Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1892)
- Date
- 1892-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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6. Jahrgang. Nr. 42. Allgemeine Berlin» 14. Oktober 1892. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. THeilung ericheint wöchentlich. Abonnemente l'rcio: Turch Buchhandel, iioit oder direkt von der Erpedition in Berlin unter Streifbanb be;ogcn viertcllährl. 3 M. 9lctactcu r: Gustav KarpeleS. Begründet von Nabbrner Ludwig PlhilipPson-Lonn. Verlags-Expedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition und an dieAdrette- Verlag der .Allgem. Zeititug des Zudenthums", Berlin SW., Jeruialemer Straße 4S/4M :u richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. *ül)Ctlt» Leitartikel: Ter Antlk'mttismus in Frankreich. — Zur Kolnmlms- :er. Bon Tr. B. Rippner. - Briete au?' Kurland. II Von Amithi. — Ein 1 ataaoöiicber Versuch. Ben R. H. Tu' Satire und die Stellung des Judeni IIMS zu ihr. Bvn Tr Sieainund Fehler. — Feuilleton: Tas Goldstück er Mutter. Bort Fnttlis Rodenberg. lFortietzungi. Aus der Lubtiner i hidengane. Bett 21 l h e v : Kap. — Literarische Miltheilungen. — Sprechsaal. | Der ®emcin't>ct>otc. Korrespondenien und Nachrichten: Berlin, Mberg. Leipzig Köln. Ai im chm» Wien. Gablonz, Budapest. Paris, London. Sofia. JiarDtfc. New-Pork. Von Nah und Fern. — Miseetten. — Briefkasten. j Der Flntilemitismus in Frankreich. Berlin» 11. Oktober. Unter all' den merkwürdigen Erscheinungen unserer Zeit ist das chiftanchen des ''Antisemitismus in Frankreich eine der seltsamsten Mit) wohl auch betrübendsten, gerade weil man ihn dort am wenigsten nvartet hatte. Darf man den Versicherungen objektiver Beurtheiler Uanben. io wäre biete Stimmung allerdings nur eine vorüber-;chende. Eine solche Stimme vernehmen wir in diesem Augenblick ms Frankreich. „Ter Antisemitismus, eine krankhafte Erscheinung des Sozialismus. wird nicht von Tauer sein" — das sind die letzten Worte einer Tchrift welche oer französische Publizist Mermeix, der bekannte Veriasser der „Coulissen des Boulangismus", unter dem Titel: „Le Antisemiten t*n France“ soeben hat erscheinen lassen. Dieselbe enthält sehr interessante Aufschlüsse über die Beziehungen der Boulangisten den Antisemiten. Im ersten Abschnitt bespricht Mermeix die „allgemeinen Be- ' iänverden gegen die Juden", wobei er bestreitet» daß religiöser oder > Dassen-Fanatismus daran ernstlich betheiligt sind. Hier und da könnte höchstens die taktlose Einmijcyung einzelner Juden in ausschließlich ckristliche Fragen verstimmt haben. Mermeix unterläßt es freilich;u sagen, daß die von ihm gemeinten Herren ostentativ sich vom Vrdenlhum losgesagt haben. Größere Wirkung als alle religiösen , Argumente übe hingegen bei den Massen der chauvinistische Vorwurf, hie große Mehrheit d>w Juden, die heute in der Verwaltung, im Aichterstande, im Heere, nn Parlament hervorragende Stellungen nnnehmen. wären deutscher Herkunft, und sie selbst oder doch ilm Eltern, zum allermindesten ihre Großeltern deutsche Nnterthanen gewesen, Wo ein starker und heftiger Groll gegen die zuden zu Tage tritt, da dürfe man, meint Mermeix, nicht sowohl allgemeine als persönliche Grunde suchen. Dem Antisemitismus, den man noch vor 15 Jahren in Frankreich nicht kannte, giebt der ehemalige Freund Boulangers zwei Duellen: Tie Katastrophe der „Union generale" und die Katastrophe des Boulangismus. Mermeix erzählt auch die Geschichte der Bontour'jchen Gründung, die einen doppelten Charakter hatte: einen finanziellen und einen streng katholischen. Als das Institut zu Falle kam, da wurde behauptet, die Regierung hätte es geschehen lassen, um den großen jüdischen Bankhäusern, von denen sie wiederum Dienste erwartete, angenehm zu sein. Daraus entwickelte sich eine Legende, die unter den zahlreichen kleinen Rentiers, deren Ersparnisse in dem Krach von 1882 verschlungen wurden, den Judenhaß anfachte. Ihn zu schüren, schien aber der Geistlichkeit» die ebenfalls viel Geld eingebüßt hatte, zweckmäßig; dennoch hätte Drumont mit seinen Publikationen nicht den Erfolg gehabt, dessen er sich rühnlen darf, wenn der Boulangismus ihm nich zu Hilfe gekommen wäre Ter Boulangismus stand zuerst der Judenfrage gleichgiltig gegenüber; als aber Eugene Mager sich aus dem Nationalkomitee mit seiner „Lanterne" zurückzog und Josef Reinach in der „Republigue fran^aise" einen erbitterten Kampf gegen den General führte, da regte sich der Antisemitismus, von dem Boulanger selbst noch nichts wissen wollte. Bei den Abgeordnetenwablen suchte Baron v. Billing, ein früherer Diplomat, der Schulkamerad eines Rothschild, auf den besondern Wunsch Boulangers den Baron Alphons dafür zu interessiren» daß die algerischen Juden bei den allgemeinen Wahlen für die boulangistische Liste an deren Spitze der Name Billings stand, stimmen sollten. Allein gerade in jenem Augenblick zogen einige Boulangisten schon so unbändig gegen die Juden los» daß das Haus Rothschild sich für die Wahl von Anhängern des Generals nicht emsetzten wollte und es den algerischen Juden überließ, nach Belieben zu stimmen. So lange Boulanger noch etwas zu sagen hatte» hielten sich seine Anhänger zurück, aber in dem Maße, da er sich isolirte, trat Rochefort in den Vordergrund, und mit ihm machte Cassagnac in der „Autoritsi" Chorus. Das Erscheinen der „Libre Parole" spornte den Eifer der beiden Pamphletisten noch mehr an. Rochefort oder vielmehr sein „Jntransigeant" unterstützt Drumont bei dein Volke der Arbeiterviertel und Vorstädte und ist überdies das Organ von mehr als 200 Volks- Komitees, d. i. ehemaligen Boulangisten-Vereinen denen es wohlthut, noch ein Blatt zu haben» das ihre Beschlüsse veröffentlicht und zugleich mit diesen ihre Bannflüche gegen das „Judengold", das ne. wie sie glauben, ins Verderben gestürzt hat. Das Schlußkapitel der Schrift von Mermeir beschäftigt sich mit der doppelten Gefahr, welche der Sozialismus in Frankreich läuft, einerseits durch den Anarchismus und andererseits durch den Antisemitismus. Mit den oben citirten Worten, daß der Antisemitismus eine krankhafte Erscheinung des Sozialismus sei und nickt von Dauer sein werde, schließt Mermeix seine interessanten Ausführungen, die seltsame Schlaglichter auf den Antisemitismus in der Frankreich werfen, sich von dem deutschen doch wesentlich unterscheidet und hoffentlich bald sein Ende finden wird.