Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227984--49374-3270063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
624 lichcn Worten, zciczt auf Mängel und Fehler hin, — kurz, sie zeigt die innigste Theilnahme, die mehr wohl thut, nltz selbst reichliche Gaben. Dann werden die Kinder zu Schuster und Schneidergeschickt, um sich Maß nehmen zu lassen, nnd mit der Erwartung der baldigen Hilfe kehrt Trost und Hoffnung ein. Die fertig gestellten Sachen werden theils als umfangreiche Postpackete den Familien in die Wohnung gesandt, theils werden auch die Kinder zu den einzelnen Damen eingeladen, wo ihnen dort in decentester Weise das ihnen Zugedachte verabfolgt wird. Lauter Jubel herrscht in den Wohnungen der Armen, und diese Freude ist durch kein störendes Moment getrübt. Da ist den Armen jede Beschämung erspart, da mischt sich nicht der Neid ein, daß Andere reichlicher oderbesser beschenkt worden sind. Wahrlich, diese Feier in Hunderten ariner Familien ist erhebender, als jede noch so prahlerische Festlichkeit. Nun aber auch die Rückseite der Medaille, die nicht minder freundlich uns anblickt. Die Danien, welche in uneigennützigster Weise dieses Liebeswerkes sich angenommen haben, beginnen bereits während der Herbstfeiertage mit den Norbereitungen zu demselben. Die Aufrufe werden erlassen, man harrt des Erfolges. Da gehen von Bekannten nnd auch Unbekannten die Spenden ein. Jede der Damen hat ihren besonderen Kreis von Beisteuernden. Jede neue Sendung bringt neue Freude; es entsteht ein herrlicher Wettstreit im Wohlthun; alte Bekannte bringen sich wieder in Erinnerung, man freut sich der bewiesenen Anhänglichkeit. Aber »och größer ist die Freude, wenn später die Damen die nun »vohlgekleideten Kinder einzeln zu sich kommen lasten, den Erfolg ihrer monatelange» angestrengten Thätigteit überschauen, wenn sie sich sagen können, dieses oder jenes Kind habe ich durch Freundlichkeit oder Strenge zur Pünktlichkeit und Sauberkeit gebracht, jenen Eltern manche drückende Sorge um ihre Lieblinge abgenommen. Es ist schtver z» entscheiden, auf welcher Seite dann am Chanukah wohl die größere Freude ist, ob auf Seite der Empfangenden oder der Gebenden. Tausend Dank jenen edlen Frauen, die sich keine Mühe haben verdrießen lassen, nicht nur die nöthigen Mittel herbeizuschaffen, sonderit, was bei weitem mehr werth ist, sie fruchtbringend zu vertuenden, die rathend und helfend den Armen und Berlaffenen zur Seite standen, die der Kinder jener Armen mit mütterlicher Sorgfalt sich angenommen haben. Am meisten Dank aber gebührt jenem hochherzigen Ehepaare, das leitend und führend an der Spitze des Komitees steht, dem schwierigen Werke Einheit in die Mannigfaltigkeit zu bringen und leitende Prinzipien für das schwere Werk dieser eigenartigen Art von Wohlthätigkeit anfzustellen sich unterzogen und diese Aufgabe so schön gelöst haben — der Vorsitzenden Frau M. S. Meyer und ihrem Gatten, welche die Seele dieses ganzen Unternehmens bilden. Berlin, am Channkahfeste 1892. U Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! Herr Rabbiner Levy übersieht noch immer, daß es mir in erster Linie durchaus nicht auf die Beseitigung der Schnorrer ankommt, sondern, was ich will, ist Folgendes: 1. alle einheimischen Armen sollen in ihrem Wohnorte selbst, 2. alle Fremden sollen an dem Sitze des Centralkomitees unterstützt werden, und nicht erst nöthig haben, das Land nach allen Richtungen hin zu durchwandern. Wenn dann in Folge dieser Organisation die Wanderbettelei überhaupt, die, wie ich in einem folgenden Schreiben ziffernmäßig beweisen : werde, leider auch heute noch eine ausgedehnte ist, in Wegfall kommt, so wird hoffentlich auch Herr L. darüber nicht böse sein. Sulz (Ob.-Elf.), den 17. Dezember. Tr. M. Ginsburger. * Geehrter Herr! Ich habe mich bereits mehrfach sowohl in dieser Zeitung, als auch auf privatem Wege über die von Herrn Tr. Ginsburger. Rabbiner in Sulz (Ob.-Els.) in diesem Blatte vom 7. Oktober 1892 vorgeschlagene Verbesserung der jüdischen Armenpflege in Elsaß-Lothringen ausgesprochen, aber leider ohne den gewünschten Erfolg. Und doch bin ich der festen Ueberzeugung, daß eine derartige Einrichtung, wenn sie in! richtiger Art organisirt wird, mit einer Oberdirektion und verschiedenen Unterkomitees, zu Aller Zufriedenheit gereichen werde. Dazu kommt noch, daß dieselbe Niemand mehr kosten würde als bisher, und nicht nur für die Armen, sondern für alle Elsaß-Lothringer Juden von großem Nutzen sein würde. Wenn ich auch schon sehr lange von meiner Heimath! weg bin, so weiß ich doch, daß meine Landsleute sehr gern geben, wenn sie wissen, daß es gut angewendet ist. Ich glaube daher, daß es i nur an der richtigen Initiative fehlt, um die Sache in Fluß zu : bringen. Sehr gut würde es nach meiner Meinung sein, wenn sämmt-! liche Vorstände sich mit ihren Gemeinden dahin verständigten, Petitionen; au die einzelnen Konsistorien zu richten, damit diese die Sache erwägen und nach Thunlichkeit ausführen. Ich habe noch zu erwähnen, daß ich hauptsächlich die verschämten Armen im Auge habe und kleine Leute vor Verarmung zu schützen durch kleine Darlehendie sie in ganz geringen Abschlagszahlungen zurtickgeben können. Daß mein und Herrn Dr. Ginsburgers Vorschlag ein guter ist, davon habe ich mich schon längst überzeugt, denn ähnliche Einrichtungen bestehen in großen Städten schon seit vielen Jahren, und daß sie segensreich gewirkt haben und noch wirken, ist der beste Beweis in. Berlin selbst, wo ich seit deren Bestehen beitragendes Mitglied und seit vielen Jahren auch dabei thätig bin. Der Beweis für die Nothwendigkeit einer solchen Einrichtung geht auch ans dem zehnten Jahresbericht des israelitischen Hilfsvereins (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels) in Frankfurt a. M. hervor, der sehr! empsehlenswerth ist. Unsere Organisation könnte gerade so eingerichtet i werden wie in Berlin und Frankfurt a. M., nur mit denr Unterschiede, daß es in Elsaß-Lothringen statt wie in Berlin Bezirksabtheilungen, dort Gegendabtheilungen sein müßten. Zum Schluß will ich noch bemerken, daß ich es gern sehen würde, wenn noch andere Personen ihre Ansichten (am liebsten in dieser Zeitung) aussprechen wollten. Berlin, 19. Dezember. Marc Bloch. Geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir eine Bemerkung zu dem Artikel „Gott schütze uns j vor unfern Freunden" in Nr. 50 der „Allg. Zeitung des Judenthums". | Auf den eigentlichen Inhalt des Artikels will ich nicht eingehen. Ich halte dies für verlorene Mühe, weil ich der Ueberzeugung bin, daß nur eine längere Wirksamkeit der in dem Artikel besprochenen Gesellschaft für ethische Kultur richtige Urtheile über dieselbe Hervorrufen wird. Meine Absicht ist, einige Jrrthümer des Verfassers klarzulegen und die aus diesen Jrrthümern gezogenen Folgerungen in Betreff des Verbleibens jüdischer Mitglieder in der Gesellschaft für ethische Kultur zurückzuweisen. 1. Die erwähnten Reden und Schriften des Herrn Oberst v. Gyzicki und des Herrn Geh.-Rath Foerster sind nicht, wie der Verfasser annimmt, im Namen des Vereins gehalten und geschrieben. Die kundgegebenen Ansichten sind Prioatansichten und nicht die anerkannten Ansichten der Gesellschaft. (Siehe Mittheilungen aus der deutschen Gesellschaft für ethische Kultur Heft 1, Seite 35.) 2. Gar nmnche jüdische Mitglieder der Gesellschaft mögen die Meinungen der erwähnten Herren über jüdische Angelegenheiten für irrig halten. Jrrthümer aber, wenn die Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe der nach unserer Meinung Irrenden über jeden Zweifel erhaben ist, kann keinen Juden abhalten, mit diesen gemeinsam ethische Ziele zu verfolgen. I.. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.