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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-11 · Heft 50 (11.12.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 50 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55. Jahrgang. Kr. 50. Kerlin» 11. Dezember 1891. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch en t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner U*' Ludwig PlMlppson - Sonn Verlags-Trpedition: Äerlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für .Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ll|)alt. Leitartikelr Die Konservativen. — Gemeinde und Hochschule. Von A. B. — Dr. Ignatz Hirschler. Von M. Kapserling. — Mein Judenthllin. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann. (Schluß.) — Wiffenschaft und Kitteratur: Olymp und Sinai. Von Tr. Heinrich Groß. — Christian Wilhelm von Dohm. Von Dr. Adolph Ko Hut. — Feuilleton r Der heilige Herr. RomanvonFerdinandDieffenbach. (Forts.) — KitterarischeMittheilunaen. Der Gerneindevote. Korrespondenzen und Rawriürten r Berlin. Dresden. Leipzig. Frankfurt a. M.,' Bockenheim. Hildesheim, Bielefeld. Aus Westfalen, Hamburg, Wien, Reichenberg, Sundsvall. Mogador. — Von Rad und Mer«. — Sprechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten. Dir Konservativen. Berlin, 8. Dezember. Eine eigentümliche Bewegung hat die deutsch - konservative Partei erfaßt. Die Jagd nach einem neuen Programm ist ihre Hauptfrage. Sie bedarf neuer Schlagwörter, die das ersterbende Interesse der Parteigenossen wieder wecken könnten. Ihr letztes Programm datirt aus dem Jahre 1876. Damals wogte die Hochfluth des Schutzzollenthusiasmus, der sich nunmehr wohl gelegt und eher einer gegenteiligen Stimmung den Platz geräumt hat. Da ist es denn sehr natürlich, daß speculative Köpfe auf ei» Schlagwort verfallen sind, das vielleicht in konservative» Kreisen Zugkraft ausüben könnte: auf die „Judenfrage". Die „Kreuzzeitnng" hat vor einigen Wochen zuerst die Parole ausgegeben, der „Reichsbote" ist ihr damit nachgefolgt. Und auf dem schlesischen Parteitag hat ein ausgesprochen antisemitischer Junker den förmlichen Antrag gestellt, die Emancipation der Juden anfzuheben und von Staatswegen eine Untersuchung des Talmuds anzuordne», um uns derselben zu entnehineu, ob ein Volk mit einer solchen Sittenlehre überhaupt geduldet werden könne. Das war nun allerdings selbst dem konservativen Parteitag in Schlesien zu viel und er hat die wunderliche Forderung stillschweigend gestrichen. Dagegen hat er aber doch beschlossen, die Parteileitung zu ersuchen, „im. deutsch-konservativen Programm zur Judenfrage Stellung zu nehmen". Man sieht, der Artikel der „Kreuzzeitung" hat also schon Früchte getragen und es wird zweifellos eine Erörterung innerhalb der konservativen Partei über ihre Stellung zum Judenthum nicht ausbleiben. Diese Stellung ist nun allerdings eine sehr eigentümliche. Bekanntlich ist der Heros und Begründ c der konservativen Partei in Preuße», der Mann, von dessen <$L sstes Gnade sie nun schon seit einem halben Jahrhundert lebt, Julius Stahl, ein Jude gewesen. Auch sonst haben an der Wiege dieser Partei Juden, getaufte und ungetanste, gesessen. Es ist historisch nachzuweisen, daß bei allen großen Bewegungen innerhalb der letzten fünfzig Jahre Juden die konservative Partei geistig und materiell in hervorragender Weise gestützt haben. Ja, noch mehr: die angesehensten lind reichsten jüdischen Familien in Preußen gehörten stets, mit geringen Ausnahmen, der konservativen Richtung auch in der Politik an. Demgemäß regelte sich auch die Stelllmg der Partei dem Judenthum gegenüber. Von offiziellem Judenhaß war nicht viel zu merken. Einige Heißspor>le, die Vertreter und Anhänger der „Kreuzzeitung" selbstverständlich an der Spitze, bestätigten als Ausnahme diese Regel. Offiziell ist aber die konservative Partei in Preußen seit dem vereinigten Landtag von 1847 bisher nicht gegen das Judenthum aufgetreten. Auch selbst in den parlamentarischen Verhandlungen, die der Emancipation vorhergingen, und ebenso in denjenigen, tvelche der Interpellation Hänel im Reichstage folgten, haben die Konservativen als Partei immer noch eine gewisse Zurückhaltung bewahrt. Das ist nun aber anders geworden, als die Herren Stöcker und Hammerstein innerhalb der Partei zu größerer Bedeutung gelangten. Zwar vermochten auch sie die offizielle Leitung nicht zum Antisemitismus zu bekehren, aber es gelang ihnen doch, in Verbindung mit einigen sächsischen und pommerschcn Abgeordneten, die Stimmung der Partei in antisemitischem Sinne zu beeinflussen. Ihre Forderung, daß nunmehr offiziell zur Jndenfrage Stellung genommen werde, ist nur eine Kraftprobe — und inan darf gespannt darauf sein, ob dieselbe gelingen wird. Wie die Verhältnisse liegen, dürfte dieser erste Ansturm allerdings kaum ein greifbares Resultat haben. Die Führer der konservativen Partei sind zum größten Theil besonnene Männer, die auf dem Boden der Verfassung stehen und nicht daran denken, deren Grundlagen zu erschüttern. Sie wissen sehr wohl, daß das, was jene Heißsporne verlangen, eher revolutionär als konservativ, eher demagogisch als staatserhaltend ist. Wenn der Abg. Rickert jüngst im Reichstag den Konservativen zugerufen: „Sie sind ganz unverfälschte echte Antisemiten!" so geschah dies nur in gerechter Erregung über die Mittel, welche die konservative Partei gelegentlich einer Wahl in Pommern angewendet hatte. Thatsächlich giebt es innerhalb der konservativen Partei zwei große Strömungen auch in dieser Frage. Und es ist inimerhin ein Trost, daß die maßgebenden Elemente meist jener antisemitischen Strömung fernstehen, und zwar die auf dem rechten so gut wie auf dem linken Flügel der Partei. Schon auf jenem merkwürdigen Parteitage in Breslau hat der Abg. v. Heydebrandt und der Lasa jenen Stürniern gegenüber die Notwendigkeit betont, sich voll rmd aufrichtig auf den Boden des Verfassungsstaats zn stellen und auf der ganzen Linie auch praktisch die Konsequenzen des konstitutionellen Systems zu ziehen. Herr v. Heyde-

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