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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Glaubensgenossen huldigen, des Btißbrauchs nämlich, am Weihnachtsfeste einen Baum zu entzünden. Denn ein bedauerlicher Mißbrauch ist es immerhin, wenn man an eiuem spezifisch jüdischen Feste einen durchaus christlichen Gebrauch nachahmt. Man wende hier nicht ein, das Weihnachtsfest sei gar kein spezifisch christliches, sondern vielmehr ein echt deutsches, das altdeutsche Julfest. Nicht, was es früher war, sondern nur was es heute ist, kann für uns von Bedeutung sein. Und es ist nichts mehr und nichts weniger als das Geburtsfest der christlichen Religion; das kann mit allen Redekünsten nicht hinwegdisputirt werden. Uns gebietet demnach die Pflicht der Selbstachtung, dieses Fest nicht zu feiern. Wohl aber sind wir verpflichtet, unserer Jugend einen Ersatz! dafür zu schaffen, und den haben wir in unserem Chanukafeste. Ein! Fest, das so klar wie dieses den Kampf der monotheistischen Welt-! anschauung gegen die polytheistische des Heidenthums versinnbildlicht,! verdient es wohl, daß mau ihm eine größere Aufmerksamkeit als seither zuwende. Pflicht der Rabbinen und Jugenderzieher ist es, m diesem Sinne mit allem Einfluß, der ihnen zu Gebote steht, zu wirken. Denn wenn irgend Etwas im Stande ist, begeisterte Juden Zu erziehen, so ist es die Erkennntniß der Gottesidee. Und gerade das Chanukafest ist am besten dazu geeignet, den Kindern zu veranschaulichen, was die Begeisterung für eine solche Idee, u nabhängig von einem unmittelbaren Eingreifen Gottes, zu wirken im Stande ist. Das muß unsern Kindern zum Bewußtsein gebracht werden. -d Frervitrg n B., im Dezember. Der Redakteur des in Totnau erscheinenden antisemitischen Blättchens hat dieser Tage einen fühlbaren Denkzettel erhalten. Ein hiesiger Rechtsanwalt, der der israelitischen Gemeinde angehört, hatte einen Bürgermeister vertheidigt, der seinem Pfarrer während der Predigt Ruhe geboten und die Kirche in Aufsehen erregender Weise verlassen hatte. Der Angeklagte, der in dieser Predigt gröblichst angegriffen worden war, ist, nachdem zuerst eine milde Verurtheilung erfolgt war, von der Strafkammer Waldkirch (und Zuletzt auch vom Reichsgericht) freigesprochen worden. Während die Sache beim Reichsgericht schwebte, wurde in badischen Blättern eine sehr heftige Zeitungspolemik darüber geführt. Das antisemitische Blättchen ergriff freudig die Gelegenheit, dem „jüdischen Rechtsanwälte" vorzuwerfen, daß der Jude nicht allein an der sittlichen Verwilderung seine Freude habe, sondern daß er aus der Verrottung der öffentlichen; Zustände seine Nahrung ziehe. Darauf von dem Rechtsanwälte, dem I sich alle Berussgenossen am Orte freiwillig zur Verfügung gestellt hatten,! verklagt, ist der Redakteur von dem Schöffengericht Schönau zu 8 Tagen Gefängniß, 50 M. Geldstrafe, in die Kosten und Veröffentlichung des Urtheils in seinem Blatte verurtheilt worden. Nach antisemitischer Gepflogenheit hat der Angeklagte vor dem Termin geäußert, wenn er verurtheilt werde, trinke er eine Flasche Champagner. Ein hiesiges! ultramontanes Blatt bemerkt hierzu: Trinken könne er sie nun; es sei aber fraglich, ob sie ihm schmecken werde. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 28 Dezember. Kaiser Hadrian, so wird berichtet, begegnete einmal einem Juden, der ihm nicht die gebührende Ehrenbezeugung erwies, und er schlug ihn nieder. Da fragte ihn sein Begleiter, wie das käme, und Hadrian antwortete, es sei ihm gleichgiltig, ob ihm ein Jude die gebührende Ehrenbezeugung erweise oder nicht, er schlage ihn, weil er ein Jude ist. Ins Lessingsche übersetzt, heißt das: der Jude wird verbrannt. So war es früher, so ist es jetzt. Was haben vor %0 Jahren die Behörden Alles gethan, um die Juden zu bewegen, sich allgemeine Bildung anzueignen, welche Anstrengungen wurden gemacht, um die Juden zu bewegen, Handwerker zu werden, und jetzt wird darüber geklagt, daß zu viele Inden studiren, und die jüdischen Handwerker werden mit Mißtrauen angesehen, da sie den christlichen Konkurrenz machen. Die „Allg. Z. d. I." gedachte jüngst des'Jubiläums, welches der hiesige israelitische Handwerkerverein bei Gelegenheit seines 50jährigen Bestandes feierte. Der Bericht weist darauf hin, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, da es sich darum handelte, diesen Verein ins Leben 311 rufen. Es sei gestattet, hier eine Ergänzung beizufügen. Im Winter des Jahres 1841 hielt Mannheimer am Sabbath, da der Wochenabschnitt Terimia gelesen ward, eine Predigt über die Gewerbescheu in Israel, in welcher er die Gemeinde aneifert, das Handwerk zu pflegen. Die Predigt zündete, und es wurde allgemein der Wunsch ausgesprochen, daß dieselbe gedruckt werde. Der Censor wollte jedoch die Predigt nicht zum Druck zulassen, da er fürchtete, dieselbe könnte den Juden ihre elende Lage zu Gemüth führen. Der .Chef der -bersten Polizeibehörde erbat sich hierauf 20. April 1841 die Wohlmeinung des obersten Kanzlers über diese wichtige Frage. Dieser hatte gegen die Drucklegung dieser Predigt nichts einzuwenden und sie erschien. -- Groß- Wien ist nun fertig, und die Berathungen über das neue Statut für die israelitische Kultusgemeinde find auch geschlossen. Ich hebe aus demselben zwei wichtige Elemente in Betreff der Wahlen hervor. Der jetzige Vorstand besteht bekanntlich aus 20 Mitgliedern. Man hatte geplant, für Groß-Wien 48 Mitglieder festzusetzen; es werden' jedoch blos 24 sein. Auch wurde der Gedanke, die Mitglieder auf die verschiedenen Bezirke anfzutheilen, aufgegeben, und wird die Wahl in solcher Weise vor sich gehen, wie dies bis jetzt der Fall war. * Lemberg, 25. Dezember. Baron Hirsch hat sich damit einverstanden erklärt, daß der Regierung das Recht eingeräumt werde, vier Mitglieder des für die bekannte Zwölf-Millionen-Stiftung bestimmten Kuratoriums zu ernennen. In Folge dessen ist das letzte Hinderniß, welches der Aktivirung dieser Stiftung entgegenstand, bereits beseitigt, und die Schulen und Humanitäts-Institute, welche aus dem Vermögen in Galizien eröffnet werden sollen, können demnächst errichtet werden. Baron Hirsch soll deshalb in Kürze in Wien eintreffen. Großbritannien. * London, 20. Dezember. Mittwoch, 17. Dezember, starb hier im! Alter von 87 Jahren Mr. Philipp Abraham. Obwohl schon seit längerer Zeit leidend, erfreute er sich bis zum letzten Augenblick des vollen Besitzes seiner Geisteskräfte. Der Verstorbene hatte einen Namen als fruchtbarer Schriftsteller, der besonders den Lesern des „Jewisli Chronicle“, in dessen Spalten viele seiner Beiträge erschienen, wohl bekannt war. Er las ungemein viel und sammelte auf diese Weise einen ganz ungewöhnlichen Schatz von Kenntnissen; doch war sein Wissen mehr anekdotenhafter Natur. Im Jahre 1879 veröffentlichte er einen Band „unbeachteter Notizen" unter dem Titel „Curiositäten des Judenthums. Thatsachen, Meinungen, Anekdoten und Bemerkungerl über die hebräische Nation". Früher schon gab er einen Band Prosa unter dern Titel ,,Autimm Gatherings4* heraus. Vor mehr als dreißig Jahren schrieb er „Die Autobiographie eines jüdischen Gentlemans", doch soll blos ein Fragmerit davon erschienen sein, das Uebrige ist noch immer Manuskript. Mr. Abraham fungirte viele Jahre als Sekretär der .."West London Svnague of British Jews“. Einer älteren Generation ist er auch als hervorragender Lehrer des Hebräischen bekannt; auch einige christliche Geistliche sind seine Schüler. Madame Leouore Bra ham, die Opernsängerin, welche vor Kurzem aus Südamerika zurückgekehrt ist, ist eine Tochter voll Mr. Philipp Abraham. * London, 24. Dezember. Am jüngsten Svrllltag sind in zahlreichen Kirchen und Kapellen Predigten abgehalten, welche die Bedrückung der russischen Juden zum Gegenstände hatten. In seiner im City Temple am Sonntag gesprochenen Predigt sagte Dr. Parker: „Ich bin mir vollkommen klar über meine Stellung mit Bezug auf die Frage der religiösen Toleranz. Ich bin tolerant gegell jeden, der ehrlich und aufrichtig denkt. Mit unaussprechlichem Abscheu wende ich mich von der Bedrückung der russischen Juden ab, und ich erkenne dankbaren Herzens beu Adel der Gesinnung und die Würde an, die Kardinal Manning in seinem Schreiben über diesen Gegenstand bekundet hat. Ich bin überzeugter Protestant und vertrete auf das Entschiedenste meiil Bekenntniß, ich könnte aber niemals meine Stimme erheben für die politische Rechtsbeschränkung meiner römisch-katholischen Mitbrüder. Juden und Papisten wollte ich alles das gewähren, was ich für mich selbst beanspruche, aber weder Juden noch Christen, weder Papisten noch Protestanten würde ich es gestatten, au die Konstitution 31t rühren, die unsere Freiheit zugleich beschränkt und schützt. Was die Papisten anbelangt, so habe ich unendlich mehr Respekt vor dem Papst in Rom, als vor irgend einem Priester, der sich äußerlich zum Protestantismus bekennt, in der That aber der Religion des Papstthums dient. Eineil ehrlichen Priester der Kirche von England ehre ich; einen heuchlerischen Diener unserer Lehre verachte ich." * London, 22. Dezember. Die hiesige russische Botschaft hat Lord Meath uitb Sir Joseph Pease, welche die von dem Guildhall-Meeting in Betreff der Bedrückung der Juden gefaßten Resolutionen dem Zaren überbringen sollten, mitgetheilt, daß es für sie unnütz wäre, nach Petersburg zu reisen. — Die schwierige Frage, no die aus Rußland auswandernden Juden angesiedelt werden sollen, wird vielfach öffentlich diskutirt, und fast jeder Tag bringt diesbezügliche neue Vorschläge. Neben Nordamerika werden Brasilien und Argentinien

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