Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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55. Lahrgang. Nr. 1. tierltn, 1, Lanuar 18<)L Weikcrge zurr „Akrgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8 Berlin, 29: Dezember. Das fünfzigjährige Jubiläum des Herrn Musikdirektors Lewandowski am Sonnabend den 27. d. M. gestaltete sich zu einem wahren Jubelfeste. Schon am frühen Morgen wurde der Jubilar durch ein Ständchen des Synagogenchors geweckt. Dann folgte die Feierlichkeit in der neuen Synagoge, die durch einige Kompositionen Lewandowskis und durch eine begeisterte Rede des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum ausgezeichnet war. Im Hause des Jubilars erschien zuerst die Deputation des Gemeinde-Vorstandes, bestehend aus den Herren Reichenheim. Sachs und Landsberger, die eine kostbare Adresse überreichte, dann das Festkomitee selbst, in dessen Namen Herr Julius Jsaac eine Ehrengabe von 10,000 Mk. mit der Bemerkung überreichte, darüber nach eigenem Ermessen zu verfügen. Außerdem übergab Herr Jsaac im Namen der israelitischen Kultusgemeinde München einen kostbar gearbeiteten Pokal. Hieraus erschienen die Rabbiner der jüdischen Gemeinde, in deren Namen Herr Dr. Ungerleider eine herzliche, allgemein ergreifende Ansprache hielt. Es folgten nun Deputationen des Kantoren'Vereins, der Lehrer und des Vereins der Schüler der Lehrerbildungs-Anstalt, in deren Namen Herr I. Web er sprach, der Gemeinde zu Leipzig durch Herrn A. Jacobsohn u. v. a. Zahllose Briefe, Depeschen, und Geschenke legten ein Zeugniß ab für die Beliebtheit, deren sich der Jubilar in allen Kreisen zu erfreuen hat. Als eine besondere Auszeichnung erschien Allen die Ernennung zum königlichen Professor, welche durch ein Schreiben des Herrn Kultusministers v. Goßler am selben Tage mitgetheilt wurde. Am Abend fand das Fest in der „Gesellschaft der Freunde" statt, zu dem sich an 300 Theilnehmer aus der Elite unserer Gemeinde vereinigt hatten. Unter Orgelklängen wurde Professor Lewandowski und seine Familie durch Mitglieder des Komitees an die für sie reservirten Plätze geleitet und es trat alsdann Herr Direktor Lauten bürg auf das von dem philharmonischen Chor besetzte Podium, um einen Prolog zu sprechen, der den Empfindungen der Festversammlung beredten Ausdruck gab. Es erfolgte nun die meisterhafte Ausführung eines Streichquartetts lH-moll) von Lewandowski durch das mit warmem Beifall empfangene Quartett der Professoren Joachim,' Hausmann, Wirth und Kruse. Die Komposition liefert den Beweis für das reiche musikalische Können und für die schöpferische Kraft Lewandowski's; ganz besonders wirksam zeigte sich das Adagio, wie denn dieses auch in dem prächtigen Klaviertrio (C-moll), das von den Herren Professoren Gernsheim, Joachim und H au sma n n nicht minder vollendet ausgeführt wurde, den lebhaftesten Beifall fand. Der 84. Psalm (für Solo, Chor und Orgel), der unter Leitung des Herrn Siegfried Ochs zu sehr wirksamer Wiedergabe gelangte (besonders klangen die Frauenstimmen ausgezeichnet), bewährte erneut die Meisterschaft des Komponisten für die Behandlung der Singstimmen. Das Solo fand durch die hessische Kammersängerin Frl. Jettk a Finkenstein, deren pastose Stimme zu voller Wirkung gelangte, eine musterhafte Ausführung. Herr Dr. Gustav Karpeles hielt die Festrede, die ihren Nachklang in dem Chorgesang des 134. Psalms fand, .der der mnsikalischen Feier ihren wirksamen mtb bedeutenden Abschluß gab. Es folgte ein Festmahl, bei dem zwar auch manch ernstes und bedeutungsvolles Wort gesprochen wurde, bei dem aber auch heitere Lebensfreude zu wirksamem Ausdruck gelangte. Den ersten Trinkspruch brachte Herr Kommerzienrath Goldberger als Vorsteher des Gemeinde- Vorstands, aus, und wir find in der Lage, denselben seinem Wortlaut nach mitzutheilen. Er lautete: „Von dem Vorstande unserer Gemeinde zu diesem Fest entsandt, habe ich dem Komitee den Vorzug des ersten Trinkspruches zu danken. Ich folge solch ehrendem Auftrag mit innerster Genugthuung. Es entspricht nicht nur der Form, der Gewohnheit, dem alten Brauch, es entspringt vielmehr dem Drange unseres Herzens, und sicherlich in erster Linie, hochverehrter Herr Jubilar, Ihren eigenen Wünschen, wenn inmitten des Festglanzes und der Festfreude unser erstes Gedenken unserm allgeliebten Kaiser gilt. Fünfzig Jahre einer vom Himmel begnadeten und von den Menschen allerkannten Thätigkeit — inmitten eines halben Jahrhunderts glorreichster Entwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes, das Alles mit erlebt, in solcher Periode gearbeitet, gestrebt und gewirkt zu habeil, welch' erhebendes Bewußtsein! Mächtig ist der Flügelschlag dieser Zeit, groß und hochbedeutfam sind die Fortschritte und 'Errungenschaften auf allen Gebieten unseres kulturellen Lebens. Aber auch der Geist der wahren Freiheit und des Friedens unter den Menschen weht — manchen Kummer, manchen Schmerz Lindernd — durch die heimischen Lüfte. Tief wurzelt unser Herz mit tausend Fasern in dem Lande, in dem wir geboren und aufgewachsell, dessen Segnungen wir theilhastig. dessen Gefahren unsere Gefahren sind. Immer inniger fesselt uns die Dankbarkeit an unseren Herrscher, den Vater uilseres Vaterlandes, der, feind allen rückschrittlichen Tendenzen, sein Heil und seine Größe in der sich bethätigenden Erkenntniß sucht, daß für die Bewältigung seiner kaiserlichen Aufgabell, für die Beurtheilung der Staatsbürger in ihrem Wollen und Können mix Das maßgebend ist, was der Allgemeinheit frommt und was ein Jeder, in Reih und Glied im Dienste der Allgemeinheit zu leisten vermag! Und wie menschlich nahe, meine Damen, \ meine Herren, ist uns unser Kaiser! Wie ragt sie empor, die fügend-! frische, ritterliche, ernste, weit ausschauende Individualität unseres Monarchen, wenn er, von seiner Nordlandfahrt erzählend, es bekennend ausspricht: Einsam auf hoher See, auf der Schiffbrücke stehend, nur Gottes Sternenhimmel über sich, habe er Einkehr in sich selbst gehalten - und wenn er fortfährt: „Manchem von unseren Landsleuten möchte Ich wünschen, solche Stunden zu erleben, in denen der Mensch sich Rechnung ablegen kann über das, was er erstrebt und was er geleistet hat. Da kann man geheilt werden i-on Selbstüberschätzungen, und das thut uns Allen Noth." Welch' herrliches Geschlecht, das Geschlecht der Hohenzollern. welche Ahnen, welch' ein Vater, welch' ein Sohn! Und wenn Zwietracht zwischen Bürger und Bürger geschürt wird, wenn man in die Seelen der Heranwachsenden Jugend die Keime des Hasses streuen will, — da schirmt der kaiserliche Aar, unter dessen Fittichen sich die erhabensten Lebensideale — Gerechtigkeit, Duldsamkeit und Nächstenliebe — ausgestalten! Hochverehrter Herr Jubilar, hochverehrte Festversammlung, erheben Sie sich von Ihren Sitzen! Gott erhalte noch lange, lange Jahre unfern geliebten Kaiser und König Wilhelm II., den Förderer von Kunst und Wissenschaft, beit Schirmer des Reiches, den Wahrer des Friedens nach außen und nach innen - zum Segen und Gedeihen, zur Ehre und zum Ruhme des theuren Vaterlandes! Unser Kaiser, Er lebe hoch!" Mit lebhaftem Beifall wurden diese Worte ausgenommen und enthusiastisch stimmte die Versammlung in das Hoch ein, dem das Orchester die Melodie des „Heil Dir im Siegerkranz" folgen lieh. Der zweite Trinkspruch galt dem Jubilar- Herr William Wolfs brachte denselben aus und entwickelte in inhaltreicher und wohlgefügter Rede die Stellung, welche Professor Lewandowski in unausgesetzter, schaffenssreudiger Arbeit durch die musikalische Ausgestaltung des synagogalen Gottesdienstes errungen hat. In das Hoch auf den Jubilar stimmte die Festversammlung begeistert ein. Noch ein zweiter Redner sprach in glänzender Weise auf das Wohl Lewandowski's, Herr Dr. Levin, der in jahrelanger Wirksamkeit als Prediger der Nürnberger Gemeinde Gelegenheit hatte, die Verdienste kennen zu lernen, welche sich der Jubilar speziell um die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes in jener Stadt durch seine Psalmen-Kompositionen erworben hat. Erst vor wenig Tagen, so berichtet der Redner, fei er in Nürnberg gewesen, und zugleich im Aufträge der dortigen Gemeinde habe er dem Dank für die begeisternde Wirksamkeit jener Kompositionen Ausdruck zu geben, einen Dank, den er selbst tief empfinde. Herr Dr. G. M i n d e n brachte, unter Anknüpfung an die hohe Bedeutung des Familienlebens im Judenthum, in herzlichen Worten ein Hoch auf die Familie des Jubilars, dann wurde ein hübsches Chorlied von Julius Stettenheim gesungen und endlich brachte Herr Geheimrath Professor von Hofmann, ein langjähriger Freund Lewandowski's, in jener launigen Beredtsamkeit, die diesen verdienstvollen Gelehrten auszeichnet, ein Hoch auf die Frauen aus. — Als Professor