Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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--■ 4 - ' den Justiz-Chef Klein vertreten. Herr Oberrabiner Dr. Jacobi pries in kurzen Worten die Tugenden des Verstorbenen. Herr Wilh. Schwarz gab namens des Ausschusses der israel. Kultusgenreinde Worte der Trauer zum Ausdrucke. — Im Namen des städtischen Gemeinderathes hielt Herr Advokat Dr. N. v. Crukovic dem Verstorbenen einen warmen Nachruf. Frankreich. * Paris, 12. November. In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer interpellirte der Deputirte Laur über die finanzielle Krisis und klagte den Finanzminister Rouvier an, er liefere die Finanzen Frankreichs den Juden und den fremden Anleihen aus. Laur verlangt die Ausweisung der jüdischen Bankiers. Rouvier erwiederte, er werde auf einen derartigen Vorschlag nicht antworten. EineGoldeÄtziehung sei in Frankreich nicht vorhanden, der Goldbestand der Bank von Frankreich fei vollständig normal, die Finanzen Frankreichs würden mit Klugheit und Anstand geleitet. Er werde sich nicht so weit erniedrigen, mit Laur darüber zu diskutiren. Was das Haus Rothschild angehe, welches Laur beschuldige, auf eine günstige Gelegenheit zu warten, um seinen Sitz außerhalb Frankreichs zu verlegen, so dürfte es doch nicht im Jmteresse Frankreichs liegen, den Pariser Markt eines so mächtigen Faktors zu berauben. Die Kammer nahm hierauf mit 431 gegen 32 Stimmen die einfache Tagesordnung an. Rußland. X Odessa, 27.^ Oktober. Dieser Tage verabschiedeten sich in feierlicher Weise die Offiziere des 16. Jägerregiments S. M. des Kaisers, mit ihrem konnuandirenden Obersten Sablin an der Spitze, von ihrem gewesenen Kameraden Staatsrath Dr. Alexande r M arko witsch Fink elfte in, der kürzlich seine Entlassung genommen hat. Dr. Finkelstein war im Laufe von 21 Jahren Oberarzt dieses privilegirten Regimentes und genoß während dieser langen Zeit die Liebe und Achtung seiner Kameraden sowohl, wie seiner Untergebenen. Diese Hochachtung und Verehrung zeigte sich besonders deutlich bei Gelegenheit der Abschiedssoiree, die feine Kameraden ihm zu Ehren veranstalteten und bei welcher Dr. Finkelstein durch kostbare Geschenke, wie durch Lobsprüche in hervorragendem Maße ausgezeichnet wurde. *Grodno, 2. November. Ein entsetzlicher Massenmord ist dieser Tage im Kobrinschen- Kreise des Gouvernements Grodno verübt worden. Im genannten Kreise liegt ein großer Wald der „Ossowezki- Ljeß", wo ein reicher Holzhändler, der Jude Apfelbaum, mit einer zahlreichen Familie wohnte. Dieser Apfelbaum führte bereits seit langen Jahren einen ausgedehnten Holzhandel und wurde im ganzen Kreise für einen sehr reichen Mann gehalten. Er war außerdem dafür bekannt, daß er seinen armen Glaubensgenossen gern und reichlich half, selbst aber ein ziemlich bescheidenes Leben in seinem am Rande des Waldes belegenen Hause führte. Kürzlich brach nun im Hause Apfelbaums Feuer aus, das beinahe das ganze Gebäude einäscherte. Die herbeigelaufenen Barlern arrs der Umgegend wunderten sich zuerst, beim brennenden Hanse Niemanden von der Familie Apfelbaums vorzufinden. Als sie sich nun hineinwagten, gelang es ihrren, vier Leichen herauszuziehen; acht Leichen wurden danrr später unter beit Trümmern aufgefunden. Alle waren errrrordet. Apfelbaums Familie bestand aus 12 Personen, darunter vier Männer, zwei Frauen rrnd sechs Kinder. Auch letztere rvaren von ben Mördern nicht verschont geblieben. Wie die Untersuchung ergab, hatten sie zwei Kinder mit Beilschlägen getödtet, alle Anderer: waren rnit Messern ermordet. Um die Spur des entsetzlichen Verbrechens zrr verwischen, halten die Mörder das Haus in Brand gesteckt. Dank der sofort eingeleiteten energischen Untersuchung gelang es den örtlichen Behörden, den Mördern auf die Sprrr zu kommen, urrd rnehrere von ihnen sind bereits verhaftet. Es erweist sich, daß der Massenmord von einer aus 20 bewaffneten Männern zusammengerotteteu Bande verübt war. — Wenn antisemitische Blätter sich in der Aeußerung gefallen, der größte Theil dieser Bande bestehe aus Juden, so liegt die Tendenz dieser Lüge auf der Hand. Von Mali und Fern. - Der Stadtverordnete Herr Louis Liebermann hat der „Stiftung eines Ungenannten" zur Vergrößerung ihres Kapitalsvermvgen die Summe von 15,600 Mark überwiesen, und zwar 15,000 Mark in dreieinhalbprozentiger Berliner Stadtanleihe und 600 Mark in Baar. — Zu wohlthätigen Zwecken ist der Stadt Berlin vom Rentier Siegfried Lessing ein Legat von 10,000 Mark hinterlassen worden. — Am 17. d. M. verschied plötzlich der Lehrer Herr Dr. Egers, welcher in Fachkreisen durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentbums, sowie durch seine Lehrthätigkeit an der israelitischen Lehrerbildungsanstalt sich einen Namen erworben hat. — Am 16. November starb hochbetagt Frl. Albertine Sachs, eine Schwester des seligen Rabbiner Dr. Michael Sachs. Sie war durch den Adel ihres Charakters und durch Wohlthätigkeitssinn in weiten Kreisen beliebt und geehrt. — Eine offene Trennung der Antisemiten und Konservativen hat bei der Wahl eines Stadtverordneten im 40. Berliner Wahlbezirk stattgefunden. Während die Konservativen entschieden für den bisherigen Vertreter des Bezirks, Stadtv. Gericke, eintraten, haben die Antisemiten in der Person des Herrn Dr. ined. Schantz einen eigenen Kandidaten aufgestellt. — Die Gemeinde Siegburg feierte am 15. d. M. das Fest des fünfzigjährigen Bestehens ihrer Synagoge. — In der Versammlung zu Bielefeld, in welcher Herr Lic. Graebner über den Antisemitismus sprach, erlitten die Antisemiten, welche mit der Absicht, die Versammlung zu ftöreit (siehe Correspondenz) hingekommen warm, ein klägliches Fiasko. — In der Stadt Meiningen die Fahne des Antisemitismus aufzupflanzen, fordert der in Erfurt erscheinende „Thüringer Landbote" auf. Die Abhaltung einer Versammlung werde erfolgen, sobald ein geeignetes Versammlungslokal zu haben sei. — Die Einweihung eines neuen Logen heims in Hamburg vereinigte die Mitglieder der Henry Jones-Loge des U. O. B. B. und ihre Damen am 11. d. M. gu einer höchst erhebenden Feier. Der offizielle Akt wurde in weihevoller Weise durch den Großpräsidenten des Ordens in Deutschland, Herrn Dr. Maretzky aus Berlin, unter Assistenz des Großschatznreisters Herrn Bergel vollführt. Zu dieser Feier waren Delegirte der Logen mehrerer anderen deutschen Städte, u. A. Berlin, Frankfurt a. M., Stettin erschienen. — Der Prediger Mannheimer-Verein in Wien hat bei Gelegenheit des diesjährigen Geburtstages seines Begründers am 17. Oktober d. I. 1700 Gulden vertheilt. Es wurden 6 Rabbiner, 10 Rabbinerwittwen, 16 Lehrer und 18 Lehrerwittwen bedacht. — In Pest starb, wie von dort berichtet wird, Dr. med. Ignaz Hirschler, der das wesentliche Verdienst hat, die moderne Augenheilkunde in Ungarn eingebürgert zu haben. Hirschler war seiner Zeit Präsident des ersten jüdischen Kongresses und länge Jahre Vorsteher der Pester Gemeinde. Eitreu ausführlichen Bericht behalten wir uns vor. — An der Subskription in England für die russischen Juden haben sich nach Ausweis der Sammelliste auch Christen betheiligt; außer nicht namentlich aufgeführten christlichen Freunden" begegnen wir dem Earl Roseberry, dem Freunde des Grafen Bismarck, mit 300 L. (6000 Mark) und dem Herzog von Westminster mit 200 L. (4000 Mark). Es sind weniger die reichen Gaben,die erfreuen, als die Geber. — Der französische Linienkapitain Waldteufel ist zum Bataillonschef befördert worden.— Dem „Czas" zufolge fand in Balta in Russisch-Polen eine Judenverfolgung statt. Das mit'Sensen und Hacken bewaffnete Volk überfiel die Juden, verwundete viele und zerstörte deren Häuser. Das Militär unterdrückte diese Tutnulte, ohne daß jedoch die Ruhestörer verhaftet wurden. — Der „Grashdanin" dementirt aufs Energischste die Gerüchte von bevorstehenden Verschärfungen der Maßnahmen gegen die russischen Juden. — Der Konstantinopeler Korrespondent der Köln. Ztg. hatte eine Unterredrrng mit den: neuen Großvezier, welcher besonders betonte, das Verbot der Masseneinwanderutrg russischer Juden in die Türkei sei ausschließlich eine durch ben prekären Gesundheitszustand besonders Konstantinopels, aber auch anderer türkischer Küstenstädte bedingte Nothwendigkeit. Wie sehr ein solches Verbot auch dem warmen, menschenfreundlichen Herzen des Sultans widerstrebe, so nutzte er sich doch dieser Nothwendigkeit fügen. — Der Khedive hat das jüdische Hospital in Alexandrien, welches sein Entstehen der Munifizenz des Barotr B e h o r de M e n a s e e verdankt, mit seinem Besuche beehrt. Seine Hoheit sprach seine Bewmtdernng über die treffliche Einrichtung bieder Anstalt in den atrerkettnendstetr Worten aus. Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mai Bauchwitz in Berlin.