden. Man wird wohl in der Annahme nicht fehl gehen, oaß diese Maßregel durch die Uebertreü bungen der Zionisten hervorgerufen worden ist. Truck und Verlag von Rudolf MoNe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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