Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 3ttt| Alt*' LettÄriitekr Die Gimultanschule und der jüdische Lehrersland. Von Felix Coblenz. — Vornehmheit und Jickus. Von Georg Minden. — Wissenschaft und Kitteratur: Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen Von Dr. Tobias Cohn. (FortsetzÜng.) — Parabel und Fabel bei ben alten Hebräern. Von Dr. Elias Kalischer. (Fortsetzung). — LieJuden in den Balkanländem. I. Von Dr. R. Vierer. — Max Liebermann. Von Heinrich Lee. — ZyenilWonr Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Schluß.) — Litterarische Mitchittnngen. Dev' GÄnsindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, MaOeÄrrg. Meckel. Camen. Darmstadt, Prag. Budapest. London. Petersburg, Warschau. Konftantiuopel. — Bon Nay und __ Sprechsaal. — Miscellerr. — Geschäftliche Notizen. Me Simultanschule und der jüdische Fehrerstand. Von Felix Coblenz. Die diesjährige Konferenz israelitischer Lehrer Rheinlands und Westfalens, welche am 17. und 18. Mai in Münster tagte, hat sich mit überwältigender Majorität durch Annahme der Spier'schen Thesen ohne jede Einschränkung gegen die Simultanschule ausgesprochen. Ich selbst gehörte zu den Besuchern jener Konferenz und habe mich, wie ich von vornherein bemerken will, mit aller Entschiedenheit gegen die Annahme der die Simultanschule bedingnngs-' los verwerfenden Spier'schen Thesen ausgesprochen, ohne jedoch den gewünschten Erfolg zu erzielen, da ich meines Wissens nur von einem der anwesenden Kollegen, nämlich Herrn Ostwqld-Witten, thatkräftig unterstützt würde, während alle übrigen' Redner sich für die Erhaltung der jüdischen Volksschule nicht nur in unserer vom antisemitischen Geiste durchsetzten Zeit, sondern auch für die spätere Zukunft aussprachen. Ein derartiger Beschluß muß im Interesse des Judenthums und vor Allem der jüdischen Lehrerwelt lebhaft bedallert werden; er bedeutet nichts Anderes, als eine Billigung der Bestrebungen, welche die Juden aus den öffentlichen Schulen verdrängen und in gesonderte jüdischKonfessionelle Schulen einschließen wollen. Hat doch der Hofprediger a. D. Stöcker in jener Sitzung des Abgeordnetenhauses, in welcher die von ihm angeregte Debatte über die jüdischen Schüler in den höheren Lehranstalten stattfand, genau dieselben Förderungen gestellt. Und nicht allein das! Die gesammte konservativ-antisemitische Presse unterstützte damals Stöcker in seinen Förderungen in überaus lebhafter und entschiedener Weise undlkhat auch jetzt schon ihrer Befriedigung über den Münsterschen Beschluß jubelnd Ausdruck gegeben. Schon dieser Umstand allein müßte die jüdischen Lehrer stutzig machen. Ein Beschluß, der auf der einen Seite die entschiedene Mißbilligung der bedeutendsten Pädagogen findet — ich nenne hier nur Diesterweg und Dittes, von denen der Erstere bis an sein Lebensende ein begeisterter Vorkämpfer der Simultanschule war und der Letztere es noch ist — auf der anderen Seite aber den jubelnden Beifall der antisemitisch-orthvdo^eü JürMpärkei findet, kann unmöglich der jüdischen Schule zum Segen gereichen. Im Uebrigen spricht auch die erhabene Auffaffung des Judenthnms von der Zukunft des Menschengeschlechts, wie sie sich in den begeisterten Reden seiner Propheten kund giebt, so sehr für das Prinzip der Simultanschulen, daß schon um deffcntwillen sich kein jüdischer Lehrer gegen dasselbe erklären sollte. Denn gerade diese unsere Auffaffung von der zukünftigen Gestaltung unserer gesellschaftlichen und bürgerlichen Verhältnisse macht es i^ns zur heiligen Pflicht, uns überall dort unfern christlichen Mitbürgern eng anzuschließen, wo dies ohne Verletzung"unserer! religiösen Prinzipien möglich ist. Und man wird doch 'etwa nicht behaupten wollen, daß durch Einführung der Simultanschulen unsere religiösen Grundsätze irgendwie leiden könnten! Oder^glaubt man wirklich, daß bei einer Simultanschule die religiöse Erziehung unserer Kinder schon dadurch beeinträchtigt wird, daß man in den einzelnen sogenannten profanen Unterrichtsgegenständen nicht mehr auf den Religionsunterricht Bezug nehmen kann, weil Kinder ' verschiedener religiöser Bekenntnisse an dem Profanunterricht theilnehmen? Ich würde im Gegentheil einen derartigen Zustand, wie wir ihn thatsächlich ja an allen höheren Schulen lesitzen, nicht allein für keinen Rückschritt, sondern eher für einen Fortschritt halten, da ich im Jntereffe des Unterrichts entschiedener Gegner davon bin, die Religionslehre in alle übrigen Disziplinen gewaltsam hinein zu zerren. Religionsleh re gehört, soweit sie nicht reine Sittenlehre ist, in die Religionsstunde und nicht anderswo hin, und so wenig es eine jüdische Pädagogik giebt, so wenig giebt es eine jüdische Geographie, ein jüdisches Rechnen, ein jüdisches Deutsch, ein jüdisches Zeichnen u. s. w. Die in Münster ausgestellte Behauptung, als ginge mit Einführung der Simultanschule „ein Stück vom Judenthum" verloren, erscheint demnach durchaus ungerechtfertigt. Als einzigen vom jüdischen Standpunkte gegen die Simultanschule mit etwas Berechtigung geltend geinachten Grund lasse ich d c n gelten, daß den jüdischen Schülern solcher Anstalten der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes erschwert ist. Jedoch auch diesein Uebelstande ist leichter abzuhelfen, als mancher auzunehinen scheint, und zwar vor Allem durch die Einrichtung von Jugendgottesdiensten. Ich selbst habe vor nunmehr Jahresfrist einen solchen ins Leben gerufen und kann nur sagen, daß er sich bis heute durchaus bewährt und seine Lebeiisfähigkeit glänzend bewiesen hat. In größeren Gemeinden mit genügender Schülerzahl läßt er sich sehr leicht einrichten, und in kleinen Gemeiiiden, die zum weitaus größten Theile einen regelmäßigen Sabbatminchagottesdienst abhalten, ist die Theilnahme der Jugend aii dem letzteren erst recht leicht zu bewerkstelligen. Damit wäre also die gottesdienstliche Frage in einfacher und befriedigender Weise gelöst. Im Uebrigen aber scheint man zu vergessen, daß, selbst wenn wir jüdische Konfessionsschnlen besitzen, die meisten Schüler und Schülerinnen dieselben doch nur bis zu dem neunten oder zehnten Jahre besuchen, um alsdann in die paritätischen höheren Schulen überzugehen, welche ihnen den regelmäßigen Besuch des Gotteshauses geradezu zur Unmöglichkeit machen. Man hat demnach der jüdischen Konfessionsschule auf den Besuch des Gotteshauses durch die jüdischen Schüler einen Einfluß zugeschrieben, den sie in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Fallen somit die vom jüdisch-religiösen Standpunkte gegen die Simultanschule geltend gelnachten Bedenken in Nichts zusammen, so ist nicht einzusehen, weshalb wir uns gegen eine Institution aussprechen sollen, welche die hervorragendsten Pädagogen unseres Jahrhunderts erstrebt haben, und die, wie kaum eine zweite geeignet ist, die schroffen konfessionellen Gegensätze zu mildern und auszugleichen. Wir Juden wollen emanzipirt sein und dürfen deshalb nicht einer Sache entgegenstreben, die unsere Emanzipation in hohem Grade zu fördern geeignet ist. Man wende mir hier nicht ein, daß meine Ausführungen höchstens einen theoretischen Werth besitzen, in der Praxis aber schon infolge der heutigen Zeitverhältniffe bedeutungslos seien, da weder ' die Einrichtung von neuen Simultanschulen erwartet werdenkönne, noch die vorhandenen unserer Auffassung entsprechen. Wenngleich ich das Letztere zum Theil zugebe, wenngleich ich vor allen Dingen mir nicht verhehle, daß ein großer Theil der in unserer Zeit noch bestehenden Simultanschulen sich keineswegs mit unserer Vorstellung von solchen Anstalten deckt, ja den Namen „Simultanschule" überhaupt nicht verdient, so protestire ich dennoch oder vielleicht gerade deshalb mit aller Entschiedenheit dagegen, daß man aus den in unserer Zeit hier und da bestehenden Schein-Simültanschulen auf He paritätischen Anstalten überhaupt schließt und sich für berechtigt