Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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dasz bte französischen Inden, ebenso gut wie ihre andersgläubigen LandHseute, gute Franzosen seien, daß dies auch'zu beweisen nicht schwer falle. Nachdem er diese Frage entwickelt, zag er eine Parallele zwischen Frankreich nrld dem Judenthum. Tie 9lbsingun^ des Psalmes .Uinloelc sowie das Gebet für die Republik vor der geöffneten Gesetzesrolle, welchem nach drei von der neuen Orgel ansgefnhrte liturgische Mllsikstücke folgten, beendigten diese Feierlichkeit. Die Negierung war durch Herrn Dnmach, Direktor im Kultusministerium, vertreten. . Holland. . i, Sl. Antwerpen, 1. Oktober. Der „Patrioten das bedeutendste klerikale Blatt Belgieics, brachte am 28. September in einer Korrespondenz aus Berlin Enthüllungen über die juiverie eu Allemagiie, welche geeignet erscheinen, die „Kreuzzeiwng" mit einem wahren Entsetzen zn erfüllen. Wo man in Deutschland jetzt hinsieht, erblickt man hiernach heutigen Tages nichts mehr als Inden, selbst unter den höchsten bürgerlichen und militärischen Würdenträgern. Daß Bismarck mütterlicherseits von Inden abftainmen soll, scheint dem betreffenden Herrn Korrespondenten zwar nicr,t absolut glaubwürdig zil sein, dagegen ist es sicher, daß der frühere Reichskanzler sich die größte Mühe gegeben hat, mn nur jüdische Minister und andere Beamten jüdischer Abstammung auzustelleil. Unter diesen jüdischen Ministern wcrden von dem Gewährsnranne des „Patriote" genannt: Friedberg, Friedenthal, Bitter, Achenbach, Falk, Delbrück, von Lucius, von Ala Yb ach und von Goßler, welche alle die eifrigen und gehorsamen Mitarbeiter Bismarcks gewesen sind, „und deren semitische Abstammung man bei den sechs ersten scholl an dem Namen sofort erkenneil kann." Juden sind ferner von Berchem, voll Knsserow, Lothar Bruder, Schwenninger, Miguel u. s. w., uub auch wenn man in der Armee-Rangliste blättert, findet man dort fast nichts mehr als jüdische Namen. Früher bestand auch ein' geheimes jüdisches Korps von Spionen, welches den auswärtigen deutschen Gesandtschaften altachirt war; da diese jüdischen Spione jedoch das Ansehen der Gesandtschaften beeinträchtigten, so winde schließlich vor anderthalb Jahren diese verderbliche Einrichtung aufgehoben. Ter originelle Berichterstatter des „Patriote" hat für demnächst weitere interessante Enthüllungen über dieses gottlob nunmehr aus der Welt geschaffte Institut in Aussicht gestellt, die jedenfalls den Schänder von der juiverie a\i Allüiniigne bei den frommen Lesern des Patriote noch vermehren werden. Wir unsrerseits wollen uns darauf beschränken, dem letzteren zn seinem Berliner Korrespondenten, welcher kürzlich auch Theodor Körner den Döronlede Deutschlands n.annte, herzlichst zil graknliren; das Blatt hätte nicht leicht einen anderen Berichterstatter finden können, der in so unübertrefflicher Weise den wunderbarsten Blödsinn im Geschmacks des Patriote zu schreiben im Stande gewesen wäre. lDer Berliner Korrespondent des „Patriote" scheint Paasch's Buch mit Erfolg gelesen zn haben. Red.) Amerika. * New-?)ork, 20. September. In North Lynn, einem Township in der Nähe von New London, Conn., sind seitens der New-I)orker Verwalter des bekannten Baron Hirsch-Fonds eine Anzahl von ihren früheren Besitzern verlassener Farmen ausgekaust und mit ans Rußland ansgewanderten Inden besiedelt worden. Da die Farmen aber nicht groß und nicht ertragreich genug fiub, um sämmtlichen dort all-' gesiedelten Kololiistell Lebensunterhalt zu gewähren, sahen sich viele der Letzteren geuvthigl, sich nach einem anderen Erwerbszweig umznsehen. Die meisten derselben verlegten sich ans das Hausirer-Gewerbe, und die Folge war. daß die Städtchen linb Dörfer des mittleren Conneelicuk von Hansirerll geradezu überlaufen waren. Da die Konkurrenz der-, selben eine so große, mag cs wohl vorgekommen sein, daß sich manche- Hausner beu biederen Farmern des Nntmeg-Staats ihre Schuhbändel, Stecknadeln liub sonstigen Kostbarkeiten etwas gar zu aufdringlich anzupreisen bemühten, vielleicht auch dabei unverschämt wurden; kurz, die Folge ist, daß sich unter der dortigen Landbevölkerung eine regelrechte antisemitische Bewegung entwickelt hat, die sich jedoch nicht gegen die schon längst im Staate ansässigen Israeliten, welche ja alle gute amerikanische Bürger sind, sondern ausschließlich gegen die erst knrzlich^uird in Masse eingewanderten russischen Juden richtet. Aehnliches wird übrigens alich alls Philadelphia, Pa., Rochester, N. §)., nnd anderen Jnlandstüdken und Dörfern berichtet. (Es sind das die von uns häufig gellilg voransgesaglen Folgen der ungeordneten, vorzeitigell Auswandernllg. Red.) U Von Uah und Fern. ----- Die jüngst erwähnte Petit ion einiger hiesiger Herren an das Provinz ial-Schulkollegium wegen Verlegung des Semesterbeginns hat, wie zu erwarten war, eine Ablehnung erfahren. — Dem Geheimen Mediziiralrath Dr. Cohn in Posen ist bei Gelegenheit seines Scheidens aus dem Staatsdienste der Rothe Adlerorden dritter Klasse nüt der Schleife verliehen worden. Herr Geheimrath Dr. Cohn fiedelt in diesen Tagen nach Berlin über. — An Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Oppenheim fungirt während der hohen Feiertage Herr Dr. Armand Kaminka, ein Hörer der Berliner Hochschule, als Rabbinatsverweser und Prediger zn Thor«. — Am Sonntag, den 20. v. Wl, fand die feierliche Einweihung des vom „Verein zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer" in Hannover käuflich erworbenen Internats für Seminaristen statt. — Unter den am 30. September entlassenen 18 Einjährig-Freiwilligen des in Nürnberg garnisonirenden Kavallerieregiments wurden fünf zu Reserveoffizieren gualifizirt, darunter drei Israeliten. — Der Kaiser von Oesterreich hat den Rabbiner der israelitischen Kultnsgemeinde Linz-Urfahr. Moriz Friedmann, zum Mitglied des Landesschulraths für Oberösterreich für die nächste dreijährige' Funktionsperiode ernannt. — Bei dem Kaiserbesuch in Prag wurde zur kaiserlichen Hoftafel Herr G. B on dy und zu der anläßlich des Kaiserbesuches beim Grafen von Waldstein stattgehabten Soiree der Präses der israelitischen Knltusgemeinde Herr Dr. Arnold Rosenbacher zugezogen.--- In den letzten Tagen wurden in Holland zwei jüdische Professoren zn U n io e x f 11 ä 16 t e ft o r e u bestellt. Es . sind dies Professor Dr. B. I. Stokois an der Universität zn Amsterdam, dessen Wahl wir bereits gemeldet haben, und Professor Dr. B. Simons an der Universität Groningen. — Bon A lex and er Wells Pentateuchansgabe ist der vierte Theil, Numeri, erschienen — In Lille wurde am 25. September eine neue Synagoge feierlich eingeweiht. — Am 27. September verschied in Odessa Kalerija Rubinstein, die Mutter des berühmten Komponisten und Pianisten A. G. Rubinstein. Dieselbe wurde 1807 in Lissa in preußisch Schlesien geboren; 1835 siedelte sie mit ihrer Familie nach Moskau über, wo der Vater Rubinsteins eine Bleistift- und Stecknadelfabrik erpffuete. Die Verstorbene war äußerst musikalisch, und A. G. Nubinstein verdankt ihr, wie er selbst in seiner Autobiographie gesteht, viel für seine musikalische Entwickelung. — Von guter Quelle wird ,>Darkest Russia" berichtet, daß die von. demselben in seiner Nr. 2, nnd nach ihm auch von uns gebrachte Mittheilung, wonach ans Veranlassung der Kaiserin von Rußland kein jüdischer Soldat die letzte Parade in Moskau mitmachen durfte, auf Unwahrheit beruht. — 6000 Inden sind dem „Standard" zufolge von Berditschew nach der Argentinischen Republik abgereist. Während der letzten Woche sind an 2000 Juden von Kiew, Odessa imb Kischinew nach Amerika und Australien abgefahren. — Herr Paul Friedmann ist in der vorigen Woche in Begleitung eines Arztes von hier anfgebrochen, um an der arabischen Küste mit 20 Familien russischer Auswanderer eine Kolonie zu begründen. — Joseph Halevy von Paris, der bekannte Gelehrte und Weltreisende, war vor Kurzem in Palästina. Während seines Anfenthaltes in Jerusalem berieth er mit den Spitzen der jüdischen Gemeinde, wie die Lage der Juden in Jerusalem verbessert werden könnte. Es wurde ihm folgende Auskunft, über die er in Paris zu berichten versprach: Es wäre nothwendig, Häuser für die armen Jud en zn bauen nnd die Wohnungen gegen.einen sehr geringen Zins zu ver miethen, eine Leihbank zu wohlthätigen Zwecken gu gründen, die ohne Zinsen leihen würde, und Kolonien, wo junge Leute die Landwirthschaft lernen sollten, um dereinst tüchtige Landwirthe zu werden. — Herr Scheid, der im Aufträge des Barons Rothschild Palästina besucht hat, richtet ein Schreiben an die Redaktion der „Archives isrcrelites", in welchem er die vielfachen günstigen Berichte über die palästinensischen Kolonien als Uebertreibung kennzeichnet. — Nach einer Meldung der „Ephimeris" in Athen ans Korfu hat die Untersuchung betreffs der daselbst stattgehabten antisemitischen Unruhen ergeben, daß das Kind, dessen Tod die Unruhen veranlaßt haben sollte, jüdischer Abstammung war nnd sich bis zu seinem Tode bei jüdischen Verwandten aufhielt. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.