Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Privatschulen werden mit Oeffeutlichkeitsrechten ausgestattet, aber als „Private" geführt. Für den hebräischen und den Religionsunterricht wurden einige Stunden im Schulplan eingeräumt. DieErhaltungskosten aber bleiben den betreffenden Gemeinden resp. der Alliance zur Deckung. Ueber die Vorgeschichte dieser Blenderung theilt mir mein Gewährsmann mit, daß die spagnolische Gemeinde an das Ministerium herangetreten sei, um sich von demselben einen Schulplan zu erbitten. Der ebenso gelehrte wie gewandte Schulreferent Dr. Schischmanow ließ sich diese Bitte nicht zweimal vortragen und entschied dieselbe zu Gunsten seines Landes. Die bulgarische Regierung verfährt wohl int Interesse des Landes wie der jüdischen Bevölkerung, ihr die bulgarische als Volkssprache vorzuschreiben: allein der Ausfall einer Weltsprache für unsere Kinder bedeutet doch einen großen Verlust und eineEinbuße in wissenschaftlischerBeziehung, andererseits aber auch in materieller, da der Abgang einer Weltsprache bei einem Volke welches auf beit Zwischenhandel angewiesen, das also der Pflug und der 'Ackerboden nicht an die engbegrenzte Heimath bindet, so viel bedeutet, als der Mangel eines geistigen Kommunikationsmittels. Deshalb kann die gegenwärtige, wenn auch wohlgemeinte Reorganisation der Allianceschulen als kein glückverheißender Griff in das Schicksal der Juden bezeichnet werden. Von der hohen Einsicht des gegenwärtigen Referenten im Unterrichtsministerium läßt sich voraussetzen, daß derselbe derlei erwünschte Aendernngen im Schulplane der jüdischen Lehreranstalten gewiß vorzunehmen sich bereit erklären wird, umsomehr als auch andere Rationalitäten und Korporationen, ihren cigenarligen Verhältnissen Rechnung tragend, Abrechnungen von der staatlichen Volksschule sich gestatten. Ob die Alliance Israclite universelle ihre Schulen fürderhin aufrecht halten wird, muß die Zeit lehren. — Da wir nun von der Alliance israelite sprechen, so kann ich n'cht umhin, auf einen wichtigen Umstand aufmerksam zu machen, welcher jener Körperschaft entgangen zu sein scheint. Tie Alliance Israeli Lo universelle nämlich hat seit einer Reihe von Jahren ihre Kultnrbestrebungen in Europa fast ausschließlich auf die Balkanhalbinsel verlegt, dort Schulen errichtet und mit großen Opfern erhalten. Nun aber kommt diese Opferwilligkeit fast ausschließlich den spagnolischen Gemeinden zu Gute. Wie sehr wir uns über dieses schöne Werk brüderlicher Liebe freuen, wie sehr wir es unfern spagnolischen Brüdern ohne Neid imb Scheelsucht gönnen, so können wir doch nicht umhin, die 'Alliance darauf hinzuweisen, daß auf der Balkanhalbinse! auch die Aschkenasim Genreinden bilden, daß diese Gemeinden, seit gar nicht langer Zeit aus armen Juden bestehen, die eher als alle Eingeborenen einer ausgiebigen Unterstützung bedürfen, daß deren Kinder ohne jede Erziehung oder unter falscher Erziehung aufwachsen. Ich erlaube mir, auf drei Gemeinden hinzuweisen - Belgrad, Sofia, Rustschuk. Ich appellire daher an die Alliance, dieselbe möge ihre Fittige auch über die 'Aschkenasim ausbreiten, sie sind ja auch ihre Brüder, und die Zahl der Mitglieder, welche an die Alliance Beiträge leisten, überwiegt um ein gar Bedeutendes die der Sphardim. Will aber die Alliance Israelite diese Aufgabe nicht über sich nehmen, so möge es die Wiener Alliance thun. — Aus Rustschuk wird ein unliebsamer Vorfall gemeldet. Wie bekannt, giebt es dort eine zahlreiche spagnolisch-jüdische und eine neu eingewandecte (aus Rumänien und Rußland) sog. deutschjüdische Gemeinde. Letztere verlangt in etwas unsanfter Weise unabhängig voll der spagnolischen Gemeinde zu sein, was zu tumultuarischen Szenen zwischen beiden Parteien führte, so daß der Uprawitel lKreisvorsteher.j sich genöthigt sah, die Aschkanas-Synagoge zu sperren lmd den Sachverhalt dein Ministerium in Sofia zu berichten. Das Ministerium trat seinerseits diese Angelegenheit an den Stellvertreter des Rabbiners zur 'Austragung ab. Die christlichell Behörden können es nicht begreifen, wie es unter Juden zu einem Schisma kommt. 'Allein wenn es sich wohl durchaus nicht mn ein Schisma handelt, so hat doch die Diaspora einen tiefen Riß in unsere Stammeceinheit gemacht, indem sie uns die gemeinsame Sprache genommen, sie hat selbst die Aussprache und das Lesen des Hebräischen derart verändert, daß es den Betenden schwer fällt, den Vorbeter zu verstehen, wenn derselbe nicht der gleichen Landsmannschaft angehört. 'Auch die Umgangssprache der Spagnolcn trägt das Ihrige bei, die freundschaftlichen 'Beziehungen zu einander zll erschweren. Ebenso ist die türkische Sangweise beim Gottesdienst für europäische Juden unerträglich und verwirrt eher, als daß sie erbaut 'Alle diese Eigenthürnteitell zusammeilgenommen, bilden ein Hinderniß gemeinschaftlicher religiöser Erbauung. Würde mall dieses von autoritativer Seite der > hohen bulgarischen Regierung ehrlich uub offen eingestehen, sie wurde! gewiß nicht zögern, den europäischen Juden Möglichkeit zu geben zur Konstituirnng von eigenen Gemeinden. Dieses lag aber nicht im Interesse der Sephardim. Da nun die spagnolische Gemeinde an die "Aschkenasim zil keiner wie immer gearteten Gegenleistung bisher sich herbeiließ, so erklärt sich die "Animosität der beiden Parteien und das Streben der letzteren, eigene Einrichtungen zu besitzen Im Interesse der Spagnolen rufen wir ihnen zu: Achai al tareu! Mögen sie die warmfühlende jüdische Seite ihres Herzens ben Aschkenasim zeigen, jeden unberechtigten Groll und jede Ueberhebung fahren lassen. Von Nah und Fern. — Am 4. Dezember feierte Herr Hermann Egers seine Silberhochzeit unter allgemeiner Theilnahme. Der Jubilar ist der Mitbegründer der vor etwa 25 Jahren ins Leben gerufenen Privatsynagoge, in bereu Weichbild sich eine der blühendsten Kleingemeinden gebildet hat, und derer erster Vorsitzender er seither ist. Sein Interesse bethätigt sick in der praktischen Förderung der ntit der Gemeinde verbundenen Reli gionsschule. Das Ehepaar — Frau Egers ist Vorsitzende des Louisen städtischen Frauenvereins — wurde durch Ovationen, die in kostbarer Adresserl, Allsprachen, Blumen- und allerlei Ehrenspenden zum Ausdruc! kamen, vielfach geehrt. Namentlich verdient das Ehrengeschenk erwähn! zu werden, womit die Beamten des Louisenstädtischen Brüdervereins ihren ersten Vorsteher ihre innige Verehrung bekunden wollten und das am einem mächtigen silbernen Kelch mit passender Inschrift bestand. — Dm fünfte Heft der „Regesten zur Geschichte der Juden in Deutsch lau d", welche Herr Dr. Julius Aron ins im Aufträge der „Historischer Kommission" herausgiebt, ist focben erschienen. — Jüngst verstarb ii Kaukehnellen bei Kaukehmen der Handelsmann Schmeer Kohn in den Alter von 110 Jahren. Seine Ehefrau, mit der er 80 Jahre zusanunei gelebt hat, ist noch ziemlich rüstig. — In Breslau hat sich ein „Bereu für jüdische Geschichte imb Litteratur" gebildet. — Die allgemeine Ver sammlung des Verbandes der Synagogengemeinden Ober schlesiens hat am 20. November in Gleiwitz stattgefunden. - Au Kön igshütte wird uns in Berichtigung einer Notiz unserer Nr. 48 mit getheilt, daß nicht Herr Albert Goldstein, sondern Herr Selmar Gold stein seine Silberhochzeit gefeiert hat. — Herr Dr. jur. Königswarte in Hannover, ein Verwandter der Wiener Familie Königswarter, i von dem König von Portugal zum Freiherrn ernannt und hat von de Kaiserlichen Negierung die Erlaubniß zur Führung des Titels erhaltei — Am Montag den 28. November sprach im „Verein für jüdische Gl schichte und Litteratur" in Marburg Herr Provinzialrabbiner D L. Munk, der erste Redner dieses Winterhalbjahres, über: Ackerbau un Handwerk unter ben Juden in Vergangenheit und Gegenwart. — Del Oberlehrer der israelitischen Realschule (Philanthropin) Herrn I. Blun in Frankfurt a. M. wurde gelegentlich seiner Versetzung in den Rust stand der Kronenorden 4. Klasse verliehen, welcher ihm durcheil. Deputation des Schulrathes überreicht wurde. — Nach einem Vortra. welchen Herr Dr. jur. I. Blau zu Frankfurt a. M. im freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben über die Beschränkung des Gemeind Wahlrechtes der israelitischen Gemeinde auf preußische Staatsangehöri hielt, wurde der Beschluß gefaßt, bei dem Vorstande der israelitisch; Gemeinde wegen Abänderung des betreffenden Paragraphen der Gemeind Statuten vorstellig zu werden. — Die Wiener - Zeitung brachte a i 29. November die Verleihung des Titels und Charakters eines k. ■ S ektionsra thes für den verdienstvollen Referenten im Handelsmir sterium Herrn Dr. Camill Kuranda. — Am 21. d. M. fand in d Volkshalle des neuen Rathhauses in Wien eine große Versammlung um Vertrauensmännern der deutsch-liberalen Partei in Niederösterreich sta - welche einen Organisationsentwurf annahm und an die Spitze der Par' i einen Ausschuß von sechzig Mitgliedern stellte, zu dessen Obmann "A geordneter Professor Dr. Eduard Sueß gewählt wurde. Die Vc sannnlung gestaltete sich auch zu einer imposanten Kundgebung gegen antisemitische Hetze. - Frau Nahida Remy hält am 17. Dezember n Prag einen Vortrag zum Besten des jüdischen Centralvereins. Druck und Verlag von Rudolf MoNe iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.