Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1892)
- Date
- 1892-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Begründet von Nablrrner Dr Ludwig PHUIppson-Konn. verlags-CrpeLition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Unsere Todten. — Der Erlaß des bessisäieil Staatsninisteriiuns gegen den Antlsemitislims. — Tie jüdischetl Studenten. Bon di\ Friedeberg. — Zur Geschichte der jüdischen Melodien. I. IIo) nidre. Bon Vcopolb Kat;. II. Die Melodie des ^Ite'i'tah-Kaddisch. Von Tr. M. Silberstein. - Aus S. I. Halberstams Handschriften. Von Dr. B. Zimmels. — Heines letzter Brief. Bon G. K. — Feuilleton: Das Goldstück der Äiutter. Bon Julius rodenberg. (Schluß). — Der Schulklopfer. — Litterarische Mittheiluriaen. Sprechsaal. — Miscellen. Der Gemeindcbote. Kkorrespondenzeu und Nachrichten: Berlin, '^raudenz, Posen, Königsbütte O.-D., Mergentheim. Frankfurt a. M., Stuttgart, it>ien, Prag. Paris, Petersburg. Odessa. — Von Nah und Fern. Unsere Todten. Berlin. 30. Oktober. Der Tob hält reiche Ernte in unsere» Kreisen; abermals hat r zwei der tüchtigsten Vertreter unseres Rabbinerstandes lind zwei der hervorragendsten Vertreter unseres Laienstandes hinweggerafft: Dr. r. Wassermann in Stuttgart und Dr. Kämpf in Prag. Dr. r'öwenherz in Berlin und Dr. Wolf in Wien. Sprechen wir zuerst i oit den Rabbinern. Beide Männer haben über ein halbes Jahrhundert im Dienste des Jndenthnms gestanden. Beide waren Zierden :.nc§ Standes, ihrer Glanbensgenossenschaft, Beide gehörten zu jenen .Ränucrn der jüdischen Renaissance, die etwa seit den dreißiger Jahren i icses Jahrhunderts eine Neubelebung des jüdischen Geistes anbahnten : »b dnrchführten. Ist das Hinschciden solcher Männer an und für ich ein großer Verlust, so wird die Trauer noch vermehrt, wenn mm immer und immer wieder daran denken muß, daß dieser Ver-! >st ein »ncrsetztichcr ist. Mit jedem einzelnen Vertreter dieser jüdischen cnaissance geht ein Stück Geschichte dahin, wird ein Platz leer, der tente kaum ausgefüllt werde» kann. Moses Wassermann war ein Württemberger von Geburt. Er! ieb sein ganzes Leben lang in seinem Vatcrlande. Die Hauptarbeit rines Lebens galt der praktischen Seite des Rabbinerbernfs. In dieser und für diese hat er unermüdlich gekämpft, gearbeitet und e rungcn. Aber auch an allen Fragen der Zeit nahm er lebhaften iulheil. Die Reform des Judenthums hatte in ihm einen der würi gsten Vertreter; daneben benutzte er seine Muße, »m in belletristischen Schöpfungen das Judenthum zu verherrlichen. Seine Arbeit fand! 'he Anerkennung. Er wurde zum Kirchenrath ernannt und hat als ' icher für die Juden Württembergs Hervorragendes geleistet. Saul Isaak Kämpf war ein geborener Preuße, der über 40 Jahre i:: Prag als Prediger und Professor gewirkt hat. Das ist eine Biographie, die viel zu denken giebt. Nach zwei Richtungen hat Kämpf Außerordentliches gewirkt: als Prediger, wie als Gelehrter. Ein Cchüler von Geseiüus in Halle, hat er sein ganzes Leben lang auf > rschicdenen Gebieten der semitischen Philologie und der jüdischen Literaturgeschichte Bedeutendes geschaffen; daneben hat auch er, wie '-Wassermann, als Dichter die Gestalten unserer Vorzeit neu anfleben lassen. Ueber 30 Jahre waltete er seines Amtes als Professor der orientalischen Sprachen an der Universität, an der heute ein August Rohling dasselbe Fach lehrt. Aber noch wichtiger ist für uns seine Bedeutung als Prediger. Ter israelitische Tempel in Prag ist für die Geschichte der Reform im Judenthum überhaupt von hoher Bedeutung. Als Nachfolger! von Sachs, durch welchen er in Prag eingeführt wurde, hatte Kämpf! einen schweren Stand. Aber er hat es wohl verstanden, durch seine! große Begabung, durch die Macht seines Wortes und die Fülle seines j Wissens eine angesehene Stellung zu erringen. Kämpf war einer s unserer besten Prediger. Seine Reden waren volksthümlich, gediegen, j schwungvoll und hinreißend, aber immer würdig und ernst, immer von der lautersten Menschenliebe und von der tiefsten Begeistcrung; für das Judenthum durchdrungen.! Aber über ihre persönliche und litterarische Bedeutung hinaus i hatten diese beiden Todten der letzten Woche noch ein großes Verdienst, j welches gerade in dieser Zeit anerkannt und gewürdigt zu werden verdient. Sie haben die soziale Stellung des Rabbiner-! standes wesentlich gehoben. j Wassermann war der erste geadelte Rabbiner und Kämpf der Erste, der Uinversitätsprofeffor ivurde und de» Titel Regierungsrath er-; hielt. Man mißverstehe uns ja nicht; denn nicht der Adel und nicht i der Titel sind es, die uns imponiren, wohl aber die Thaisache, daß j zwei Rabbiner in dieser Uebergaugszcit eine solche Position überhaupt erlangen konnten, nicht obwohl, sondern weil sie Rabbiner waren, das erscheint uns allerdings von hoher Bedeutung. Man kann ja j Ober-Kirchenrath sein, auch ohne den Adel zu haben, man kann j 30 Jahre und darüber als Professor wirken, ohne Regierungsrath! zu werden. Aber gerade die Thätigkeit, welche die beiden edlen Männer, deren Andenken für alle Zeit ein gesegnetes bleiben wird, im Dienste des Jndenthnms ausübten, hat ihnen diese Anerkennung ihrer Monarchen erwirkt. Und das ist ein hohes Verdienst, welches wir heute um so bereitwilliger anerkenne», je eifriger von verschiedenen Seiten Versuche gemacht werden, um die soziale Stellung unserer Rabbiner herabzudrücken, anstatt sie zu festigen und zu heben. Und die soziale Stellung des Jndenthnms haben auch die beiden anderen Todten dieser Woche gehoben. Leopold Löweuherz war einer der tüchtigsten Gelehrten in seinem Fache; er hat eine der angesehensten Stellungen im Staatsdienst bekleidet. Von ihm sagt heute ein Helmholtz: „Der Anstalt gehörte er seit deren Begründung als Direktor der technischen Abtheilung an und hat derselbe» durch seine rastlose Energie, seine ausgebreitete Sachkenntniß, seine Treue und Hingabe für ihre Ziele, sowohl für ihre Organisation wie für ihre weitere Wirksamkeit höchst anerkeimcnswcrthe Dienste geleistet. Der Verlust, der das Institut durch seinen Tod gerade in der Zeit hoff-