Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 geordnete gesprochen hat, das Wort Toleranz, als eines Postulates edler Menschlichkeit, Toleranz, die im Menschen nur den Menschen sieht, als das edelste (Geschöpf Gottes, die den Menschen beurtheilt nach seinem inneren Werthe und nicht nach seiner äußeren Erscheinung." (Beifall links. » Dr. Byk sprach Worte kräftiger Abwehr gegen die Hep! Hep!- Rede des Prinzen Liechtenstein vom Freitag, und er knüpfte daran den gewiß nicht grundlosen Borwurf, daß die Regierung der Partei gegenüber, welche die wichtigsten Sätze des Staatsgrundgesetzes bekämpft und Haß gegen Andersgläubige ausstreut, Lässigkeit und Passivität an den Tag gelegt habe. Von besonderem Interesse war in der Rede des Herrn Dr. Byk der auf die Errichtung von Rabbinerseminaren in Wien und Lemberg bezügliche Passus. Der Abgeordnete plaidirte natürlich für die Errichtung eines israelitischen Seminars mit dem Sitze in Galizien, indem er sagte: „Derzeit müssen ynalisizirte Rabbiner alls Preußen noch immer herübergeholt werden, lind das entspricht gewiß nicht der Würde des österreichischen Staates. Die Regierung beabsichtige, im nächsten Jahre eine solche Anstalt in Wien zu errichten. Redner hätte jedoch gewünscht, daß eine solche Anstalt in Galizien selbst errichtet werde, damit die künftigen Seelsorger Galiziens in ihrem Heimathlande und inmitten der galizischen Bevölkerung aufwachsen und die nöthige Kenntniß der nationalen Sprache erwerben." (Zustimmung auf beu Polenbänken.) Weiters wünscht er auch die Errichtung eines Proseminars zur Heranbildung israelitischer Religionslehrer. Zum Schlüsse seiner vortrefflichen Rede sprach Dr. Byk seine Befriedigung über die geplante Errichtung einer israelitischen theologischen Anstalt aus. Es werde dort der Religionsunterricht unter staatlicher Kontrole ertheilt werden, und damit werde manche Bosheit unb manche Niedertracht im Keime erstickt werden, denn man wird finden, daß die ethischen Grundlagen des Judenthums so krystallhell sind, wie die jeder anderen Religion. Redner dankt deshalb der Regierung nochmals, daß sie in diesem gewissermaßen kritischen Zeitpunkte zur Aktivirung einer solchen Anstalt schreite. * Wien, 20. Januar. Eine vom Ministerpräsidenten eingegangene Zuschrift stellt auf Grund der Ergebnisse der eingeleiteten strafgerichtlichen Voruntersuchung, sowie der Disziplinar-Verhandlung die volle Grundlosigkeit der gegen den Vorstand des versicherungstechnischen Bureaus des Ministeriums des Innern, Ministerialrath Kaan, von antisemitischer Seite erhobenen Beschuldigungen fest. Die bezüglichen Mittheilungen des antisemitischen „Deutsch. Volksbl." über den verdienstvollen unb ehrenhaften Beamten seien böswillige Verdächtigungen. Nußland. £. Petersburg, 29. Januar. Während früher von Seiten der Regierung fortwährend Versuche gemacht worden sind, die russischen Juden gewaltsam mit der russischen Bevölkerung zu verschmelzen und man sie zwang, Tracht, Namen und die übrigen nationalen Merkmale durch entsprechende russische zu ersetzen, schlägt jetzt die russische Negierung den entgegengesetzten Weg ein. Die Gouverneure des jüdischen Ansiedlungsrayons haben daran Anstoß genommen, daß die Juden russische Namen führen, was in den Augen der russischen Panslavisten einer Entweihung des Russenthums gleichkommt. Es sind darum besondere Verordnungen getroffen worden, daß Juden im Geschäftsverkehr und in schriftlichen Akten nicht mehr ihre jüdischen Namen in russisches verwandeln sollen. Dabei ist aber auch die Frage aufgekommen, ob die Juden ihre Kinder in die Geburtsscheine mit russischen Namen eintragen dürfen, und diese Frage hat noch eine weitere Doktorfrage gezeitigt, welche Namen überhaupt als speziell jüdische zu betrachten sind. Es hatte den Anschein, als ob die russische Regierung auch zur Regelung dieser Frage eine besondere Kommission, aus Philologen und Sprachforschern bestehend, einsetzen wird. Die russischen Zeitungen behandelten sie lebhaft, und manche Professoren haben auch thatsächlich darüber Gutachten abgefaßt. In den letzten Tagen ist aber eine Entscheidung eingetroffen, welche dahin rtu^Hiuft, daß die Juden vorläufig bis zur prinzipiellen Entscheidung dieser Frage das Recht haben, ihre Kinder mit russischen Namen zu benennen uitb die Ortsbehörden sich dem nicht mehr entgegenstellen dürfen. Tie Frage selbst aber ist dem Ministerrath in Petersburg unterbreitet, welcher binnen Kurzem dieses Stück Judenfrage erledigen wird. Von Nah und Fern. —- Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers ist von den jüdischen Gemeinden des Vaterlandes durch synagogale und Schulfeierlichkeiten allenthalben festlich begangen worden. — Der Stadtverordnetenvorsteher Herr Kaufmann Birnbaum in Genthin ist in Anerkennung seiner 25 jährigen Thätigkeit als Stadtverordneter zürn Ehrenbürger dieser Stadt ernannt worden. — Am 20. d. Mts. vollendete Stadtrath Prager in Liegnitz sein 70. Lebensjahr. Aus Anlaß dieser Feier wurde er vorn Magistrat und einer Anzahl Stadtverordneter unter Führung des Oberbürgermeisters Oertel und des Stadtverordneten-Vorstehers Kittler beglückwünscht. Die Gratrllationen des Kreisausschusses überbrachten Landrath Dr. Schilling, Oekonomierath Schneider-Petersdorfs und Major Zahn-Jeschkendorf. Die Glückwünsche der Synagogengemeinde übermittelte Herr Heinrich Cohn. Außerdem liefen von Nah und Fern zahlreiche Gratulationen ein. — Hiesige Blätter melden aus Bunzlau: Durch Umstürzen des Schlittens wurde der Rabbiner Rubinstein sofort getödtet, seine Gattin tödtlich verwundet. Ein Rabbiner Rubinstein ist im statistischen Jahrbuch des D. I. G.-B. nicht verzeichnet. — Der Kassirer des Düsseldorfer antisemitischen Vereins, Kaufmann H., wurde von der Strafkannner in Düsseldorf wegen Unterschlagung zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. H. hatte sich fortgesetzt an der ihm anvertrauten Vereinskasse vergriffen. — Zum Stadt- und Bezirksrabbiner in Weilburg ist Herr Dr. E. Landau in Zürich gewählt worden. — Das 50jährige Amtsjübiläum feierte jüngst der Kultusbeamte Herr Abraham Ebert in Fürth. — Der königl. Amtsrichter Dr. Cohen in München wurde zum Rath am königl. Landgericht München 1. ernannt. — Im Alter von 75 Jahren verstarb am 29. Januar der emeritirte Oberlehrer Herr Alexander Elsässer in Crailsheim, einer der ältesten Mitarbeiter unseres Blattes. — In Holland denkt man selbst in den allerhöchsten Kreisen über Konfession recht tolerant. Die junge Königin von Holland hat Tanzunterricht, eine Gouvernante aus Brüssel ertheilt denselben. Zum Musiziren ist ein junger holländischer Künstler (Violinist) gewählt, ein Jude, der recht begabt und talentirt ist. Er wurde in Vorschlag gebracht und von der Regentin engagirt. — Rabbiner S)r. S. Gelb haus in Prag hat hier allwöchentliche Vorträge über jüdische Religionsphilosophie eröffnet, zu welchen außer den Rabbinatskandidaten auch das Publikmn Zutritt hat und die sich allgemeinen Beifalls erfreuen. — In Prag verschied der Stiftungsrabbiner Jakob Teweles im 64. Lebensjahre. Der Verblichene entstammte einer alten Gelehrtenfamilie. — Bei der Landesregierung von Kroatien beschäftigt man sich gegenwärtig mit dem Studium der sehr zerfahrenen Rechtsverhältnisse der israelitischen Konfession. Es wird jedoch keine Vorlage an die Legislative wie in Ungarn beabsichtigt, sondern man glaubt, die bestehenden Unzukömmlichkeiten im Verordnungswege regeln zu können. — In Chauxdefonds (Neuenburg) hielt der Großrabbiner Wertheimer von Genf einen Vortrag über die Sch ächtfrage. Zum Schluffe erklärte er, die Israeliten würden sich niemals Vorschriften und Gesetzen unterziehen, die mit ihrem Glauben in Widerspruch stehen. Das Schächten sei den Juden eine Gewissensfrage, und sollte ihnen das Schweizervolk l diese rituelle Handlung in der Schweiz verbieten, so würden sie im Ans- I lande jüdische Schächtereien errichten. — Baron Alfons Rothschild in Paris ist von seinem Jagdnnfall geheilt, doch ist das verletzte Auge , endgiltig verloren. — Ans Paris wird das Ableben des Landschafts-; inalers Paul Pereire gemeldet. — Die prachtvolle, in der Offiziers- Gasse in Petersburg gelegene Synagoge wird von der dortigen israelitischen Gemeinde wegen Mangels an Mitteln zur weiteren Erhaltung derselben demnächst der Türkengemeinde behufs Umwandlung in! eine Moschee verkauft werden. — Die neueste Nummer der russischen ' Gesetzsammlung enthält eine Verfügung des Ministers der Reichsdomänen betreffend die Ausführung der durch Gesetz vom 9. Juni 1892 dekretirten ■ Einschränkung der Naphtagewinnung im Kaukasus von Seiten der Hebräer und Ausländer. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.