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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55. Jahrgang. Ar. 31. Allgemeine Berlin, 31. Inli 1891. eitung öes Audmchums. Gm unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav KarpeleS. Begründet von Naddkuer 8* Ludwig PHUippson - Bonn. Verlags-Grpeditwn: Serlin, Äerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Wo hinaus. Von W. Bambus. — Unsere Wünsche. Von einem österreichischen Rabbiner. — Die Juden Englands. Von S. Sänger. — Pädagogische Briese. VI. Von A. Treu. — Wissenschaft rmd Litteratnrr Die Symbolik der Zahl. Von Prof. Dr. H. B rüg sch. — Feuilleton: Der Flickschneider. Von Eleonore Birnbaum. — AuS dem Bade. II. — Literarischer Bericht. Von David Cassel. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Cobleuz, Wim, Prag. Rom. London, Warschau. Konstantinopel. Bokhara. New-Bork, Trenton. — Bon Rav und Fern. — Sprechsaal. — MiSeetten. — Brieftasten der Redaktion. Wo hinaus? Unsere angesehenen Brüder und Führer in Deutschland und Oesterreich, in Frankreich und England sind vor eine schwere Wahl gestellt. Gilt es doch, für die auswandernden russischen Brüder ein Asyl zu finden, in dem sie frei von der Sorge, ob ihnen der nächste Tag nicht eine Ausweisung bringen wird, ihren geistigen und materiellen Interessen leben können. Gar manches Land ist namhaft gemacht worden, aber nur zwei können ernstlich in Betracht kommen : Argentinien und Palästina. Ich bin weit entfernt, das hochherzige Projekt des Baron Hirsch tadeln zu wollen, im Gegentheil, ich wünsche, daß es recht vielen unserer bedrängten Brüder zum Heile gereichen möge; aber ich möchte, daß der großen Zahl der Auswanderer, die nach Palästina streben, keine unnützen Schwierigkeiten von Seiten des Centralkomitees gemacht werden. Vielmehr müssen auch diese unterstützt und gefördert werden, um so mehr, als in Argentinien nur ein Theil, und vorläufig sogar nur ein sehr kleiner Theil nach dem Projekte angesiedelt werden kann. Es sei mir gestattet, die Gründe, die für Palästina sprechen, und ebenso, was dagegen angeführt wird, des Nähern zu untersuchen. Drei Hauptgründe sprechen für die Einwanderung nach Palästina: 1. die Fruchtbarkeit des Landes; 2. der eigene Wunsch der Auswanderer; 3. die Sicherheit, unter einem toleranten Volk die nothwendige Bewegungsfreiheit zu finden. Dein entgegen werden drei Einwendungen gemacht: 1. wird die Fruchtbarkeit bestritten; 2. wird dagegen angeführt die innere politische und soziale Lage der Türkei; 3. die äußere politische Lage Palästinas. In dem Streit bezüglich der Fruchtbarkeit des Landes kann nur die Autorität derjenigen entscheiden, die das ganze heilige Land bereist haben. Diese aber sprechen ausnahmslos nur von einer hohen Fruchtbarkeit. Es würde zu weit führen, Citate aus den einzelnen Büchern zu bringen; den Leser, der sich informiren will, verweise ich auf die Schriften von Raumer, Robinson, Ritter, Condor, Seezen, Thomson, Burghard, Frankl, Lynch und Anderer mehr. Und eine weitere Thatsache ist auch das Gedeihen der Ackerbaukolonien im heiligen Lande, der jüdischen sowohl, wie der christlichen Templer. Wer nach diesen Zeugnissen an der Fruchtbarkeit Palästina's zweifelt, will die Wahrheit nicht sehen, und dem ist nicht zu helfen. An dem Wunsche unserer Brüder, dorthin auszuwandern, zweifelt wohl Niemand. Herr Traubenberg, der sich in einer früheren Nummer dieser Zeitung gegen die Kolonisation wendet, ist ein Gegner, weil er befürchtet, daß auf den judenfreundlich gesinnten Sultan ein judenfeindlicher folgen könnte, und räth den Juden, von absoluten Staaten fern zu bleiben, weil nur verfassungsmäßig regierte Staaten den Juden für ihr Recht Gewähr leisten könnten. Er ist aber gar sehr im Jrrthum; auch parlamentarisch regierte Staaten verfolgen die Juden, als vollgiltiges Beispiel brauche ich nur Rumänien zu nennen. In der Türkei haben alle Sultane die Juden in Schutz genommen, und unter mehr als 15 Sultanen, die bis heute regiert haben, war auch nicht ein einziger judenfeindlich. Es widerspräche jeder Logik, anzunehmen, daß dies gerade jetzt anders werden sollte. Es ist allerdings richtig, daß der türkische Beamte seinen Bakschisch verlangt, aber der russische Beamte versteht dies noch besser, nur mit einem kleinen Unterschied: in Rußland muß der Jude den Beamten Geld geben, und es hilft ihm doch nichts; in der Türkei bekommt der Pascha Geld, aber er nimmt die Juden in Schutz. Ich dächte, die Wahl wäre nicht zweifelhaft. Was schließlich die Furcht anbetrifft, Palästina könnte jemals in russische Hände kommen, so ist dieselbe doch keinesfalls berechtigt. Jerusalem ist von den äußersten russischen Militärposten noch 1250 km in der Luftlinie entfernt, dagegen nur ca. 100 km vom Suez-Kanal. Wenn wir denn schon durchaus politisiren wollen und die Erbschaft des kranken Mannes, der eine so zähe Gesundheit hat, durchaus vertheilen müssen, läßt es sich denken, daß England oder Italien, ja selbst Frankreich zugeben sollten, daß sich Rußland in nächster Nähe des Suez-Kanals festsetzt, der den Seeweg nach Indien, China und Japan beherrscht? Palästina gehört in die englische und nicht in die russische Interessensphäre. Sind aber die Einwürfe gegen Palästina widerlegt, die Gründe als stichhaltig erkannt, wäre es da nicht um so viel mehr unsere Pflicht, diejenigen unserer Brüder, die nach Palästina wollen, nachKräften zu unterstützen, als sie zur Auswanderung nach Ländern zu zwingen, wohin sie nicht wollen? Können unsere Großen wirklich die Verantwortung übernehmen, eine Rückströmung wie 1882 hervorzurufen, die aber jene an. Umfang ebenso überragen würde, wie die jetzige Auswanderung die von 1882 übertrifft? Berlin, im Juli. W. Bambus.

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