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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 mitnahm, während sie ihm nach einem späteren Bericht von Jitro zugeführt werden, findet seinen Ausgleich in der auf ältere Sagen gestützten Erklärung Raschis') u. s. w. — Zu solchen historischen Ausschmückungen gehört es, wenn Wunder, die von jüngeren Generationen berichtet werden, auch schon in älterer Zeit erscheinen. Wenn es dem Josua gewährt wurde, daß Sonne und Mond auf seinen Ausspruch still standen, so muß solches doch auch dem Moses, dem Lehrer des Josua, gegönnt gewesen sein.") — Wenn die drei Genossen des Daniel auf wunderbare Weise aus dem Feuerofen gerettet werden?) so ist dem Abraham nichts Geringeres widerfahren?) Zu ihm spricht Gott: Ich habe dich herausgeführt („gerettet") aus Ur (was auch Feuer heißen kann) Kasdim; an des N e b u k a d n ez a r Stelle tritt Nimrod, aus dessen Gewalt Abraham befreit worden?) wie jene „drei Männer im feurigen Ofen" zu dieser Strafe verurtheilt worden sind, »veil sie das von Nebukadnezar nufgestellte Bild nicht anbeten wollten; ebenso erging es dem Abraham, der zu seinem götzendienerischen Vater") in Widerspruch getreten und mit dessen Bildern verfahren hatte, wie das mosaische Gesetz vorschreibt') u. s. w. Bei weitem umfangreicher als die historische ist, wie man weiß, die homiletische Verwendung des biblischen Textes. Auf fast jedem Blatte der hagadischen Schriften begegnet es uns ja, daß ein Zug aus dem Leben eines großen Mannes der Vergangenheit verwerthet wird, um die Wahrheit einer Sentenz ad honiinem zu demonstriren. Daß übrigens der homiletische Gebrauch den sich als solchen gebenden historischen längst überlebt hat, wird wohl mit Recht zunächst einer wiffenschaftlichen Betrachtung des Alterthums zuzuschreiben sein. Aber auch abgesehen davon ist die Hagada ein Reflex der in den verschiedenen Zeiten waltenden Ideen. Man konnte sich Abraham als einen „frommen" Juden denken, der auch das geringste Gebot des jüdischen Lebens beobachtete/) aber nicht als Kriegsherrn. Der ziemlich ausführliche Bericht des Josefus") über des Moses siegreichen Zug gegen Aethiopien (weshalb er auch eine Frau daher hatte'") ist vom Midrasch ganz bei Seite gelassen worden und erscheint erst in jüngeren unlauteren Quellen.") Ihm ist Moses der Ueberbringer und Lehrer des göttlichen Wortes, wie auch David nicht der gefürchtete Eroberer, sondern der betende, psalmodirende Fromme, der ganz andere Geschäfte hat, als die übrigen Könige?') Wenn wir im Folgenden versuchen, die Anschauungen zu skizziren, welche die hagadischen Schriften von dem Propheten Elia geben, so dürfen wir wohl nicht die Erwartung rege machen, als handle es sich hier darum, sämmtliche Stellen, in welchen Talmud, Midrasch re. des Elia erwähnen, aufgezählt zu sehen. Bei einer allgemeinen Charakterisirung dieser Anschauungen — um eine solche kann es sich doch hier nur handeln — wollen wir unser Augenmerk auf zwei hervorragende Momente richten. Daß bedeutsame Männer eine bedeutsame Jugend gehabt haben müssen, steht der dichtenden Sage so fest, daß sie auch von jenseit der Geburt solcher Männer zu berichten weiß. Was in der biblischen Geschichte von Moses und Samuel erzählt wird, findet im Heidenthum seine Parallele an Cyrus, Romulns und dergleichen. Dagegen erfahren wir nichts über die Herkunft und die Jugend Elia's; die Stadt Tischbe, nach der er — wie es scheint — Tischbi'") genannt wird, kommt sonst nicht wieder (außer in dem apokryphen Tobit") vor; er ist plötzlich da, verschwindet, wird überall vergebens gesucht, und ist ebenso unerwartet wieder da. Und 9 Exodus 18, 2. ") Aboda sara .‘25a; »och ein Dritter fei dieses Wunders gewürdigt worden, ohne daß der Talmud weiter darauf eingeht. •>) Daniel e. 3. 4) Vergl. Beer: Leben Abrahams, Abschnitt 2. ’) Jesaia 29, 22. 6) Josua 24, 2. 7) Deuter. 7, 5.? Joma 28 b- ") Alterth. II, 10. 1. '") Numeri 12, 1. ") Sefer Ha-Jaschar u. dergl. li) Berachot 49. >-) 1. Könige 17, 1. H) l, 2. wie ist er da! Kein Prophet hat Machthabern so in das Gesicht die Wahrheit gesagt, wie Elia; auch nicht Nathan, der doch den König David vor sich hatte und seine Zurechtweisung in ein Gleichniß kleidet'); lange nicht wie Jeremia, der nicht zu, sondern von Jojakim predigt und schreibt. Elia aber sagt zu Ahab2): „Nicht ich habe Israel geschädigt, sondern du und deines Vaters Haus, da ihr die Gebote Gottes übertreten und den Götzen nachgegangen", und ein anderes Mal"): „Also hast du wieder gemordet? Hast dich bereichert?" Und nach Vollziehung eines harten Strafgerichts an den falschen Propheten und nachdem er eine eigenthümliche Vision gehabt, deren wir noch zu gedenken haben, verschwindet er, indem er vor den Augen seines Lieblingsjüngers Elischa im Sturme gen Himmel fährt. Wie sticht von ihm dieser sein Jünger ab, der zwar auch Wunder vollbringt, aber doch bei einer Gelegenheit durch einen Saitenspieler seine prophetische Begeisterung ausfrischen läßt'), endlich wie ein gewöhnlicher Mensch in Krankheit verfällt, stirbt und begraben wird"). Ein Zweites, das wir bei dieser Gelegenheit wahrnehmcn können, ist, daß bei so mannigfachen Amplifikationen vorhandener Berichte das, was hinzuerzählt wird, nur innerhalb des irdischen Lebens des Betreffenden vorgeht; mit dem körperlichen Tode hört fast immer die Beziehung zu lebenden Menschen auf. Einer ist in der Zahl der biblischen Gestalten, der nicht gestorben ist, der nach Hagadischer Ausdrucksweise „den Geschmack des Todes nicht gekostet hat" niVÜ D»B DUö tfbiT, wie das neutestamentliche ytoKiUci roty-avchov. Matth. Ui, 28; Marc. 9, 1; Lucas 9, 27; Hebr. 2, 9); dieser Eine ist eben Elin. Ob die Schrift mit dem, was sie über Chan och") sagt, etwas Aehnliches ineint, ist unentschieden. Jedenfalls ist das übermenschliche Geschick Elia's von der Legende gehörig verwerthet worden. Elia ist der talmudischen Zeit, in Anlehnung an biblische Erzählungen, das personifizirte Eingreifen einer höheren Gewalt in die irdischen Angelegenheiten. Dem Heidenthuin wurde es nicht gerade schwer, seinen deus ex machina zu produziren; man war ja mit Göttern reichlich versehen, die Veranlassung hatten, auf Erden zu erscheinen. Aber das Judenthum hat ja nur einen Gott, und einen „heiligen, hoch und erhaben thronenden" Gott, von dem wohl nur die älteste Zeit in ihrer naiven Anschauung berichten konnte, daß er auf Erden herabkomme, lehre, richte, strafe re. Aber die spätere Zeit, die talmudische, der auch die Legende ihre Entstehung verdankt, hütete sich wohl, in solcher veranschaulichenden Weise von Gott zu reden, da man ja Bedenken trug, selbst den Namen Gottes auszusprcchcn und Bezeichnungen, wie „Auge Gottes", „Hand Gottes" und dergleichen, in Abstraktionen, wie Allwissenheit, Allmacht und dergleichen, auflöst. In den jüngeren Büchern, wie z. B. Daniel, werden solche Funktionen einem Engel übertragen; ein solcher rettet Daniel aus der Löwengrube, seine Genossen aus dem Feuerofen, deutet ihm selbst rathselhafte Erscheinungen u. s. w. Das Buch hat bereits Engelnamen, und in gleicher Weise verfahren auch apokryphische, neutestamentliche und muhamedanische Schriften. In der christlichen Legende konnte auch Gottes Sohn, konnten Apostel und Heilige wunderbar wirkend auftreten. Aber das Judenthum hat keinen Gottessohn, keine Apostel, keine Heilige. In seinem unverrückbaren Festhalten an der Einheitsidee drängte eslsogar die Engel in den Hintergrund, und erst die kabbalistischen Schriften bauten neben anderen Erdichtungen auch die Engellehre für ihre Zwecke aus. So wurde unser Elia der willkommene, stets bereite Helfer; ihn hat die Legende mit besonderer Vorliebe zum Vollführer göttlicher Werke ausersehen. (Fortsetzung folgt.) ') 2. Sain. <-. 12. -) 1. Könige 18, 18. 3) Das. 21, 19. J) 2. Kön. 2, 11. 5) 2 Kön. 3, 15. «) Das. 13, 14, 20.

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