Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ur. 10. Allgemeine Berlin, 6. Mär; 1891. eitung öes Audmthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner II*- Ludwig Philippson-Äonn Verlags-GrpeLition: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SWM Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Inhalt. Leitartikel; Staat und Kirche. Von Dr. Vogelftein. — Briefe an einen Freund. Von Emil Lehmann. — Wissenschaft und Kitteraturr Ein kGedenkblatt. II. Von Rabbiner Dr. S.- Feßler. — Elia in der Legende. (Fortsetzung). Von Dr. David Cassel. — Die Juden in Algerien. Von Ludwig Jakob owski. —Feuilleton: Onkel Jakob. Von Friedrich Saphra.— Das Jubiläum des Hilfsvereins für jüdische Studrrende in Berlin. — Von Geovg Minden. — Litterarifche Mittheilnngen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Schlawe i. P., Frankfurt a.M.. Hannover. Münster, Dülmen, Augsburg, Leipzig. Wien, Prag, Bielitz, Petersburg. Konftantinopel. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. - Miseetten. — Geschäftliche Notizen. Ktaat und Kirche. Von Rabbiner Dr. Vogel st ein. Die preußische Negierung hat bei der Einbringung der Sperrgeldervorlage, durch welche sie den Wünschen der katholischen Bevölkerung das größtmögliche Entgegenkommen beweist, zur Beruhigung der evangelischen Mitglieder des Landtages das Versprechen abgegeben, daß auch zur Befriedigung der Bedürfnisse der evangelischen Kirche demnächst Staatsmittel in größerem Umfang bereit gestellt werden sollen, daß aber vorher noch Erhebungen gepflogen werden müßten, nm über die Höhe der erforderlichen Summe und die Art ihrer Vertheilung völlige Klarheit zu erlangen. Daß es außer Katholiken und Protestanten auch noch Mitglieder anderer Religions-Genossenschaften in .Preußen giebt, die ungeachtet ihrer Minderzahl Anspruch auf gleiche Berücksichtigung haben, oder vielmehr daß der Staat weder dir Verpflichtung, noch die Berechtigung hat, das Geld der Steuerzahler für kirchliche Zwecke zu verwenden: davon ist überhaupt nirgends und niemals die Rede mehr bei uns. Und doch wäre es hohe Zeit, das Verhältniß zwischen Staat und Kirche von Neuem zu regeln, und zwar so zu regeln, wie es dem Begriff des modernen Staatslebens und den wohl verstandenen Interessen der Religion entspricht. Vor Jahrhunderten hat Papst Gregor VII. diese schwierige Frage sehr einfach durch einen nach den Gesetzen der Verslehre untadelhaften Hexameter gelöst, durch welchen er nicht blos in dem Streite zwischen Heinrich IV. und Rudolph von Schwaben Stellung nahm, sondern einen allgemeinen Grundsatz von schwerwiegendster Bedeutung aussprach : „Petra dedit Petro, Petrus diademo Rudolpho.“ Das war klar und deutlich, die hier zum Ausdruck gelangte Logik mußte Jedermann einleuchten, und thatsächlich ist denn auch diese Lösung, obwohl nicht widerspruchslos acceptirt, lange Zeit maßgebend gewesen. Die Kirche führte die Herrschaft über den Staat, von ihr trugen die Fürsten ihre Kronen zu Lehen, und wenn selbige sich ungehorsam gegen die Anordnungen der Kirche zeigten, dann traf sie der Bannfluch, der sie nicht nur von den Segnungen und Tröstungen der Religion ausschloß, sondern auch ihre Unterthaneu der Treue gegen sie entband und aller Verpflichtungen gegen die Abtrünnigen ledig sprach. Auf die Dauer konnte ein so unnatürliches Verhältniß freilich nicht bestehen. Das Schwergewicht der Kirche, das sich an den Staatskörper hing, lähmte seine Kraft und zog ihn in einseitige parteidogmatische Zustände hinab, so daß er, durch die von der Kirche errichteten Schranken gehindert, die ihm zugefallene vielgestaltige Aufgabe nicht bewältigen tonnte und seine Organe zu Handlangern der Kirche herabsinken sah. Schon vor der Reformation zerbrach daher mancher Fürst mit starkem Arm die Ketten, an welche die Priester ihn gefesselt hatten, und beugte die Diener der Kirche seinem Willen, und später mußte in protestantischen Ländern die gesammte Bevölkerung, die Geistlichkeit mit eingeschlossen, das, was der Herrscher in Glaubenssachen gebot, unweigerlich als religiöse Satzung annehmen. Jeder Widerspruch hiergegen war ein doppeltes Vergehen, eine Auflehnung gegen die weltliche und geistliche Behörde, da das Staatsoberhaupt ja gleichzeitig die Würde des obersten Bischofs für sich in Anspruch nahin. Immerhin prägte sich der Begriff der Staatsreligion aus, der in seinen Konsequenzen, wie Spinoza sie in seinem theologisch-politischen Traktat folgerichtig zieht, zur völligen Unterdrückung aller Minderheits-Konfessionen führt und eine Gewiffenslnechtung mitsich bringt, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Nach dieser Theorie hatte der Staat nicht blos das höchste Recht über Handlungen weltlicher Natur, sondern auch über geistliche und religiöse Ansichten, er hat ganz allein die Befugniß, die Religionsangelegenheiten zu ordnen und zu bestimmen, was Glaube und was Unglaube, was Rechtgläubigkeit und was Ketzerei ist. Auch die französische Revolution huldigte diesen von höchster Unduldsamkeit zeugenden Anschauungen, sie schaffte die katholische Kirche ab und erhob den Kultus der Vernunft, durch eine schöne Frau als Göttin der Vernunft versinnbildlicht, zur Staatsreligion, ließ aber gleichwohl inkonsequenterweise, wie dies auch in andern Ländern geschehen war, die Konfessionen der Minderheit als geduldet weiter bestehen. Man sollte meinen, die Kirche selbst hätte hierdurch zu der Erienntniß kommen müssen, wie gefährlich es für sie sei, sich mit dem Staate so eng zu verbinden und ihm das Recht einzurüuinen, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen; und der Staat hinwiederum hätte in der Erinnerung an die durch kirchliche Herrschgelüste so oft heraufbeschworenen Verwickelungen seine völlige Loslösung von