Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 verhelfen, sie zu erheben, ohne dieselben den nationalen oder lokalen Armenverwaltungeu zur Last fallen zu lassen, könne man, so führen die Petenten an, doch nicht von „paupers" sprechen." Die Unterzeichner der Petition führten noch als Beispiel an, daß keiner der vielen vor -ca. 10 Jahren irr die vereinigten Staaten eingewanderten russischen Juden den Behörden zur Last gefallen sei. Außerdem wiesen sie darauf hin, daß sich gegenwärtig eine Anzahl besorrderer Gesellschaften zu dem ausschließlichen Zwecke gebildet habe, die Vertriebenen zu unterstützen. Herr Foster antwortete denselben wie folgt: „Ich stimme vollständig mit Ihrer Schätzung des gegenwärtlgen Unglücks, welches so viele Ihrer Glaubensgenossen getroffen, überein, eberrso mit Ihrer Hoffnung, daß eine baldige Milderung oder Aushebung der gegenwärtigen Ausweisungs- Maßregeln jede Art von Massenauswanderung russischer Juden, sei es nach Amerika oder anderswohin, unnöthig machen möge. Fraglos ist ein solch' plötzlicher Strom ihres Vaterlandes verlustiger Fremder ein schweres Unglück für jedes Land, und die amerikanischen Juden handeln ebensosehr patriotisch wie human, wenn sie einerseits den jüdischen Flüchtlingen abrathen, hierher zu kommen, andererseits doch bestrebt sind, diejenigen, die schließlich doch kommen, zu selbständigen Menschen heranzubilden. Augenscheinlich bedeutet die Unterstützung einer großen Zahl abhängiger Personen eine Steuer für die Quelleil des Landes, auch wenn diese aus privaten Mitteln geleistet wird, und die industriellen Verhältnisse hierzulande leiden Gefahr, durch die plötzliche Ankunst und so erzwungene Konkurrenz einer Menge bedürftiger Leute ernstlich gestört zu werden." Nachdem Mr. Foster noch darauf hingewiesen, daß es sehr wichtig für die Entwickelung der Frage sei, daß die Auswanderer in solche Gebiete vertheilt würden, wo sie wirklich einem Bedürfnisse abhelsen können, sprach er der Anordnung und Gründlichkeit der von der Gesellschaft entworfenen Pläne das größte Lob aus. Die Antwort des Mr. Foster schloß damit, daß die Einwanderungsgesetze der Vereinigten Staaten unter allen Un'.stünden in Kraft bleiben müssen, daß aber deswegen trotzdem kein würdiger Einwanderer, der in jeder anderen Beziehung den von den «Statuten gestellten Forderungen entspreche, von diesem Lande ausgeschlossen werden würde, weil er durch die Handlung Anderer eine Zeit lang heimath- und besitzlos geworden sei. Er bat schließlich die United Hebrew Association, ihren Einfluß in Europa geltend zu machen, daß eine Massenauswanderung unter keinen Umständen nach Amerika geleitet werde. fl Boston, 24. Juli. In der Absicht, das deutsche Hilfswerk zu Gunsten der russischeil Juden vor Mißgriffen zu bewahren, erlaube ich mir Ihnen Folgendes' mitzutheilen: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben ein Gesetz in Kraft treten lassen, daß allen denjenigen Auswanderern, welche von irgend welchen Vereinen Unterstützung erhalten, um hierher auszuwandern, hauptsächlich denjenigenAuswanderern, welche „freie Schiffskarten" bekommen haben, nicht erlaubt ist, in Amerika zu landen. Demzufolge sind letzte Woche 11 Personen, welche freie Schiffskarteil erhalten hatten, zurückbehalten worden, und kostet es hier schon viel Geld und Mühe, daß sie nicht schon zilrück geschickt worden sind, uiid was noch daraus werden wird, ist iioch nicht bestimmt. Heute sind wiederum acht Persoilen angekommen, die in derselben traurigen Lage sich befinden, nur aus dem eineil Grunde, weil sie zur Auswanderung uilterstützt worden fiub. Aus diesem Grunde halte ich es für nöthig, Sie davon in Keilntniß zu setzen, damit Sie im Staube seien, zu bewirkeil, daß mau bei der Unterstützung, wo sie nöthig sein sollte, so verfahre, daß die Ausivanderer die eigenen Schifffahrtskarten selbst kaufeil köiineli. Ich hoffe, daß Ihr Blatt das Möglichste thun wird, um viele uiiglückliche Menschen vor neuem Unglück zu bewahren. d Von Nah und Fern. — Die Antisemiten hielten in voriger Woche im Feenpalast eine Versammlung ab, um die russischen Maßregelil gegen die Juden zu besprechen. Der Reichstagsabgeordnete Zimmermann verherrlichte das Verfahren der russischen Regierung unb fand bei den Leuteil, die sich dort eingefunden hatteii, lebhafte Zustimmuilg. „Väterchen" hat also in Delltschland treue Bundesgeilossen. — Der Religionslehrer Herr AbrahamLevi inBu des heim wurde anläßlich seines sechzigjährigen Amtsjubiläums vom Großherzog von Hessen dekorirt. — Am 31. Juli wurde in Wien Herr Lazarus Knapp, Matrikelamts- Adjunkt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, zu Grabe getragörü Da derselbe Landwehr-Lieutenant war, so erfolgte die Bestattung vom Garnisonsspital unter militärischem Kondukt. Die Leichenfeier gestaltete sich zu einer imposanten. An derselben nahmen außer einer großell Schaar von Freunden uitb Bekannten viele Stabsoffiziere, die Gemeinderäthe Baurath v. Goldschmidt, Baurath Stiaßnh; vom Kultusvorstaude die Herren Fleischer und Karpeles, Herr Regierungsrath Dr. Angelo Ritter v. Kuh, Herr Landesschulrath Baumgarten, Herr Rabbinats- Assessor M. Pollak sowie der ganze in Wien weilende Beamtenkörper der israelitischen Kultusgemeinde, sowie Vertretungen der freiwilligen Feuerwehr im IX. Bezirk und des Vereins „Nächstenliebe" Theil. — Der Reichsrathsabgeordnete Kaftan, welcher die vom Josefstädter Bürgerklub in Prag wegen Errichtung eines Rabbinerseminars überreichte Petition dem Reichsrath vorlegte, hat vor seiner Abreise von Wien den Unterrichtsminister auf den von der Petitionskommission in dieser Angelegenheit erstatteten Bericht aufmerksam gemacht. Der Minister versprach, sich für die Angelegenheit zu interessiren. — Ein von den Wiener Antisemiten seit einiger Zeit geplanter Sonderzug zur Prager Ausstellung soll wegen mangelnder Theilnahme gänzlich unterbleiben. — Herr Prof. Dr. Joses Frank in Nikolsburg wurde in die achte Rangklasse, also in den Rang eines Bezirksrichters, befördert. Er ist der erste jüdische Professor, dem diese Rangeserhöhung zu Theil wird, und erregt dieselbe um so höhere Befriedigung, als Herr Professor Frank auch als Fachschriftsteller einen geachteten Namen besitzt. — Zum Oberkantor an dem großen Tempel in der Tabaksgasse zu Budapest ist der erst kürzlich von Teplitz nach Hannover berufene Herr Adolf Lazarus gewählt worden. — Prof. Adamkiewicz von derKrakauer Universität hat an die Akademie der Wissenschaften in Wien,Mittheilungen von seinen vielfach gelungenen Versuchen zur Heilung des Krebses gelangen lassen. Das neue, seiner eigentlichen Zusammensetzung nach noch geheim gehaltene Krebsmittel wird Caucroin genannt. Es soll in einigen jeder anderen Heilmethode trotzenden Fällen sichtliche Besserung hervorgerufen haben. Möchten sich nicht auch an diese Mlttheilungen vorzeitige Hoffnungen knüpfen, denen später eine bittere Enttäuschung folgt. — Herr Leon Meisels, Schüler und Enkel des berühmten Krakauer Rabbiners D. B. Meisels, ist kürzlich in Paris gestorben. Meisels hat bei den letzten Wahlen als Gegenkandidat des Rabbiners Dr. Bloch in Kolomea viel von sich reden gemacht. — In Bordeaux ist der Präsident des Konsistoriums, Herr Alexander Leon, gestorben. — Der Polizeiminister von Moskau hat, der „Times" zufolge, öffentlich sich gerühmt, daß in drei Monaten jeder Jude aus dieser Stadt vertrieben sein werde! —Die Alliance Jsraelite Universelle hat ein Bauerngut in Bournobat bei Smyrna angekauft, das sie zwei Zöglingen der Ackerbauschule in Jaffa in Pacht übergab. Nach einer gewissen Zeit sollen die Pächter zu Eigenthümern des Gutes werden. Auf das Gut kommen fünf Knaben aus der Alliance-Schule in Smyrna, um den Ackerbau zu erlernen. — Zu Bombay hielt am 14. Juni Herr Elijah Neuben im Kulturverein der Bene Israel unter Vorsitz des Herrn Elizah Schelome, Präsident des E. D. Sassoon'schen Wohlthätigkeits-Jnstituts, einen Vortrag über „das Gebet unseres Volkes und weshalb wir in hebräischer Sprache beten sollen?" — Auf einer Gemeindeversammlung des Tempels „Adas Israel" in Louisville wurde jüngst beschloffen, das Gehalt des dortigen Geistlichen, Dr. Moses, von 4000 auf 4500 Doll, zu erhöhen. Dieser lehnte jedoch die Gehalts-Erhöhung mit dem Bemerken ab, daß er von seiner jetzigen Einnahme mit seiner Familie standesgemäß leben könne. In Anerkennung dieser edlen Handlungsweise übersandte ihm die Gemeinde einen Check über 500 Doll., um damit die Kosten eines Ausfluges zum Zweck der Wiederherstellung seiner Gesundheit zu bestreiten. Aber auch dieses Geschenk schlug er aus dem vorerwähnten Grunde aus. —Die Centralkonferenz Amerikanischer Rabbiner tagte in Baltimore von Sonntag bis Montag Abends 11 Uhr, den 5. und 6. Juli, in der Halle der „Ioung Men's Hebrew Association". Es wurden vier Sitzungen abgehalten, Sonntag Abends, Montag Morgens, Nachmittags und Abends, letztere iln Har Sinai Tempel. Von den hundert Mitgliedern der Konferenz hatten sich ca. vierzig in Baltimore eingefunden. — In Surinam giebt es 1500 Israeliten. Dieselben besitzen zwei Synagogen, eine spanische und eine deutsche. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.