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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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■ r7 " üiiiM ernstlich in Erwägung gezogen. Nunmehr hat Sr. Shauß aus Bradford in einem Schreiben an die Anglo-Jewish-Association die Aufmerksamkeit der maßgebenden Persönlichkeiten auf den Kongostaat gelenkt. Es ist demnach nicht ausgeschlossen, daß auch in Afrika ein Versuch der Kolonisirung gemacht werden wird — selbstverständlich erst dann, wenn die Frage genau studirt sein wird. Rußland. * Wilna, 28. Dezember. Wieder hat der Tod ein edles Leben zerstört! Einer unserer gebildetsten, verdienstvollsten und einflußreichsten Glaubensgenossen, S a m uel Joseph Fin n, ist, wie bereits telegraphisch gemeldet, in der Nacht zum 22. d. M. durch den unerbittlicheil Tod abberufen worden. Vor zwei Jahren, am erstell Tag des Laubliüttenfestes, feierte mit uns die gesammte gebildete jüdische Welt den siebzigsten Geburtstag des Verblichenen, der sowohl als Gelehrter, als Literat, wie auch als Jugendbildner und Förderer aller die russische Judenheit betreffenden Jnteresseli Großes geschaffen hat. Samuel Joseph Finn gehörte jenen selbstlosen hebräischen Gelehrten und Schrift" ftellern an, die von einem heiligen Idealismus geleitet, ihre Kräfte eingesetzt haben, um die hebräische Sprache gu beleben, das Interesse für allgemeille Bildung wachzurnsen und die russischen Juden aus dem langen Schlafe zu wecken, in dem sie bis vor einigen Dezennien versunken waren. Als ganz besonderes Verdienst ist dem Verblichenen anzurechnen, daß er über dem Kampf der Parteien hoch erhaben stand und der Versöhnung der alten mit der neuen Richtung nicht ohne Erfolg stets das Wort geredet hat. Im Jahre 1848 wurde er von der Regierung zum Dozenten der hiesigen, jetzt geschlossenen Rabbinerschule ernannt, welches Amt er bis 1856 bekleidete. Alsdann verwaltete er das Amt eines Inspektors der jüdischen Schulen unseres Bezirks und das eines Vorstehers der hiesigen jüdischen Gemeinde. Für sein rastloses und segensreiches Wirken zur Förderung der Bildung unserer Glaubensgenossen ist er von der Regierung wiederholt mit Orden ausgezeichnet und zum Ehrenbürger der Stadt Wilna ernannt worden. Jetzt, wo der Horizont der russischen Judenheit auf's Neue sich verdunkelt, empfinden wir das Ableben eines solchen Mannes um so schmerzlicher und weinen wie Kinder ihrem Vater bittere Thranen nach. Er ruhe in Frieden! Amerika. Baltimore, 26. Dezember. Hier wurde heute eine von Ehristen aller Konfessionen besuchte Versammlung abgehalten um Theilnahme für die Juden in Rußland auszudrücken und denselben Hilfe anzubieten. Es wurde ein Ausschuß zur Durchführung der gefaßten Beschlüsse gewählt. In diesem Ausschüsse befinden sich Kardinal Gibbons als Vorsitzender, Dr. Paret, Bischof der Episkopalkirche, nnd andere Geistliche. U Von Nah und Fern. Der Landgerichtsrath Herr Albert Mosse ist zum Oberlandesgerichtsrath in Königsberg ernannt werden. — Der Kaufmann Herr Hugo Lissauer, Inhaber der bekannten Seidenfirma H. Lissaner in Berlin, ist zum Königlichen Kommerzienrath ernannt worden. — Die Firma D. Arndt (Grüner Weg 8) begebt am 1. Januar 1891 das Fest ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens. — Die Leitung der inneren Abtheilung des jüdischen Krankenhauses, deren Chefarzt der verstorbene Geheime Medizinalrath Dr. Jacobson war, ist Herrn Dr. Julius Lazarus übertragen worden. — Der Vorstand der „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte, deren Wittwen und Waisen in Deutschland" veranstaltet zum Besten seiner Hilsskasse am 10. Januar in der Philharmonie ein „Elite-Konzert" unter Mitwirkung hervorragender Künstler. Der Verein will durch dieses Konzert seine pekuniären Verhältnisse aufbessern, um den Anforderungen, welche an seine Kasse gestellt werden, auch im nächsten Jahre gerecht werden zu können. — Im Zuschauerraum des Cirkus Schumann zu Berlin machte sich ein Gymnasiallehrer Dr. Ria her (vom Friedrich- Wilhelms-Gymnasium) durch Zurschautragen seines Antifemitisul ü s derart bemerkbar, daß sein Name polizeilich sestgestellt werden mußte. Offenbar wollte der Mann den Beweis für die kaiserliche Behauptung liefern, daß unter unseren Gymnasiallehrern so mancher noch selber der Erziehung bedarf. — Für den sauberen Herrn Rektor a. D. Ahlwardt werden zur Zeit bei jüdischen Firmen Sammellisten umher l geschickt. Non ölet. — In dem im Kreise Eschwege belegerwn Dorf- Datterode, in welchem die wenigen jüdischen Familien in bestem Einvernehmen mit den übrigen Dorfbewohnern lebten, fand man neulich die berüchtigten Fritsch'schen und Werner'schen Flugblätter i angeklebt. Eine Frau P. entfernte ein solches Plakat von einer Telegraphenstange. Am andern Morgen war an derselben Stelle ein mit folgenden Worten beschriebener Zettel zu bemerken: „Warnung! wen hold die olle P. unsre Blätterte nochmals runner reist, so soll den hold die olle P. dran mit an baar Dutzeln von Ihr leit baumeln!!! Also Ihr Christen seit ans der Hut, helft sie unterdrücken bald werden wir des Geschmeise tos seht Ihr vielleicht daß einer von den leid will arbeiten alle wollen von uns Christen ernährt werden dieses Wüsten-. Volk. Dem Bauersmann ging es viel besser wen wir hold dies Wüsten- # Volk nicht hier hätten. Der bauersmann säet aus und das Wüstenvolk | erndet ein, so geht es auch mit dem Vieh unser armes Christen Volk » füttert das Vieh groß und das Wüstenvolk treibt es zum margde also i dies kann nicht mehr so fort gehen in zwanzig Jahren wehren die Christen den Juden Ihre Sklafen." Sind doch nette Leute diese Antisemiten! — Ueber jüdische Armenpflege äußerte sich Geh. Reg.-Rath Professor Dr. Böhmert, der bekannte Sozialpolitiker, in einem Vortrage in Dresden folgendermaßen: „Im Gegensatz zu der heidnisch-römischgriechischen Armenpflege steht die christlich-jüdische, die nicht einfach die Noth zu lindern, sondern dauernd die Gründe der Armuth zu beseitigen sucht. Namentlich das jüdische Volk zeichnete sich schon früh durch eine praktisch geordnete Armenpflege aus, und die Kraft der hierauf bezüglichen Gesetzgebung derselben war so stark, daß sie alle Stürme und Leiden dieses Volkes überdauerte und noch jetzt fortwirkt." — Ein Comite, bestehend aus dem Präsidenten des unterelsässischen Konsistoriums, Hrn Blum-Auscher, dem Oberrabbiner Weil, sowie 11 Vorstandsmitgliedern von Wohlthätigkeitsvereinen in Straßburg (Elsaß), hat eine öffentliche Sammlung eingeleitet, um dem verstorbenen Oberrabbiner Aron ein würdiges Grabmonument zu errichten. — Nach Berichten Hamburger | Blätter werden in Hamburg für die nächsten Monate ungefähr 30000 M jüdische russische Auswanderer, die größtentheils Ackerbauer und I Handwerker sind, erwartet, um in Südamerika sich eine neue Heimath I zu gründen. Es hat sich bereits ein Comite gebildet, das den Unglück- > lichen mit Rath und Hilfe an die Hand gehen wird. — Die aus Paris I (s. v. Nr.) gemeldete Nachricht, daß 2500 russische Juden von Bremen I aus nach Brasilien ausgewandert wären, wird von verschiedenen Seiten « dementirt. — Auf Antrag des Herrn Dr. D. Feuchtwang wurde Ä aus der Plenarversammlung der „Oesterreichischen israelitischen 1 Union" an den Lordmayor von London ein Telegramm gerichtet, in 1 welchem ihm und dem hochherzigen Volke von England für die groß- 1 artige Kundgebung zu Gunsten unserer unglücklichen Glaubensgenossen ' > in Rußland der Dank ausgesprochen wird. — Herr Nathan Levi aus » Arnheim, welcher kürzlich fünf Kinder mit Gefahr des eige en Lebens I aus einem brennenden Hause rettete, ist den hierbei empfangenen Brand- I wunden erlegen. — Wie verlautet, ist Herr Dr. N e u b a u e r i n O xs o r d in I Anerkennung seiner bedeutenden Leistungen aus dem Gebiete der orien- I talischen Sprachen zum Ehrenmitglied des Exeter College er- I nannt worden. — Von dem Staatsrath Micolas von Gradowsky 1 ist der erste Band eines Werkes „Tie gesetzliche Stellung der Juden in Rußland" in französischer Sprache zu Paris (Buchhandl. I von Leopold Cers) erschienen. Ein zweiter Band soll bald folgen. — 1 Der An tisemitismus sucht auch in Spanien Boden zu gewinnen, J j obgleich nur wenig Juden im Lande wohnen. Ende Februar nächsten I Jahres soll ein internationaler Antisemitenkongreß in Barcelona ab-! gehalten werden. — Die Stadt Serajewo wird nächstens ein Ver- I sorgungshaus für Arme und Hilflose ohne Unterschied des Glaubens I erhalten, dessen Begründer Baron Marko Morpurgo in Triest I ist, der gelegentlich seiner Letzten Anwesenheit in Serajewo die Ueber- I zeugung von der Nothwendigkeit eines derartigen Asyls gewann. — I Der jüdischen Gemeinde zu Safed wurde vom Kaimakam die amtliche Mittheilung gemacht, daß der Sultan derBaroninAdelaide Rothschild in Paris, Gattin des Barons Edmund Rothschild, für das Spital, das sie hier errichtet, den Schefakatorden verliehen habe. J Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktton-. Max Bauchwitz in Berlin.

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