Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-10-28 · Heft 44 (28.10.1892) · p. Seite 519

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 44 (28.10.1892)
Date
1892-10-28
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227976--49229-3269910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

510 enstc in bc ttsgröße b.v ert ununtei Man soll« lderung uni viele», meifi hängen, mul : Zeitperiod t, ober m ar ein Dolle Neuerungen! Voraus bei in Rußla»! e Strom bei sich bring! Gegenwan nnß, lautcl i Umständci Bevölkert!»; wir in bei! l kürzlich ii ir. Noch in (Landrätbe nfugs" vm ndstücke n m Besitze;> nun in ien Gerichici gutwillig il)t benachbariei inb, währe»! h von Hai emnach nn tassenproze er über di »tthalter d« Provinz ne ielsherrsch->! .... Jtc lt so grone :en und ibbezirken oe selbe in aller teil Beanuci cht benseli'ki lönen Di»;! Den bescheibenen Vorschuß im Betrage von 50 bis 00 Rubel könnte »an sehr wohl ber Gemeinbekasse entnehmen, als Lokal bürste eine eliebige Bauernhütte ausreichen, ben Verkäufer würbe sich ber „Mir“ oie Gemeinbeversammlung), unter gebührender Berücksichtigung ber ichördlichen Rathschläge, selbst wählen, während bie Oberaufsicht - ber bie Geschäftsleitung ber Ortspolizei zu übertragen wäre." Interessant ist nun vor Allem bie vom Gouverneur selbst kon- , »tirte Thatsache ber völligen Erlosch»ng besHanbels nnb bcs Gewerbebetriebs in ben von ben Juben gesäuberten Dörfern. Obschon bas offizielle Dokument bie Feststellung ber unebsamen Thatsache durch bas Wörtchen „angeblich" einzuschränken sucht, > kann sie doch nicht dem minbesten Zweifel unterliegen, sonst würbe ne oberste Regierungsbehörde der Provinz sicherlich nicht zu solch' aben- : »erlichen Mitteln zur Abhilfe des Mißstandes, wie die im Cirkular ees Gouverneurs in Vorschlag gebrachten, ihre Zuflucht nehmen.!er Handel pur ordre und auf Rechnung der Gemeinde betrieben, roiit Jsprawnik dekretirt und von der Polizei beaufsichtigt —: das ist loch zum Minbesten eine im höchsten Grabe originelle Erscheinung! . u ben Rahmen ber modernen Kultur bürste sie nicht einmal mit » r Knute hineinzupeitschen sein, und selbst für das zarische Halbasien »uß sie als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet werden, weil doch auch »ort die nöthige Voraussetzung — der patriarchale Feudalismus — icht mehr existirt. Und wie sehr alle Versuche zur Wiederaufrichtnng jselben kläglich scheitern müssen, beweist am besten die im vergangen Winter nicht weniger als 25 Mal bekretirle Zollabsperrnng; vischen den einzelnen Provinzen, welche aber noch keine 48 Stunden ifrecht erhalten werben konnte. Auch hat man es bereits wiederholt nb vergebens mit ber Antorisirung der Ortspolizei zur Schlichtung 0» Civilstreiligkeiten auf den ländlichen Marktplätzen versucht, und i e jetzt in Aussicht geuommenen fiskalen Läden in den Dörfer» erden keinen besseren Erfolg haben. Eine derart willkürliche Belo'rmunbnng ber sozialen Verrichtungen des Volkslebens ist mit dem ' ganischen Inhalt desselben schlechterdings tinvereinbar und sie muß '»her nothtvendig ihren Zweck verfehlen. Nicht ans diesem Wege sind die klaffenben Lücken auszusüllen, i eiche bas herrschende Shstem ber Rechtlosigkeit und ber Unterdrückung Mb hier, bald dort entstehen läßt. Ein Gemeindeladen, ber dem! fehl von oben seine Entstehung verdankt, wird gar bald aufhören, i solcher zu sein; hinter dem Rücken des mysteriösen „Mir“ wird bald ein höchst resoluter Jemand erscheinen, der, von dem bequemen Dishängeschild gedeckt, nach besten Kräften bestrebt sein wird, Nutzen »e seine eigene Tasche zu ziehen. Ein Anderes ist es freilich, wenn der Handel von Gemeinbewegen '.'ö Folge der bewußten Initiative der Bauern auf der Bildflüche r: öffeutlicheu Lebens erscheinen würde, vielleicht daß er dann auch i c Zukunft hätte, jedenfalls keine besonders glänzende, indem die!wße Mehrzahl der Dorfgemeinben in einer unsäglich kläglichen 5 rfassung sich befinden. Man wird einwenden, es sei keineswegs durchaus geboten, zu cher Ungeheuerlichkeit zu greifen, um die soziale Funktion der vom Jndci! chen Land vertriebenen Inden mit Erfolg ersetzen zu können, für di Dir wollen dies zügelten und das Günstigste voraussetzen, daß nämlich >abe, n! der großen Mehrzahl der Fälle die Stelle des jüdischen Händlers iss Vä Grieche, ein Czeche, ein Pole oder selbst Nationalrusse einnehmen »ui i' vb, die dann fortfahren würden, nach genau denselben Prinzipien stand;i;»ü mit demselben Maß von kaufmännischer Gewissenhaftigkeit den StettK!» Diner mit den nöthigen Provisionen lind Gerüchen zu versorgen. HemMD-r da glauben möchte, durch den so vollzogenen Wechsel der - ifott, des Namens und der Konfession würden der chronisch wichüM »tigernde Bauer ober die Dorfgemeinde etwas gewinnen, dem ist bringenb bas genaue Studium des erst kürzlich erschienenen Jahresberichtes der Zemstwo (Landeskammer) im Gouvernement Samara zu empfehlen, lvo kein Jude jemals ansässig war. Er wird sich leicht überzeugen können, daß der großrussische Kulak (Dorfwncherer) sich ganz vortrefflich auf das Geschäft des Ausbeuiens versteht, und er wird einsehen lernen, daß die wirthschaftliche Abhängigkeit der großen Masse der ländlichen Bevölkernng von einer verschwindend kleinen Minorität gerade im Osten des Reiches am stärksten ist. In Folge der neueren Untersuchungen, welche der Nothstand vom vorigen Winter hervorgerufen, oder besser gesagt, welche dank der Heimsuchung die gebührende Beachtung von Seiten des Pnbliknms gefunden haben, ist es jetzt mehr als je zuvor klar geworben, baß bie gleichen Lebensbebingungen und geschichtlichen Faktoren in allen Theilen des Reiches zn denselben unbefriebigenben Ergebnissen führen, ganz unabhängig von der Stammesbeschaffenheit und dem kirchlichen Bekenntniß der Bevölkerung. Die große Vcrschtilbnng des Bauers ist eine direkte Folge einer geistigen Zurückgebliebenheit, der wirthschastlichen Urwüchsigkeit und der geschäftlichen Unbeholfenheit.an welchen die Juden wahrlich keine Schuld tragen und die im südwestlichen Gebiet, wo den Juden die Ansässigkeit gestattet ist, um kein Haar größer sind, als in den centralen und in den nordöstlichen Provinzen. U itntt XXL Die Kobolde des Setzerkastens treiben ihren Ulk denn doch zu weit. Machen sic doch in dem XIX. der „Wiener Briefe" aus „Reaktion" kurzweg „Regierung"! Sie mögen vielleicht ihre Ursache dafür haben, ich für mein bescheiden Theil muß aber konstatiren, daß der betreffendc Passus Ihatsächlich lautete: „Man predigt den Fortschritt und liebäugelt mit der „Reaktion". In wie weit zwischen Reaktion und Regierung eine begriffliche Verwandtschaft besteht, ist zu erörtern nicht Aufgabe dieser „Wiener Briefe". Der Schalkhaftigkeit der Setzerkastenkobolde wird es nicht gelingen, mich auf ein anderes als das von der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" mir zugewiescne Terrain drängen zu lassen. Bleiben wir also dabei: „Mau predigt den Fortschritt und liebäugelt mit der Reaktion." Wohl gefällt man sich darin, auf den nackten Leib der Reaktion den Mantel des Konservatismus zu werfen; man täuscht aber damit keineswegs diejenigen, welche Augen haben, um zn sehen. Wie weit ab liegt der Konservatismus von der Reaktion! Ersterer hat die Erhaltung des Bestehenden zum Ziele, diese will hintertings liegende, längst abgethane Verhältnisse, Einrichtungen und Bräuche wieder in den Vordergrund bringen, oder prägnanter ansgedrückt: sie möchte die Arbeit, welche den Schweiß der Edlen gekostet hat und mit schwerer Mühe und hartem Kampfe verrichtet wurde, vernichten und spurlos verwischen. Man kann es verstehen, wenn in den für uns gekommenen trüben und traurigen Tagen es nicht für zeitgemäß angesehen wird, durch reformatorische Bestrebungen einen Zwiespalt der Meinungen Herborzurufen, der in persönliche Dissonanzen excediren könnte; muß mau sich aber nicht dasselbe vor Augen halten, wenn man das Streben zeigt, alten Schutt, todtes Gerölle herbeizuschaffen, um geebnete Straßen, plane Wege zu verschütten und schwer gangbare, holprige zu schaffen? Wehe, wenn ein solches Beginnen ohne Widerspruch bliebe! Keine Periode unserer Mürtyrergeschichte hat uns aber wie die gegenwärtige so unverrückt darauf hingewiesen, im Jitnern unserer Gemeinschaft das Beispiel festgekitteten Zusammenhaltes zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.