Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227992--49481-3271049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Miso et len * lieber die Anfänge des Weltverkehrs schreibt Heinrich Brugsch in einem Aufsatz der „Vossischen Zeitung", in dem er für den ältesten Weltverkehr die folgenden bestimmenden Grundlagen eröffnet: Vor der Stiftung der größten Kulturstaaten an den Ufern des Nils und Euphrats, einschließlich der dazwischen liegenden Arabischen Halbinsel, befände:: sich die Ureinwohner dieser Länder in verwildertem Zustande. Sie kannten weder den Ackerbau, noch wohnten sie in Städten beisammen. Gesetz und Ordnung waren ihnen noch unbekannte Dinge. Der Verkehr beschränkte sich auf die natürlichsten Beziehungen des Nachbars zürn Nachbar. In diesen Nebel dringt allmählich Licht hinein Ein Volk von unbekannter Abstammung und Herkunft, von röthlicher Hautfärbung erscheint zu Schiffe an den asiatischen und afrikanischen Küsten des Erythräischen Meeres. Ausgestattet mit gewissen Kenntnissen der Technik, des Wissens und der Kunst, und erfahren im Ackerbau in Verbindung mit Viehzucht, eröffnet es den ältesten Weltverkehr durch Gründungen von Kolonien an dm südlichen Küsten des von ihm befahrenen Meeres. Arabiens Seeränder empfangen die ersten Niederlassungen der Rothhäute. Diese werden zu Lehrerrr der nach Gesittung ringenden Menschheit und ihre Sendboten beginnen in das Innere der von ihnen erschlossenen jungfräulichen Welt vorzudringen. Sie nehmen im Westen Aethiopien und Aegypten in ihrerr Besitz und verwandeln, ostwärts, Babylonien in einen Kulturstaat. Sie ziehen nordwärts bis zu den östlichen Küster: des Mittelrneeres und legen den Grund zu den später berühmten Seestädten und Handelsplätzen an der ganzen Küste Phönizieus. Allenthalben, wo sie erscheinen, tritt der Dattelbaum, aus dem Süden 'Arabiens nach Norden verpflanzt, als ihr unzertrennlicher Begleiter auf, und das Schiff, sei es auf dem Meere, sei es ans den größten Strömen Afrikas und Asiens, insoweit diese Erdtheile den Wandernden geöffnet waren, bildet das Hauptverkehrsmittel der damaligen Zeit. Die ältesten Hamiten erscheinen damit als die Beherrscher der Welt. Die Sarnen der Kultur, welche sie auf empfänglichen Boden gelegt s hatten, schossen allmählich irr die Höhe und trugen überreiche Früchte. Aegypten und Babylonien entwickelten sich unter gleichen hamitischen Einflüssen, aber jedes in seiner Eigenart, zu großen Kulturstaaten. In Palästina, Syrien und den angrenzenden Ländern blühte ein kräftiges Städtewesen empor, meist unter der Führung von Kleinköuigen, und die Industrie beutete die natürlichen Hilfsquellen des Bodens aus. Selbst der Kunstgeschmack, auf den Wegen des Verkehrs von einem Orte nach bem andern, von einem Lande rrach dern nächster: übertragen, erreichte eine gewisse Höhe. Phönizier: behauptete auch darin feinen alten Ruf als Beförderer und Verbreiter aller hervorragenden Kunsterzeugnisse in Metall, Stein, eingelegter: Arbeiten, in gebrannter Thonerde, in Glas u. s. w. die erste Stelle einzunehmeu. Vorn 18. Jahrhundert vor Ehr. Geb. nimmt der Weltverkehr zwischen 'Afrika und Vorderasien einer: lebendigen Ausdruck an und die Verbindungen zu Lande und auf dem Meere schaffen befahrene Straßen. Ter 'Austausch lebender und todter Waare und vor: Gegenständen der Kunst und der Industrie wird bereits durch abgewogene Stücke von Gold, Silber, Kupfer und Blei und selbst durch werthvolle Steine nach ihrem Gewichte vermittelt. Metalle und Steine vertreten die Stelle des gemünzten Geldes. Der asiatische Semit hat sich zu einer produktiven Macht entwickelt, seine geistigen Fähigkeiter: werden anerkannt und seine Leistungen erwecken den Eifer der Nachahmer. Die ägyptischen Inschriften und Papyrustexte von dieser Epoche an, während eines Zeitraurues vor: etwa eir:em Jahrtausend, bieten einen reichen Stoff zu einem Gesammtbilde des damaligen Verkehrs zwischen Aegypten und Asien diesseits des Euphrat. Aegyptens vielgerühmte Industrie, an alten Formen und Ueberlieferungen hängend, war einseitig geblieben, und es bedurfte der Anregung von außen, um für den Weltverkehr die anziehende Kraft nicht zu verlieren. Es gewann dabei mehr als es gab, und was es gab, war meist durch den stofflichen Inhalt der Waare zu einer Empfehlung geworden, wie seine Arbeiten in Gold und feinen Steinen, seine mit Bildhauerarbeit verzierten Sarkophage, seine Parfüme in Alabastergefäßen, seine vorzüglichen Gewebe in feinster Leinewand u. dergl. rrrehr. Das waren vielbezahlte Artikel, die selbst in den späteren Zeiten des Alterthums ihren Weg von Aegypten aus bis nach Italien fanden. Hätte Aegypten dem Fortschritte in der Entwicklung der klinstlerischen Anschamu:gen gehuldigt, es würde damals den Weltverkehr vollständig beherrscht haben. So nahmen gewöhnlich die Phönizier das Beste, wenn auch in seiner Beschränkung, von ihren -.^'Stammesverwandten im Nilthale und führten es in die" weite Welt hinaus. * Der Ausschuß des „Palestine Exploration Fund" in London hat die Kosten der Veröffentlichung der vom Major G R. Conder übersetzten Keilschrift-Thontafe ln von Tell-El-Amarna übernommen und sich damit den Dank der gesanunten gebildeten Welt verdient. Wir haben bereits die hohe Bedeutung der im Jahre 1887 von einer ägyptischen Bäuerin zufällig bei Tell-El-Amarna in dm Ruinen des Palastes von Amenophis IV. halbwegs zwischen Theben und Memphis entdeckten 320 Thontafeln eingehend gewürdigt. 160 dieser unschätzbaren Dokumente befinden sich in: Berliner Museum, 82 in: British Museum, wo sie von dern Münchner Gelehrter: Dr. C. Bezold gemeinsam mit dem Hilfsassistenten Dr. E. A. Wallis Budge vom British Museum katalogisirt und herausgegeben worden sind, 60 weitere in: Museum von Gizeh und die übrigen 18 im Privatbesitz. Die Tafeln sind in neubabylonischer Keilschrift in einem assyrischen Dialekt, der viel Anklänge an das Hebräische des Alten Testaments aufweist, zwischen 1500 und 1450 vor Beginn unserer Zeitrechnung geschrieben und stellen die private und politische Korrespondenz zwischen Amenophis UI. und Amenophis IV. (Khu- Eu-Aten) und den Königen der westasiatischen semitischen Reiche dar. Sie gewähren ungemein lehrreiche Einblicke in die politischen Verhältnisse; dieser semitischen Reiche in Asien zu Aegypten; sie behandeln Offensiv-! und Defensiv-Bündnisse, Handelsverträge, Heirathsgebräuche, religiöse Ceremonien und Hofintriguen. Das ganze Leben der damaligen Zeit rollt sich in ihnen vor unseren Augen wieder auf. Wie groß ihr geographischer Werth ist, erhellt aus der Thatsache, daß jetzt schon manche Städtenamen und Länderbezeichnungen in der Bibel und auf ägyptischen Denkmälern durch ihre Hilfe identifizirt worden sind. * * Ein antisemitisches Duell fand am Freitag in Wien zwischen einem aktiven Husaren-Oberlieutenant und einem jüdischen Reserve-Offizier der Dragoner statt Wiener Blätter berichten hierüber: „Die Ursache des Zweikampfes ist auf e:::e gewisse Tagessrage zurückzuführen, der sich auch Ossiziere, wenn auch vereinzelt, nicht zu entziehen vermögen. Der aktive Husaren-Oberlieutenant hat nämlich den Reserve- Offizier mit einer Bezeichnung belegt, in welcher die Konfession des Reserve-Offiziers mit einem Thier in Verbindung gebracht wurde, das gerade durch die Konfession ausgeschlossen erschien. Die Folge war eine Herausforderung. Der aktive Husaren-Offizier soll ein ausgezeichneter Fechter sein. Er führte auch seine Hiebe mit großer Sicherheit und streng nach den Regeln der Fechtkunst, allein dieselben waren flach. Der Reserve-Offizier bemerkte sogleich die Gewohnheit seiners Gegners, nur flache Hiebe zu führen und ließ sich hineinhauen, ohne daß es ihm einen Tropfen Blut gekostet hätte. Er sah aber mit um so größerer Aufmerksamkeit darauf, daß seine Hiebe mit der Schneide geführt wurden, und ons Resultat war — die vollständige Kampfunfähigkeit des aktiven j Offiziers. Als die Aerzte den Blutüberströmten untersuchten, fanden sie! die Hauptmuskel des rechten Armes vollständig durchgeschnitten und! kaum hatten sie diese schwere Wunde vernäht, als sie entdeckten, daß dem! Offizier auch die Nase fehle Man konnte längere Zeit die Nase nicht finden; endlich entdeckte man sie, an der Wand klebend, löste sie los und nähte sie dem Verwundeten kunstgerecht an. Der Reserve-Offizier hatte j nur unblutige Hiebe erhalten. Zu solch traurigen Konsequenzen führt! der Antisemitismus!! * lieber einen „abnormen Fall" ist der Frankfurter Zeitung aus Kassel folgende interessante Mittheilung zugegangen: Dr. H., ein! sehr bekannter Thierarzt, vermiethete jüngst ein möblirtes Zimmer ' an einen jungen Referendar. Nach einigen Tagen erhält Dr. H. von j seinem Miether einen Brief, worin ihm der junge Herr eröffnet, daß er bei einem Juden nicht wohnen könne, und bittet, mm: möge ihn doch! auf der Stelle ausziehen lassen, er wolle den Betrag der Miethe für den laufenden Monat vergüten Dr. H. erwiederte wörtlich: „Im Besitz Ihrer Zeilen, gestatte ich Ihnen, sofort auszuziehen; Sie brauchen mir nichts zu vergüten. Ich will jedoch nicht verfehlen, Ihnen zu bev merken, daß mir derartiges Benehmen in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.. Ergebenst Dr. H., Thierarzt."