Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Kr. 16. Berlin, 17. Kpril 1891. Mn unparteiisches Organ str alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der ExpeditionenBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von , Nabdtner 0r* Ludwig P hiltpP son - K onn Verlags-Trpedition: iSerlin, Lerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Singet dem Herrn. Von Arnold Budwig. — Die Bibel über den Gehorsam gegen König, Staat und Obrigkeit. Von Dr. Adolph Kohüt. — Wissenschaft und Litteratnrr Aus dem Leben des Dr. Adols Zellinek. I. — Eirr vereinfachtes Verfahren, jüdische und bürgerliche Daten in einander zu'verwandeln. Von Dr. Max Simon. — Der Jude als Romanfigur. Von Dr. Karl Pi nn. — Feuilleton: Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) — Adolf Sonnenthal. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Aus der Oberlausitz. Gloaau. Posen. Wolfenbüttel. Münster. Düsseldorf, Wiesbaden. Leipzig, Wien, Brodp. Rom, Paris, Bradford. Petersburg, Kalkrtta. — Bon Nah «nd Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Bet der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Singet dem Herrn! Von Arnold Budwig. , Noch kurze Zeit, und für die andächtigen Beter unserer Gemeinde werden sich die Pforten eines neuen Gotteshauses aufthun. Bald wird, dem wachsenden Bedürfnis entsprechend, die Zahl unserer Tempel sich noch weiter vermehren müssen, und mit der Errichtung jeder neuen Andachtsstätte wird stets erneut und stets dringlicher eine Frage in den Vordergrund treten, das ist die Reform unseres Synagogenchorwesens. Die deutsche Predigt und der Chorgesang sind die beiden bedeutsamsten Errungenschaften der Reform. Unbestritten behaupten sie in allen deutschön Synagogen das Feld, und selbst in den orthodoxesten Gemeinden wird dem verständnißvollen Laut der Muttersprache, wie der geheimnißvollen Macht des Gesanges gern ein Einfluß auf Verinnerlichung und Verschönerung des Gottesdienstes gestattet. Um so auffälliger erscheint es, daß die Mehrzahl der Gemeinden, unter ihnen auch die so reformempfängliche Berliner Gemeinde, hier auf halbem Wege stehen geblieben sind. Noch ist die Predigt nicht derart zum wesentlichen Bestandtheil der Liturgie geworden, daß, wie es wähl zu wünschen wäre, in jedem Hauptgottesdienst — also an jedem Freitag-Abend und Sabbath — der Prediger zur Gemeinde spräche. Doch dies ist nur ein quantitativer Mangel. Wesentlich anders liegt die Sache beim Synagogengesang; hier sind auch in qualitattver Hinsicht gar mancherlei Beschwerden geltend zu machen. Wir wisien, daß wir vielverbreiteten Wünschen Rechnung tragen, indem wir diesen Punkt berühren. Der Gesang der Chöre in unseren ständigen Synagogen, ebenso wie in den gottesdienstlichen Veranstaltungen der Gemeinde an den hohen Festtagen, steht im Allgemeinen nicht auf der Höhe der Ansprüche, welche der ästhetisch gebildete Sinn des Großstädters an gesangliche Leistungen zu stellen berechtigt ist. Diese Erkenntniß ist in Berlin eine so allgemeine, daß man seit Jahren selbst in den maßgebendsn Kreisen sich daran gewöhnt hat, die Anforderungen möglichst herabzuschrauben und sich mit gerade noch genügenden Leistungen zuftieden zu geben. Man wird einwenden, daß die Synagoge kein Konzertsaal sei, und daß es hinreiche, wenn der Chor für die Responsen der Gemeinde als Stimmführer diene. Wer von dieser Ansicht ausgeht, der verzichtet von vornherein darauf, die weihevolle Kraft der Töne zur Erhöhung der Andacht, zur Verschönerung des Gottesdienstes zu verwenden; der muß aber auch alle mehrstimmigen Tonstücke aus dem Tempel verbannen. Die Mehrzahl der Berliner Synagogenbesucher steht nicht auf diesem Standpunkte. Diese hegen vielmehr das Verlangen, die herrlichen Musikschöpfungen, welche große Tondichter zum Preise Gottes ersonnen haben, in einer würdigen Weise auf sich einwirken zu lassen. Wer trägt aber die Schuld, daß diesem Verlangen nicht, oder doch nur in seltenen Fällen entsprochen wird? Man würde ein schweres Unrecht begehen, wollte man den Leitern der Synagogenchöre Vorwürfe machen. Gerade diese Herren verdienen die höchste Anerkennung, ja Bewunderung, daß sie im Stande sind, trotz der vorhandenen Uebelstände noch solche Leistungen zu erzielen, um so mehr, als in zweien der Gemeindesynagogen durch das Fehlen einer Orgel die Anforderungen an den Chor sich noch steigern. Die Schuld liegt einzig undallein andemdurchaus ungenügendenMaterial an Knabenstimmen, welches den Dirigenten zu Gebote steht. Da für den Synagogengesang nur solche Knaben in Betracht kommen können, für die der Vormittag des Sonnabend schulfrei ist, so sind die Dirigenten der sämmtlichen Chöre auf die Schüler der oberen Klaffen unserer jüdischen Gemeinde-Knabenschule angewiesen. Daß diese beschränkte Anzahl von Knaben für die Chöre dreier Synagogen ausreichen muß — bald sogar für vier — das hemmt die Arbeit der Dirigenten. Es liegt in der Natur der Sache, daß von diesen Schülern nur ein Theil musikalisch begabt ist. Eine Auswahl ist aber nicht möglich; neben den wenigen brauchbaren Stimmen muß, um die nöthige Stärke des Chors herbeizuführen, eine Anzahl von untauglichen mit in Kauf genommen werden. Was nützen da der Fleiß und die Tüchtigkeit des Chorleiters, was der trefflich geschulte Männerchor, wenn die führenden Knabenstimmen an solchen (und noch weiteren) Mängeln leiden. Hier ist ein Radikalmittel zur Abhilfe geboten^ Fort mit dem Knabenchor, den in würdiger Weise zu gestalten, die Verhältnisse nicht erlauben, und Ersatz desselben durch Frauenstimmen! Die unwesentlichen rituellen Bedenken, welche man gegen die Mitwirkung von weiblichen Personen beim synagögalen Gesang zuweilen geltend gemacht hat, dürsten heutzutage ernstlich nicht in Betracht kommen, und an