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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-25 · Heft 48 (25.11.1892) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 modernen deutschen Rabbiner, - und dazu gehört Feilchenfeld in j Posen gerade so gut, wie Maybaum in Berlin — in den größeren! Gemeinden unseres Vaterlandes auf das religiöse Leben erhaltend! und kräftigend, die Führer aneifernd, die Treuen ermuthigend und! die Verirrten wieder auf die rechte Bahn leitend. Was Wunder, I daß in all diesen Gemeinden der Religionsunterricht Gegenstand großer Sorgfalt ist, daß sich die ihm dienenden Veranstaltungen in musterhaftester Ordnung befinden, über ein gutes Lehrermaterial verfügen und sich Zahlreichen Zuspruchs erfreuen! Und dennoch, dennoch trotz der Beliebtheit und des in vielen Kreisen thatsächlich maßgebenden Einflusses des Rabbiners, trotz der > Opfer u d Mühewaltung der Gelneindeorgane, trotz der blühenden! Religionsschulen, die ihre Zöglinge nicht mit todteu Sätzen quälen, i sondern mit dem lebensvollen Inhalt der jüdischen Lehre, des jüdischen! Lebens und der jüdischen Vergangenheit zu erfüllen sich bestreben, trotz der mannigfachen Faktoren, die zur Hebung und Kräftigung des jüdischen Bewusstseins ins Leben getreten und von fyn:Domicienben Persönlichkeiten gestützt und gefördert werden, trotzdem und alledem wird in allen maßgebender: Kreisen über den religiösen Niedergang -- uub mit Recht — geklagt, wächst die Unwissenheit ins Grenzenlose und die Lauigkeit und der Indifferentismus greifen immer mehr um sich. Stehen wir hier nicht vor einem Räthsel? Müssen wir uns da nicht prüfend die Frage vorlegen: Welches ist da das zerstörende Elenrent, bn* alle Mühe, alle Opfer erfolglos nracht, das alle heilsamen Saaten im Keime vernichtet? Allerdings könnte und wird Mancher sich die Antwort hierauf leicht machen; er wird diese trübe Erscheinung dem Alles zersetzenben Materialismus unserer Zeit zuschreiben. der sich auch Israels bemächtigte und schouungslos an ihn: nage. Nun, dieser Erklärungsversuch hat wohl den Vorzug der Klarheit wahr aber ist er nicht. Wohl hat die tosende materialistische Brandung das Ihre zum religiösen Niedergang auch beigetragen, der wesentliche :u:d letzte Ermüd jedoch ist wo anders zu suchen. Ter Materialisn:us nämlich ist gleich einer jener bösen Krankheiten, die nur den jenigen Menschen befallen, der für sie disponirt ist, der in sich eine verwundbare Stelle trägt, wo sie ihr Gift verderbenbringend verspritzen können; ohne solch einer: verwundbaren Punkt aber ist dort die Krankheit, hier der Materialismus über den Menscher: machtlos. Wer immer ausgestattet ist mit tüchtiger Kenntniß seiner Religion, mit den: Bewußtsein seiner Vergangenheit und seiner Aufgabe, wer von Hause aus ist versehen worden mit dem lebendigen Inhalt seines Glaubens und nüt festen Grundsätzen, ist auch heute noch gegen > materialistische Geschosse unverwundbar, den: werden sie nur in den | seltensten Fällen seine Ideale vernichten. j Wir stehen also wiederum vor der obigen Frage: woher kommt es nun, daß :u:geachtet bn4 umfangreichen Vorsorge uub der opfervollen Thütigkeit aller Gutgesinnten an dem Rüstwerk, dennoch die Gleichgiltigkeit und Glaubenslosigkeit immer rnehr überhand nehmen? Darauf giebt es eben nur eine Antwort, und die lautet: Die Arbeit ist keine vollständige, keine einheitliche, sie betrifft nicht den ganzen jüdischen Organismus unseres Vaterlandes, sondern nur seine Hauptthei l e; die kleineren Glieder bleiben voller Blößen und Lücken und bieten Raun: genug für das Eindringen des Zersetzungs st of f e s , der sich bald über den ganzen Körper verbreitet. — Ohne Bild gesprochen. Tie größeren Gemeinden sorgen für sich und lassen die zahlreichen kleinen Gemeinden, von denen sie alljährlich so große Massen aufnehlnen, völlig außer Acht. Diese kleinen Gemeinden aber wissen zumeist nichts von der heilsamen Einwirkung des Rabbiners, wissen wenig von der ruhmreichen Vergangenheit und der hohen Mission unseres Volkes, besitzen fast nichts von den Veranstaltungen, die das religiöse Bewußtsein heben und kräftigen sollen, und das Traurigste von Allem ist die mangelhafte Beschaffenheit des Religionsunterrichts. Nur die wenigsten kleinen Gemeinden besitzen einen fachul:d sachgemäß gebildeten, thatkrüftigen und zielbewußten Religionslehrer; in den meisten Füllen steht er da, der Kultusbeamte, oder der Kantor, wie ruan ihn zu heißen beliebt, ohne Bildung, ohne Einfluß, ohne Ansehen, zitternd und bebend vor dem Rauschen und Räuspern eines jeden Gemeindemitgliedes. Man erblickt für gewöhnlich nur in ihm den proletarisirenden „Melamed", den Paria, der nur durch die Gnade des hochlöblichen Vorstandes zu dieser Würde berufen. Und, offen und ehrlich, gar viele dieser wenig beneidenswerthen Kategorie haben, Gott sei es geklagt, keinen anderen Maßstab verdient. Sporadisch sind nur die eigens auf diesen hohen Beruf Vorgebildeten; der größere Theil — besonders in den altpreußischen Provinzen — setzt sich zusammen aus gewesenen Choristen, ehemaligen Kürschnern und ausgedienten Erbsenhändlern. Ja, Seminaristen, Erbsenhündler, Choristen und Kürschner, diese bilden die edle Zunft der Kultusbeamten?) diese sind etwa 500 jüdischen Geuwinden religiöse Leiter, religiöse Lehrer und Vorbilder, und diese sollen dem Materialismus entgegenarbeiten; ,,dift'itile est saliram non seribere!" Zur Illustration dieser traurigen Sachlage seien hier nur diese Beispiele angeführt: 1. Auf Gutachten eines deutschen Landrabbiners hat die Regierung die in jenem Ländchen amtirenden Kantoren und Religionslehrer zur Alters- und Invaliditäts-Versicherung verpflichtet, und dadurch den Kultusbeamteu in Bezug auf seinen Bildungsgrad gesetzlich tief unter den Apotheker-Lehrling gestellt. 2. In Frankeustein i. Schl, wurde am letzten Roschhaschana- Abend der Kultusbeamte mit Gewalt vom Betpult entfernt und aus der Synagoge exmittirt. 8. Einem würdigen Kollegen gegenüber äußerte sich vor Kurzem ein benachbarter Pastor: er verstehe eigentlich die jüdischen rituellen Verhältnisse nicht recht. Cm katholischer Lehrer, meinte er, könnte, falls er zur evangelischen Kirche übergehe, mit Leichtigkeit prostantischer Lehrer werden, der jüdische Religionslehrer seines Sprengels jedoch dürfte seiner Bildung nach, bei einem event. liebertritt ftnrn: als Nachtwächter Verwendung finden. Diese Thatsachen führen eine sehr beredte Sprache; das sind bittere Wahrheiten, schlagende Kriterien unsrer Zustände und dürfen so mancher kleinen und großen Gemeinde zu denken geben; der kleinen, daß sie gänzlich zusammenschrumpfen und alles religiöse Leben einbüßen werde, wenn sie sich nicht aufraffe und dieser Mißwirthschaft ein Ende mache; und der großen, daß all' ihre Anstrengung und Fürsorge zur Erhaltung und Kräftigung des uns von den Vätern überkommenen Glaubensbestandes so lange an der Klippe der kleinen Gemeinde scheitern, so lange, als sie sich dieser nicht annehmen und für deren religiöse Institutionen mitsorgen, Mithelfer:, mitsteueru werde. Eine Reform an Haupt und Gliedern ist hier vonnöthen, und dabei sind Groß- und Kleingemeinde gleich interessirt. Und wie in der größeren Gemeinde Mitte unseres Jahrhunderts das Heil von den modern und sachlich gebildeten Rabbinen ausgegangen, so können auch die religiösen Verhältnisse der kleinen Gemeinde nur dann sich bessern, wenn überall gediegen vorgebildete, zielbewußte und für ihren Beruf begeisterte Kultusbeamte angestellt werden. Haben wir aber in genügender Anzahl derartig vorgebildete Beamten, und bieten die Gemeinden für solche Leistungen eine entsprechende Gegenleistung l) Vergl. hierzu Exod. 22, 7. nach der Uebersetzung von Targum und Raschi.

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