Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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478 V. Der Versöhnuugstag »ahcte heran. — In der großen Woche, die seine Vorläuferin ist, versammelte Moses die Aeltesten der Gemeinde, darunter auch Meier, und cs tvnrde beschlossen, da bei Tage kein Gottesdienst gehalten werden könne, im Schooße der Nacht die bedrängten Herzen im Gebet vor dem Herrn zu erleichtern. I» den Tagen, wo dies beschloste» ward, sah man Meier, außer den Bersainmlnngen, selten im Judcnvicrtel, aber ganze Nächte lang hatte er cs draußen nvthwendig in geheimnißvollein Treiben. Man zischelte sich besorgt iir die Ohren, wie man ihn ans den Pariser Märkten unter den wildesten Rotten der Sanskülotten gesehen, und Einige hatten ihn sogar aus dem wohlbekannten kleinen Hause eines Tischlers schleichen: sehen, wo der furchtbare Diktator ans einem wurmstichigen Tische seine verhängnißvollen Listen Unterzeichnete. Trotz dieser düsteren Gerüchte konnte man Meier doch nichts anhaben, denn sein Lebenswandel war in: klebrigen still und ehrsam, und er sprach in der Versaminlung der Aeltesten niit so viel frommer Wärme, er ermahnte so dringlich zun: Verharren in: Glauben, daß Alle, bis ans Moses, getäuscht wurden. Dieser durchschaute ihn schon seit längerer Zeit und hatte fest beschlossen, daß Meier in den Untergang mit gezogen werden sollte, den er heimtückisch den Andern bereitete. Die längst erwartete Nacht war gekoinmen. Die Fenster der Shnagoge waren mit dicken Vorhängen verhüllt, jeden neugieriger: Blick, jedes lauschende Ohr abzuwehren. Die Thür hatte neue Riegel und Schlösser erhalten und gewährte somit eine hinlängliche Sicherheit, außerdem war es zur Bedingung erhoben word n, daß Nienrand ans der Gemeinde sich während der Nacht entferne, »in keine» Argwohn draußen zu erwecken. Alle standen in dichten Reihen vor den Betpulte» und hüllten sich in die Gebetmäntel, schweigend auf den Kol-Nidre-Gesang horchend, der aus den: Munde des Vorsängers in dumpfe», feierliche» Accorden durch das alte Gebäude tönte. Moses hatte seinen Platz in: hintern Theil des Gebäudes und sein unruhig spähender Blick suchte vergebens an: gewohnten Platze Meiers zusammengekauerte Gestalt, die sonst immer eine der ersten gewesen von den Besuchern des Gotteshauses. Schon begann er sich schrecklichen Ahnungen hinzugeben über des Falschen plötzliches Verschwinden — da ertönten plötzlich die ersten Klänge des Kol-Nidre- GebeteL, und seine Seele erhob sich vom Irdischen i» gänzlicher Selbstvergessenheit zun: Throne des Herrn. Die letzten Töne waren verhallt und der Vorsänger begann mit erhobener Stimme die Versicherung von der Vergebung des Herrn zu verkündigen — da unterbrach Geklirr von Waste» und das Geräusch vieler Fußtritte in: Vorhofe der Shnagoge die feierliche Stille. Entsetzt blick:en sich Alle an. In: nächsten Augenblick schon erdröhnte die Thür des Gotteshauses unter furchtbaren Kolbenstößcn und eine Konunandostimme rief: „In: Nainen des Konvents, öffnet! oder wir schießen Euch niit Kartätschen zusammen!" Todtenbleich erhob sich Moses von: Sitze und begann mit gedämpfter Stimme: „Meine Brüder, wir sind verrathen! Ein schändlicher Treubruch hat unser Geheimnis; entdeckt! Jetzt ist es an uns, das durchzuftihren, was wir begonnen, und das ist — für unfern Glauben zu sterben! In jener Welt wollen wir das Versöhnungsfest zu Ende feiern!" Kaum waren diese Worte gesprochen, so wich die Thür zerschinettert beu heftigen Kolbenstößcn, und eine wilde Fluth von Nationalgarden und zerlumptem Gesindel ergoß sich in den Tempel. Fast an der Spitze der Eingedrungenen bemerkte nian Meier, der mit kreischender Slimme unaufhörlich die Anstürmcnden hetzte und schrie: „Da habt Ihr sie, die frechen Uebertreter des Gesetzes, hier! Ergreift sie und laßt Keinen entrinnen, denn Ihr müßt der Republik mit Euren Häuptern für diese Frevler haften!" Durch solche Aufreizungen trieb er die fanatischen Jakobiner zu noch sich steigernder Wuth, die Henriot, der Befehlshaber der Nationalgarde, nur mit Mühe im Zaume hielt. Dieser, ein Mensch von plumpem Aeußern und weingeröthetem Gesicht, ging auf Moses zu, der sich ihm entgegengestellt hatte und brtillte ihn an: „Im Namen des Konvents — Ihr seid Alle Gefangene!" „Gebt Feuer auf die Bcschimpfer der Republik!" tönte cs aus hundert Kehlen und hundert Kugeln zischten sogleich nach den: Rufe in das Gebäude. Ein gellendes Janimergeschrci erschallte in: Raume, schrecklich Verwundete und Sterbende bedeckte» den Boden des Gotteshauses. Eine nochnmlige Gewehrsalve hatte die gleiche Wirkung, und da die Lichter in der Synagoge vom heftigen Windzuge, der durch die zerschlagene Thür und die zerschossenen Fensten zugleich hereinströinte, erloschen waren, wurden eben so viele der Angreifer als der Angegriffenen niedrrgestreckt. Erst jetzt drang Henriot's mächtige Stimme durch, der bei Todesstrafe verbot, noch mehr zu schießen. Man gehorchte. Wenige nur, darunter Moses, wurden uuverwundet in die Mitte der Nationalgarde genommen und als Gefangene nach der Conciergerie gebracht. Glänzend strahlte die Sonne am andern Morgen durch die Fenster der Synagoge. O, Gott — aber welche Scene übergoß ihr beleuchtender Lichtstrom. Auf den: blutgefürbten Boden lagen die Leichen der Republikaner und Juden in bunte»: Gemisch durcheinander aber — auch noch im Tode getrennt! Während schreckliche Verzerrung das Antlitz der Ersteren entstellte, spiegelte sich die selige Zuversichl in den Zügen der Juden ab, mit der sie starben — denn sie waren betend gestorben! Das letzte Zucken der Lippen hatte noch zum Ge murniel heiliger, inniger Worte sich bewegt und ihre Seele war an: den Fittichen des Gebetes in das Jenseits hinüber geschwebt. VI. Feucht und nebelig ist die Luft. Heulende Windstöße rütteln au den Mauern des alten Gebäudes, in dessen wüsten Räumen eine Unmenge elender Schlachtopfer zusammengedrüngt ist, denen der bleiche Tod mit grinsenden Lächeln entgcgenzutreten droht. Im Vorhose der Conciergerie, den hohe, schwarze Mauern einengen, wandelt Moses gedankenvoll ans und ab. Seine schönen Züge tragen das Gepräge der Resignation und sind verklärt durch die Nähe des Abschiedes von der Erde, welcher ihn vor den Thron eines höheren Richters führen soll. „Des Herrn Stimme befiehlt mir, blutige Rache zu nehmen für die Häupter meiner Brüder," murmelte er. „Steht doch geschrieben: Wer Blut vergießt, deß Blut soll wieder vergossen werden! — Er muß sterben! denn das Blut meiner Brüder fordert es noch laute: als das Blut der Unschuldigen, das schon gen Himmel schreit!" Jetzt öffneten sich die Thürcn, die auf den Hof gingen und er traten Diejenigen heraus, welche bestinnnt waren, mit Moses heute zu sterben. Es waren nur Wenige aus der Gemeinde darunter, aber diese Wenigen waren von himmlischem Muthe erfüllt und in ihre» Augen glänzten schon die Strahlen einer höheren Welt. Schweigend standen Alle da, als plötzlich ein furchtbares, nur zu bekanntes Gerassel ertönte. Es waren die Henkerskarren, welche die Todesopfer zum Schaffotte bringen sollten. Unter lautem Geschrei der Henkersknechte wurde das traurige Geschäft der Vertheilung iu die Wagen besorgt. Moses tvnrde mit seinen Glaubensgenossen in einen Wagen gesetzt.