Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1892)
- Date
- 1892-10-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 r i landrschen Juden. Nunmehr müssen alle ausländische Juden ohne jegliche Rücksicht Rußland verlassen, nur den Söhnen, welche die öffentlichen Lehranstalten besuchen, wird das Recht verliehen, bis zur Absolvirung im Lande zu bleiben, um alsdann dem Schicksal ihrer Väter zu verfallen. Die Zahl der ausländischen Juden in Rußland ist keine geringe, namentlich sind sie in den südlichen an die Grenze anstoßenden Gouvernements stark vertreten. Irr friiheren Jahren siedelten österreichische Juden von Brody und anderen Städten in großer Zahl nach Rußland Über und förderten vielfach den Wohlstand des Landes, indem sie den Handel hoben und verbreiteten. Viele dieser ausländischen Juden wohnen seit Jahrzehnten in Rußland, ihre Söhne sind auf russischem Boden geboren und haben theilweise die deutsche Sprache bereits vergessen. Von der neuesten Maßregel der russischen Regierung werden somit zahlreiche Familien betroffen, die nunmehr gezwungen sind, sich eine treue HeitNath zn suchen. Zugleich wird auch seitens des Unterrichtsmin steriums verordnet, daß jüdische Kinder beim Eintritt in eine öffentliche Lehranstalt eil: Zeugniß mitbringen müssen, daß ihre Eltern auch russische Unterthanen sind, um iu Zukunft die Aufnahme ausländischer Kinder in russischen Schulen von vornherein zu vermeiden. E. Kasan, 11. September. Kein Tag ohne neue Gesetze und Beschränkungen. Noch sind einige jüdische Handwerkerfamilien in der Sabalkaiskioblast da, die ihr Brod im Schweiß ihres Angesichts redlich erwerben, und auch diese sollen das Schicksal ihrer übrigen Brüder theilen. Zwar ist ihnen, als Handwerkern, der Aufenthalt in den inneren Gouvernements Rußlands gesetzlich gestattet, aber wie dürfen es die Unverschämten wagen, in das heilige Sibirien zu gehen? Laut dem Sabalkaiskianzeiger haben sie binnen Kurzem Wohnung und Land zu verlassen, sticht besser sollte es den Einwohnern der Stadt Kasan (Gouv. Kowno) ergehen. Bekanntlich können die Juden im Gorrv. Kowno, ohne von der Polizei bedrängt zu werden, ihr kümmerliches Dasein fristen, jedoch diese Freiheit haben die Juden nur irr den Städten zu genießen; dagegen ist ihnen der Aufenthalt auf dem Lande, wo sie ihr Brod leichter erwerben könnten, seit dem Jahre 1882 streng verboten. Nun giebt es manche brave Russen, welche die Unglücklichen auch aus den Städten verbannen mächten. Rußland ist aber ein Reich, wo nur gesetzlich verfahren wird. Eines dunklen Morgens erfahren denn die Einwohner der Stadt Kasan, daß die Stadt gesetzlich in ein Dorf verwandelt worden ist, und auf solche Weise sind die vom Unglück Betroffenen gesetzlich gezwungen, ihre Häuser für die Hälfte des Preises den guten Russen zu verkaufen und ihren Wohnort zu verlassen. Jetzt stehen die Armen mit den: Wanderstab zur Auswanderung bereit. Die Emigration nach Nordamerika stockt seit Kurzem. Der Choleragefahr wegen sind die Grenzen den Auswanderern gesperrt. Mancher, dem über die Grenze zu kommen gelungen war, mußte wieder nach seiner Heimath zurückkehren, weil er mit dem Schiff nicht befördert wurde. Hunderte von Familien, in größter Roth sich befindend, lagern an den Grenzstädten, wie Wirballen, Schirwintz u. s. w., mit Ungeduld den günstigen Augenblick erwartend, wo ihnen die Fahrt von Neuem gestattet wird. Viel schlimmer als den Ausgegewiesenen ist es den Juden in Jusewke, Gouv. Jekaterinoslaw, ergangen. In dieser Stadt, so weiß der Jekaterinoslawer Anzeiger zu erzählen, wüthete die rohe Masse der Arbeiter gegen die Stadtverwaltung und versuchte, die Kirche, Polizei, Postamt und endlich die Baracken, wo die Choleraerkrankten sich befinden, stürmisch niederzureißen. Veranlassung zu den Unruhen gaben gewiß wieder verbreitete falsche Nachrichten von Beerdigung voll Choleraerkrankten. Wie gewöhnlich, nach den Sitten des Landes, mußten die Juden die Zeche zahlen. Nachdem die Menge von bewaffneten Kosaken zurückgedrängt war, plünderte sie die Läden und Häuser der Juden und legte am Ende Feuer an, durch welches mehrere Häuser wie auch die Synagoge eingeäschert wurden. Mehr als 180 Läden sind zerstört, der Schaden steigt bis 1,500,000 Rubel. Die Stadt bietet dem Fremden ein schreckliches Aussehen. Auch diese Unglücklichen, ihrer Habe beraubt, miissen den Wanderstab ergreifen, um dem Hunger zu entgehen. Von Nah und Fern. ----- Dem ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Königsberg i. Pr., Dr. Max Jaff^, ist der Charakter als Geheimer Medizinalrath verliehen worden. — Die Zahl der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur wird in der nächsten Zeit eine neue Vermehrung erfahren, indem in Essen ein solche» ins Leben tritt. — Die dem Redakteur der Dortmunder antise mitischen Zeitung „Westfälische Reform", Herrn Bellmann, ertheilte Gefängnißstrafe wegen Beleidigung des Jnstizministers v. Schelling ist ihm im Gnadenwege erlassen worden, nachdem er eine Woche ver büßt hatte. - Ein Gesuch des Predigers der Synagogen-Gemeinde Minden an das General-Kommando des VII. Armeekorps, den tfraelx tischen Einjährig-Freiwilligen, welche auf den 1. Oktober einberufen sind, wegen des auf diesen Tag fallenden Versöhnungsfestes die Gestellung am 3 Ok ober zu gestatten, ist ablehnend beschieden worden. — Mil Rücksicht auf die drohende Choleragefahr hat die Wiener Statt halt er ei an den Vorstand der isr elitis.ren Kultusgemeinde einen Er laß gerichtetin welchem angeordnet wird, daß an den israelitischen Feiertagen der Eintritt in die Tempel, Synagogen und provisorischen Bethäuser auf jene Personen, die Sitze haben, ein uschränken ist. — In der Gemeinde Kereczke im Mar mroser Komitat fand infolge der Auf reizung der ruthenischen Bevölkerung durch einen jungen griechisch katholischen Geistlichen Aladar Zombor eine Juden Hetze statt. Mehrere Juden wurden mißhandelt, ein Haus gestürmt und geplündert. Die Finanzwache und die Gendarmerie selber wurden bedroht. Nur mühsam wurde die Ruhe, nachdem die Gendarmen einen Bajonettangriff auf die tobende Menge gemacht hatten, hergestellt. Die Rädelsführer sind verhaftet und die Untersuchung ist eingeleitet. — Der in Görz verstorbene Gutsbesitzer Dr. Levi, einer der bedeutendsten Weinproduzenten Oesterreichs, welcher vor Jahren seine einzige Tochter in Folge Diphteritis verloren, hat, wie man aus Triest telegraphirt, testamentarisch ein Legal von 30,000 fl. für denjenigen Arzt ausgesetzt, welcher ein Heilmittel oder emeBehandlungsweise zur erfolgreichen Bekämpfung der Diphteritis entdeckt. — Bei der Centennarfeier der französischen Republik war der israelitische Kultus offiziell durch das Konsistorialmitglied Maaß, den Oberrabiner Ab. Cahen und den Oberrabbiner Joseph Lehmann, Direktor des israelitischen Seminars, vertreten. — Der Cousin des Redakteurs Achille Plista, des Mannes, den sich die Berliner Antisemiten noch jüngst als Sittenprediger hierher verschrieben hatten, Mr. Virgile Plista, hat Donnerstag den 22. September an der 45 Jahre alten Magd seines Oheims einen Raubmord begangen und überdies die Villa seiner Verwandten völlig ausgeplündert. Eine hübsche Sippschaft! — In London wurde am Sonntag vor dem Neujahrsfeste die neue Hampstead-Synagoge feierlich eingeweiht, wobei Oberrabiner Dr. Adler die Weiherede hielt. Die Synagoge wurde nach den Plänen des Architekten M. Deliffa Joseph in der kurzen Zeit von acht Monaten und drei Wochen erbaut und faßt 656 Sitze. — Eine kleine Anzahl von Juden hat sich im Laufe des letzten Jahres in Dort niedergelassen. Anläßlich der Feiertage wandten sich dieselben an bt*n Oberrabbiner mit der Bitte, ihnen die Abhaltung eines Gottes dienstes während der hohen Festtage zu ermöglichen. Dr. Adler sandtc hierauf eine Thora-Rolle und einen Schofar. Es wird demnach das erste Mal seit der Vertreibung der Juden aus Jork im Jahre 120" hier wieder jüdischer Gottesdienst abgehalten. — Der Hauptmann Coen, Adjutant des Kommandanten des 63. italienischen Infanterien Regimentes, ist zum Major befördert worden und soll bald an der höheren Kriegsschule in Turin ein Lehramt übernehmen. — Von dem jüdischen Gelehrten Professor Frederico Console in Florenz ist jetzt ein Werk über die Musik der alten Israeliten erschienen, zu dein Professor Castell i eine Studie über die jüdischen Mustknoten geschrieben hat. Das Werk hat in Italien eine recht günstige Aufnahme gefunden. - Der Bildhauer Jona Rüben in Livorno hat auf der Schale eines Straußeneies die Wappen von 100 italienischen Städten und das Wappen des königlichen Hauses von Savoyen angebracht und dieses Kunstwert dem König geschenkt. Dieser dankte dem Künstler in einem Schreiben und machte ihm eine goldene Uhr mit den königlichen Insignien zmn Geschenke. — Die 1847 gegründete Reformgemeinde K'neset Israel in Philadelphia hat in den Tagen vom 9. bis 11. September ihren neuen Tempel mit großem Pomp eingeweiht. Druck und Verlag von Rudolf MoNe ui Berlin Verantwortlich für die Redaktion. Mar Baucbwlk in Berlin.