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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-11 · Heft 46 (11.11.1892) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 Ar. Gerson Mols. Von Dr. S. A. Weiß. Wien, den 00. Oktober. Wir hoben den Verlust eines um die Wissenschaft und das Schulwesen hochverdienten Mannes zu beklagen: Dr. Gerson Wolf ist uns gestern Vormittag im Alter von nicht ganz 70 Jahren durch den Tod entrissen worden. Schmerzlich bewegt stehen wir an der Bahre des bekannten österreichischen Geschichtsforschers und Inspektors für den israelitischen Religionsunterricht an de» Wiener Schulen, denn in ihm verliert die Gemeinde einen pflichteifrigen Beamten, die Jugend einen allgemein verehrten Lehrer, die Wissenschaft eine ihrer schönsten Zierden und Schreiber dieser Zeilen, der das Wort im Namen seiner Kollegen z» ergreifen wohl berechtigt sein dürfte, einen humane» Vorgesetzten, einen treuen Berather und edlen Freund. Kaum vierzehn Tage sind ins Land gegangen, das; Gerson Wolf sein vierzigjähriges Dicnstjubiläum feierte, bei welcher Gelegenheit ihm von allen Seiten die aufrichtigsten Glückwünsche dargebracht wurden, in der Erwartung, das; es dem greisen Manne noch lange vergönnt sein werde, im Vollgenusse seiner geistigen Kräfte und bei körperlicher Regsanikeit in unserer Mitte zu weilen. Es hat nicht sollen sein. Gestern wurde er aus der Reihe der Lebenden in ein besseres Jenseits abberufen, und die erwähnte Feier erscheint uns jetzt wie das stille Abendroth ani Ende eines schönen langen, gesegneten Tages, welches den gebleichten Scheitel des nunmehr Verschiedene», bevor er hinabsank in die Gruft, noch einmal verklären sollte mit seinem milden Scheine. Nun ist er uns entrissen für ewig und immerdar, und was uns bleibt, das ist die treue Erinnerung, das pietätvolle Gedenken dessen, was Gerson Wolf auf Erden gewesen, was er gewirkt und geschaffen zum Heile des Judenthums, zu Nutz der Jugend und zur Förderung der Geschichtswissenschaft. Tr. Gerson Wolf ist im Jahre 1820 in Holleschau iu Mähren geboren und kain im Alter von 10 Jahren nach Wien, um daselbst, da er Rabbiner und Prediger werden sollte, den philosophischen Studien an der Universität obzuliegen. An dem sel. Mannheimer, dem damals ersten jüdischen Kanzelredner, fand er einen äußerst ivohlwollenden Gönner und Förderer seiner Bestrebungen, so das; er durch ihn bald Gelegenheit hatte, in den ersten Kreisen der Wiener jüdischen Gesellschaft ausgenommen zu werden und zu verkehren. Von hier aus machte er sich auch schon Mitte und Ende der Vierziger Jahre durch seine publizistische Wirksanrkeit bekannt, denn bereits frühzeitig erwachte in ihm der Drang nach schriftstellerischer Bethätiguug im Dienste der Oeffentlichkeit. Jur Jahre 1849 war er Mitarbeiter der „Oesterreichischen Zeitung", und als im Herbste desselben Jahres nach den Mürzstürnien des voraufgegangenen Freiheitskampfes die nachmaligen Bürgerminister Berger und Giskra „Die Zeit" begründeten, lieferte er ebenfalls für dieselbe Artikel. Nicht lange darauf widmete er sich dem Lehrfache, neben dem er aber bis zu seinem gestern erfolgten Tode immer auch seinem Berufe als Berichterstatter, Schriftsteller und Gelehrter treu blieb. Wenn von irgend Jemand, so gilt von ihm das Wort, er ist mit der Feder in der Hand gestorben. Roch in den letzten Tagen schickte er aus seiner Arbeitsstube Artikel, Aufsätze und kleinere wissenschaftliche Notizen an verschiedene Blätter. Die schriftstellerische Ernte seines Lebens ist daher auch eine überaus reiche, und man muß zugleich sagen, eine ungemein ausgiebige: ihre Früchte sind der zeitgenössischen Forschung schon zu Gute gekommen und werden ihr noch manchen werthvollen Dienst leiste!;. Die Werke, die Gerson Wolf geschaffen, die kleineren Schriften und Aufsätze, die er veröffentlicht, füllen mehrere umfangreiche Bände, und ist es schwer, unmittelbar nach der Katastrophe, hier eine verdiente Würdigung derselben zu geben. Eine solche behalten wir uns für eine ander, Gelegenheit vor. Kurz sei hier nur erwähnt, daß sich Wolf ale Historiograph einen geachteten Namen erworben nnd das jüdisch, Schriftthum mit gediegenen, besonders die Geschichte der Juden i» Oesterreich behandelnden Werken bereichert hat. Am höchsten in dieser Beziehung steht wohl seine „Geschichte der Juden in Wien". In dieser trefflichen Schrift ist eine Fülle neuen historischen Quellenmaterials verarbeitet, sic bietet eine Menge anregender und interessanter Daten, so daß in ihrer Art ihr wohl nur wenige Ec schichtslverke an die Seite gestellt werden können. In diesem Sima wären noch zu nennen, gleich gediegen und werthvoll: „Zur Ge schichte der Juden in Worms", „Zur Geschichte der Juden in Triest, Görz und Gradiska", „Jsak Noe Mannheimer", „Die Inden in de, Leopoldstadt", Judentaufen in Oesterreich", „Die Vertreibung de, Juden aus Böhmen im Jahre 1744" u. s. w. Als speziell öfter reichischer Historiker hat sich Wolf ebenfalls einen geachteten Namen gemacht: neben Arneth, Krones, Zeißbcrg, Huber, Büdingcr u. s. w nimmt er einen ehrenvollen Platz ein. Gerson Wolf hat als Lehrer ganze Generationen herangebildcl er hat in sie, wie man das hier allenthalben hören kann, die Keim, des Guten gelegt, deswegen bewahren ihm auch seine nach Tausenden zählenden Schüler ein dankbares Angedenken. Das kann ja nicht anders sein bei einem Manne, der zeitlebens auch als Lehrer, darauf bedacht war, sich tveiter zu bilden nnd inckn dort stehen zu bleiben, wo er nach Abschluß seiner Studien au gelangt war; mehr als irgend ein Anderer niuß sich der Lehre, einen freien Blick zu erwerben verstehen, und den hatte Wolf in Folge seiner steten Beschäftigung mit der Wissenschaft. Als Inspektor für den israelitischen Religionsunterricht wußt, sich der Verstorbene gleichfalls dauernde Verdienste zu erwerben, denn von ihn; aus nahm die Reorganisation dieser früher im Argen liegenden Diszipliir ihren Ausgang und Anfang, sv daß heute diesen! Gegenstände und seinen Lehrern an allen Anstaltei; die nöthia, Achtling und Vorurtheilslosigkeit entgegen gebracht wird. Wenn ich noch über den Menschen Wolf einige Worte anfüg,, so geschieht dies, weil das Menschliche in ihm eine der anziehelidstc» Seiten seiner Persönlichkeit bildete. Seine edlen Herzenseigenschaftcn, seine Begeisterung für das Wahre, Gute ui;d Schöne, seine wer! thätige Bereitwilligkeit zu helfen, erwarben ihm die Zuneigmi; Aller, die mit ihm zu verkehren Gelegenheit hatten. Er hat stete das Beste gewollt und das Gute gethan, er bot Jedermann gern seine Mithilfe dar, der ihrer bedurfte, und er konnte noch ver einigen Tagen aufrichtigen Herzens bekennen: er habe Niem an) mit Bewußtsein geschadet. So war Wolf: ein goldener und lautern Charakter. In ihn; haben sich Adel der Gesinnung nnd wissen schaftliche Begabung zu einem schönen Bunde bereinigt. Au' cininui ciindidn, retjiiicseus in pacc! Hilf Air selbst. Ein amerikanischer Brief an europäische Kollegen. Von Dr. G. Deutsch, Professor an, Hebrew Union College i» Cineinati. Vor einiger Zeit sah ich in einem geachteten österreichisch, a Blatte einen Artikel aus der Feder eines sehr befreundeten Kollegen. So etwas berührt uns immer wie die Erscheinung der Taube, dl, über das große Wasser geflogen kommt und an das Fenster der Arckc pickt. Ich strecke meine Hand aus und hole den Vogel, um ihn in

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