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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55, Jahrgang. Nr. 7. Berlin» 12. Februar 1891. eilung des Au-enthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der ExpeditioninBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Nab Urner D*. Ludwig Philipp so» - V onn verlags-TrpeLition: Lerün, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Jndenthums", Berlin 81V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Dr. Nehemias Brüll. Von 6-. K. — Die moderne Gemeinde und ibre Aufgaben. Von Dr. Silber st ein. — Stimmen und Urtheile im Judenlhum über das Chriftenthum und dessen Bekenner. Von Dr. I. Hamburger. — Pädagogische Briefe über Erziehung und Unterricht. Von A. Treu. — Wissenschaft und Litteraturr Zu Lessings Todestag. Von Moritz Brasch. — Seligmann Heller und Friedrich Rückert. Von Neinhold Berger. — Feuilleton: Racke ist süß. Von Dr. S. Mandelkern (Fortsetzung). — Vorsichtige Schweigsamkeit. Von Dr. M. von Wassermann. — Westöstliche Poesien. Von Samuel Kristeller. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Bremen. Breslau. Ratibor. Frankfurt a. M.., Pforzheim, Fürth. Heilbronn. Wien. Prag, Petersburg. Warschau, Haag, Newhork. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. - Geschäftliche Notizen. Vr. Urhemias Srüll. 6. K. Berlin, den 8. Februar. Kaum sind die Thronen getrocknet, die über das Abscheiden Joels geflossen, so hat der Tod uns von Neuem eine tiefe Wunde geschlagen und einen der Besten aus unseren Reihen sich hinweggeholt. Dr. Nehemias Brüll, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., ist am 5. d. M. einem Schlaganfall nach kurzen Leiden erlegen. Die Kunde von diesem plötzlichen Todesfall wird nicht verfehlen, allgemeine Trauer zu wecken, denn mit Nehemias Brüll ist einer der gelehrtesten und charaktervollsten unter den deutschen Rabbinern dahingegangen. In der Blüthe seiner Jahre ist Brüll von uns geschieden. Er war im Jahre 1842 zu Kojetein in Mähren geboren, wo sein Vater Jakob Brüll, einer der größten Talmudisten unserer Zeit, der gelehrte Historiker der Mischna, als Rabbiner lebte. Von diesem grundgelehrten Vater wurde er in die weiten Hallen des Talmud eingeführt. Seine philosophischen und theologischen Studien machte er in Wien. Dann wurde er zum Rabbiner in Bisenz in Mähren erwählt, und als im Jahre 187t) Abraham Geiger von Frankfurt nach Berlin ging, lenkte er das Augenmerk seiner Heimathsgemeinde auf den bis dahin unbekannten jungen mährischen Rabbiner. Mit großem Scharfblick hatte Geiger schon damals deffen Bedeutung und Charakter erkannt. Zwanzig Jahre war Brüll Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. Die ehrwürdige alte Gemeinde hat ihr Haupt, ihren geistigen Führer, in ihm verehrt und nunmehr verloren. Da die Kunde von Brülls Tode zu uns gelangt, tritt seine Erscheinung und sein geistiges Wesen lebhafter denn, je vor unser Gedächtniß. Etwas Tieftragisches liegt in diesem plötzlichen Tode. Wir haben es bereits gesagt, daß Brüll einer der gelehrtesten Rabbiner war. Er besaß ein außerordentliches Wissen nnd einen seltenen kritischen Scharfblick. Er war der würdige Nachfolger jener alten Rabbiner, die Tag und Nacht dem Studium der heiligen Lehre widmeten, die kein irdisches Vergnügen kannten. Man hat früher gewöhnlich die Talmudisten in zwei Kategorien getheilt. Der eine (buki) war sehr belesen in dem weiten Quellen-Material, der andere (diarif) wußte dieses Material mit kritischem Scharfblick zu durchdringen. In Brüll lag etwas von beiden Kategorien. Seine Studien fast über alle Zweige der jüdischen Wissenschaft, über Bibel, Exegese und Grammatik, über Geschichte und Litteratur-Geschichte der Juden, die er in den 10 Bänden seiner „Jahrbücher" und zahlreichen Aufsätzen niedergelegt, zeugen von ebenso großer Belesenheit wie von eindringlichem Scharfsinn. Er hat diese „Jahrbücher" fast allein geschrieben, und die Fülle seiner Studien hat er darin niedergelegt. Und nun wollte er all' seine geistige Schöpferkraft an ein hohes und großes Werk wenden. Die Zunz-Stiftung in Berlin hatte in richtiger Wahl ihn als den Tüchtigsten mit der großen Aufgabe betraut, die „Gottesdienstlichen Vorträge" von Leopold Zunz, das grundlegende Werk der jüdischen Wissenschaft, neu zu bearbeiten. In diese Bearbeitung wollte Brüll sein ganzes Können und Wissen hineinlegen. Und nun ist er mitten in seinem Schaffen abberufen worden. Das ist das Tragische an diesem Gelehrtenleben. Aber Brüll war nicht blos Gelehrter, er war auch ein Mensch in des Wortes edelstem lind heiligstem Sinne. Ein reiner Geist lebte in ihm, ein edles Herz, ein tiefes Mitgefühl für alle Leiden seines Stammes und der Menschheit. Stark, fest, ungebeugt in seinem Wollen und Schaffen, streng gemessen in seinem Wesen, war er zart, bescheiden, ja demüthig im Verborgenen. Das Strenge und das Zarte waren bei ihm schön gemischt! Ja, er war ein ganzer Mann, ein ganzer Mensch, ein ganzer Jude! Schwere Täuschungen und Kämpfe hat er erlebt; er selbst war ein begeisterter Vertreter des Reformgedankens im Judenthum, und auch die Fluthen des Rückschritts, die in den letzten Decennien hereingebrochen, haben Muth, Hoffnung und Schaffensfreudigkeit des Mannes, der sich nun in die Stille seiner Studien zurückzog, nicht erschüttern können. Er glühte mit seltener Begeisterung für alle Ideale der Zukunft; mit traurigem Blick sah er nur in die Gegenwart des jüdischen Stammes, aber sein Auge leuchtete auf, wenn er an die Zukunft dachte; und diese Zukunft sah er in der Wissenschaft des Judenthums. Sie wird nicht untergehen, sie wird leben, ein ewiges Zeugniß für die Kraft und den Geist des Judenthums! Das war sein Bekenntniß, das war feilt Glaube. Etwas von der Frömmigkeit der alten Rabbinen und wiederum etwas von dem freien Geist eines Leopold Zunz lebte in diesem Manne und hielt ihn aufrecht in allen Stürmen der Zeit.

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