Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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-aber ist es nicht gelungen, den Festgenommenen selbst gegen Kaution Freiheit pr verschaffen. Trotz der strengen Maßnahmen der Behörde gegen die Juden hat die Stimmung der Bevölkerung sich noch nicht gebessert. Unter den zu Blntthaten genejgten Antisemiten iltns graecae, zeigt sich eine im Wachsen begriffene Gährung, »venu es auch der Regierung bisher gelungen ist, Gewaltakte zu unterdrücken. Heute steht die Angelegenheit wie zuvor. Die Juden umschwebt ein Unsichtbarer Bannkreis. Die Stambulvw'sche Regierung, wohl bewußt, wie ungelegen eine derartige Gräuelszene gegen Juden verübt, wie die Wratzer sie geplant haben, dem bulgarischen Slaatsweseu käme, thut »vohl das Möglichste. Doch vermögen wir nicht den Varlheil zu erblicken, welchen die Nachgiebigkeit gegen die Hetzer und Jndeu»nörder gebracht hat, zumal die bulgarische Regierung von der Ueberzeugung der Unwahrheit des Blutmärcheus durchdruugen fein muß. Hat ja der bulgarische Ministerpräsident oft die größte Energie gezeigt, wo es sich um das Wohl und die Ruhe des Staates gehandelt hat. Weshalb erlahmte gerade hier gegenüber dem Unglück acht unschuldiger Menschen seine bewährte Kraft, wo es galt, dieselbe vor Gewaltthateu pt schützen und für ihr Leben einzustehen. Wer verbürgt uns, daß selbst nach durchgeführter Gerichtsverhandlung, sich derlei Szenen wieder einmal an anderen Ortschaften wiederholen? Sollerl denn die bulgarisch-jüdischerl Bürger, welche ihr Gut und Blut in gleicher Weise wie Bulgaren und Türken dem Vaterlande opfern, der steter» Filrcht vor Beraubung rurd Ehrabschneidung unterworfen sein mib dieses aus Liebedienerei gegen die verwilderte Moral der Autisemiten?! Könnte denn Bulgarien auf die Dauer diese Unsicherheit der persvrrlichen Rechte eines Theils seiner Bürger ertrageil? Doch alt diesem Unheile kann mit einem Federstrich abgeholfen werden. Die Regierung, welche ja noch immer unter der türkischen Souveraiuität steht, sollte in der Skupschtiila, welche am 27. d. Vt. zur Eröffnung gelaugt, das osmanische Gesetz gegen derlei Blutbeschuldigung promulgiren und wir schaffen eine ganze Schaar voll Verbrecher» mtb Verbrechern aus einmal aus dem Wege. Es sei hier noch darauf hingewiesen, daß die Mörder und die Gemordeten in dieser Blutbeschuldigungsaffaire doch wieder nur Brrlgaren sein »oerder». Mögen nur die armer» Gemordeten wie die unschuldig Jnhaftirten die letzte»» Opfer eines kannibalische»» Autisemitisurus sei»»! Aber auch den jüdischen Gemeinden liegt die heilige Pflicht der Selbslvertheidiguug ob. Dieselben hätte»» für die Eiubringuug des obengenanrrten Gesetzentlvurfes unb für dessen Annahme durch die Deputaten der Sobranje mit alle»» Mitteln zu sorgen. Bedauerlich bleibt der Umstand, daß in der bulgarischen Kammer fein jüdischer Abgeordneter sich tefiiibet — daß aber mancher Freund der eiiiheiruische»» Juden unter de»» Abgeordneten sein mag, dafür spricht der Umstand, daß die Sobra»»je die Dotir»»ng des Rabbinats »uit 3000 Fr. jährlich ohne Debatte augeumnmen. Auch sonst lüiirbe keine autlsemitiscbe Stimme im bulgarische»» Parlamente laut, »vie sie Leider in» österreichischen und de»»tschen Pnrlame»»te so oft liub uugeuirt sich erhebe»». «. Türkei. * Korrstarrtinopel, 3l. Oktober. Ter „Agence de Eoustantinople" zufolge hat das Rundschreiben der Pforte ai» die Botschafter betreffs der Jude»»ein»vander»»»»g foigenbeu Wortlaut: „Um den aus der Anhäufung von israelitischen Ein»va»»derern für die össe»»1liche Geslmdheit sich ergebenden Gefahrei» vorzubeugen, mußte die Pforte als prophylaktische Maßregel den jüdischen Eiu»vanderern das Betrete»» des türkischer» Gebietes untersagen. Der Minister des Aenßern ersucht in Folge dessen de»» Botschafter, die Schiffsgesellschaften a»»fz»»forder»», dm Ein»va»»dereru die Beförderung nach dem türkischer» Reiche z»» ver- »veigern, da die Seebehörden beauftragt sind, die Einwanderer nicht landen zu lasse»»." U I Von |lali und jfmt. Auf den Anschlagsäulen war jüngst eine antisemitische „Matinee" angekündigt, welche die Hetzrede ei»»es antisemitischen Agitators »»nd Gesa»»gsvortrüge von Mitgliedern »»nseres köngt. Opernhauses bringe»» sollte. Tie Sache klärt sich nun als eitel Flunkerei auf, da kein Mitglied »»nseres Opernhauses die Erlaubniß zur Mit- »virknng in einer antisemitischen Matinee erdete»» hat, daß solch' eine Erlaubniß derugemäß auch »licht ertheilt wurde itub selbstverständlich »»icht ertheilt »vorde»» wäre. — Ntit einer reiche»» Spende hat Herr Julius Jsaac, Inhaber der b^tanuten hiesigen Fischbeiu- »»nd Roh^- w aarenfabrik, den Berliner Zoologischen Garten bedacht. Da8 genannte Institut verdankt diesem Gönner einen prächtigen Schweinshirsch a»»s Ostindiei», sowie ein paar S.chopfpaviane, zu denen, wie wir hören, in nächster Zeit von Seiten desselben Herrn, »velcher bereits mehrfach sein Interesse an den Naturwissenschaften, speziell au der Zoologie, bethätigte, noch ein paar Polar- oder Eisfüchse kommen sollen. — I»» Marburg ist am 31. v. Mts. der Lehrer und Prediger I. Oppenhei»»» »»ach 40jähriger gedeihlicher Wirksamkeit daselbst in» 68. Leberisjahr gestorben. Die Gemeinde »oidmet dem Heimgegangenen einen »varmen Nachruf. — Herr Julius Kauf»»»aun, erster Vorsteher der israelitischen Gemeillde zu Hannover, »vurde als stellvertrete»»der Handelsrichter für das dortige Handelsgericht gelvählt. — Der bisherige außerordentliche Professor an der Universität zu Königsberg, Dr. Fränkel, ist zum ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Marb»»rg ernannt worden. — Herr Rabbi»»er N. H. Kutin er in Schwedt feierte am 2. November c. sei»» aOjährig es A»ntsj»i b ilänn». Da der Jubilar in allen Kreisen der Bevölker»i»»g unserer Stadt sich größter Hochachtung erfreut, »vurden demselben an diese»»» Tage viele Ehrenbezeigungen erwiesen. Die Festpredigt »oird Herr Dr. Ungerleider a»»s Berlin halten. — In Buk verschied an» 31. Oktober der Vorsteher der jüdischen Ge»»»ei»»de, Herr Albert Ma»lasse, in» Alter von 44 Jahren. — Das Fest der goldenen Hochze it feierte a»n 27. Oktober- Herr F. Blumenfeld in Nt nnster und seine Gattin Nettchen Btuluenfeld. Herr Blume»»feld ist als Vorsitzender der Marks-Haindorf'schen Stiftung in weite»» Kreise»» befainit. — In Wie»» ist an» 22. v. Mts. der anßerordeutliche Professor der Physiologie an der dortigen Universität, Dr. Ernst Fleischt v. Marxo»v, i»n 46. Lebensjahre gestorben. Er »var einer der begabtesten Schüler Brücke's und »vurde schon vor 2b Jahren, bevor er noch das Doktorat erlangt hatte, Assisrent der pathologische»» Anatomie. Vor mehrere,» Jahre»» hatte sich Professor v. Fleischt bei anatoniifclien Untersuchungen durch eine Infektion mit Leichengift ein nicht unbedenkliches Leiden zugezogen, welches vielleicht »»un seine»» frühzeitigen Tod herbeigeführt hat. — In» Wie»»er Gemeinderathe »vurde von antisemitischer Seite der Antrag eiugebracht, die Schnlkiilder im zweiten Bezirke nach Konfessionen zu trennen und innerhalb sechs Woche»» über die Durchführung zu berichten. Der Antrag »vurde dem Stadtrathe zugewiese»». Der zweite Bezirk ist die zum große»» Theile nun Jude»» bewohnte Leopoldftadt. — Die erste Versamrnlnng der Oesterreichisch-israelitischen Union hat am 31. Oktober ftattgesunden. Auf der Tagesordnung stand u. A. ein Vortrag des Herrn Dr. Güde»uanu: „H. Grätz und seine Geschichte der Jude»»." — Der Wiener Kr anken-Unterstütz»»ngsverei»» „Lirvjas Ehen" hat ein neues Bet hau s eingerichtet, »oelches vorgestern feierlich eingeweiht »vurde. Der Rabbinatsassefsor Friedmann hielt die Festpredigt. — In Kolomea hat a»n letzten Sonntage i»n Septe»nber ein gelvisser Rudolf Sedlnczek in das Ha»»s des Inden Arv»» Le»b Nag ler, »vo er die Familie versanuneltglaubte, »uit eil'.em geladene»» Gewehre hiueiugejchosse»», die Familie »var aber in» Bethause und die Kugel traf de»» christlichen Hausdiener. Das Gericht hat sich der Sache bemächtigt. — Nach den Berech»»nngen ei»»es Schlveizer Gelehrten beträgt dasDurchschnitrsalter der europäische»» Christen 36 Jahre 11 Monate, das der europäische»» Jude»» 48 Jahre 9 Monate, das sind 11 Jahre unb 10 Monate inehr. — Der Plan des Barons Hirsch zur.organisirten Auswanderung der russische»» Juden nähert sich infoferu seiner pra'tischen Durchführung, als, »vie de»»» „Bradfort Observer" mitgetheilt wird, schon Direktoren in Berlin, Paris und London ernannt »vurden, »velche den Stro»n der Aus»va»»derung u»»d die geschäftlichen A»»gelegeuheiten der gebildeten Gesellschaft zu leiten haben, und jedem dieser Direktvreu eii» Gehalt von 1000 Pfund Sterling ausgervorfen »vurde. -- Der bei der I udenhetze in Starodnb angerichtete Schaden zählt »»ach Millionen. Gegenrvärtig sind eine Me»»ge von Haussuchungen i»n Gauge. Dabei »vurden bei sogar ganz wohlhabenden Leuten den Juden geraubte Gold- und Silberjachen aufgefunden. Verhaftet si»»d an 170 Personen, darunter mehrere Staroduber Hausbesitzer. Der Hauplanstifter der Judenhetze, ein reicher Bürger, ist verschwunden, der Prokurator des Kierver Gerichtshofs' ist zur Führung der Untersuchung eingetroffen. Truck »»nd Vertan oou Rudolf Mo»sc in Berlin Verantwortüch für lr»e Redaktion: Mar Bauchrvitz in Berlin.