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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-30 · Heft 40 (30.9.1892) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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IV. vier ist das Leben des Einzelnen viel enger mit der Synagoge iillpft als bei uns. wo die Steuerquittung und das Miethen eines;e-: an den hohen Festen für die große Mehrzahl der Gemeiudeqiieder das einzige Band bildet, das sie mit der Gemeinde ver- Jedermann sucht etwas zum Aufschwung der Gemeinde beiiigen, sei es als Mitglied des Aufsichtsraths der Synagoge, als int der Sonntagsschule, als Klavierspielerin oder Sängerin an , Tempelvereine u. s. w. Eine der genannten Attractions ist der smiediger. Es ist ganz selbstverständlich, daß ein Rabbiner, der tiimvo zu Gaste ist, predigt, und die Abwechslung wird hier, da man Woche zu predigen hat, von allen Beiheiligten wohlthuend pilliiden. Die christlichen Kirchen sind hier der Synagoge über- Sie verschreiben einen „Evangelisten", der Wunder der liinung wirkt, indem er, die Uhr in der Hand, den Sündern zehn ilen Zeit giebt, um durch Aufstehen zu bekennen, daß sie Christus i wollen; die Salvation-Army kommt mit rothen Blousen > blauen Jacken, mit Pauken und Trompeten, um den Teufel; Kämpfen, wobei eine Generalin predigt; — ich muß übrigens tcoc», daß Mrs. Ballington Booth auf mich den tiefsten Eindruck mim', den ich in langen Jahren von einer Predigt erhielt — ein wilde ausgebildeter orientalischer Missionär erscheint in seiner mnastischen Tracht und hält einen Vortrag über Land und Leute hier Heimath, wo er auf der Platform zeigt, wie die Muhamdoner sich beim Gebet benehnien und erzählt, was die Hühner in ut Heimath kosten. Einmal tauchte hier ein bekehrter Zulukaffern-!! Kling, Tip-o-Tip, auf, der mit Ohren- und Nasenringen auf!t Kanzel auftrat, von einer großen Zahl von Kirchen umworben nve, bis es sich herausstellte, daß er ein ganz gewöhnlicher amerilischer Neger sei, der das Missionsgeschäft nur trieb als ein Emissär Verbrecherbande, für die er in den Häusern der Kirchenältesten ki genheit zu Einbruch und Diebstähle» ausspürte. So weit haben -e Juden noch nicht gebracht, aber die Gastpredigt und Lecture auch bei ihnen im Schwange. Die Lecture ist eine wissenschaftliche Vorlesung, die am Freitag bind oder am Sonntag Morgen gehalten wird und sich nach litauischer Weise über Alles erstreckt, über Themen aus jüdischer schichte und Litteratur, über Materialismus und den jetzt so .rn gewordenen Agnosticismus'), über Shakespeare und Tennysor, einen Ausflug nach dem Aellowstone-Park, über eine Reise nach llopa, über die Kulturwirkungen der Lokomotive u. s. w. Es ist einzusehen, daß dabei vielerlei „trash" unterläuft, doch hat 'e Einrichtung den Vortheil, den Prediger zu einer fruchtbringenden, stigen Thätigkeit anzuhalten. Die Schilderung des syuagogalen Lebens glaube ich damit erol'ft zu haben, und es bliebe nur der Hinweis auf die imponirendeu 'blthütigkeitsanstalten übrig, auf die Hospitäler, Altersversorgungsd Waisenhäuser, die bei der Jugend der hiesigen Gemeinden und dem Umstande, daß trotz der verbreiteten gcgentheiligen Anauungen der Reichthum der Juden in diesem Lande hinter dem r europäischen bedeutend zurücksteht, wenn auch die Armuth lvieder äit so groß ist, geradezu bewunderungswerth erscheint. Ich will ’) Agnosticismus ist der von dem Engländer Thomas Huseley ge- ‘iflte Terminus für jene Philosophie, die das Geistesleben zwar nicht vneint, aber als unbewiesen hinstellt. darüber ein anderes Mal schreiben und begnüge mich heute mit der Anführung der Thatsache, daß ich ans manchem Altersversorgungshaus die Ueberzeugung mitgenommen habe, daß es für einen alten Menschen ein Glück ist, arm zu sein, und daß ich in dem impouirenden Waisenhause zu Cleveland, welches gegen 500 Waisenkinder beherbergt, mir sagen mußte, daß der größte Theil der dort verpflegten Kinder niemals eine solche Erziehung und Bildung genossen Hütte, wenn ihre Eltern am Leben geblieben wären. Ein Punkt ist aber «»erörtert geblieben, der leider nicht vollständig behandelt werden kann, das Verhältniß der nominellen Inden zu denen, die am gottesdienstlichen Leben Antheil nehmen. Dieses Verhältniß ist, da eine Statistik nach Bekenntnissen hier nicht existirt, auch nicht einmal annähernd herzustellen. Man hat wohl eine Statistik der Gemeinden, der Synagogen, ihres Fassungsraumes und ihrer Mitgliederzahl, aber das reicht nach keiner Seite aus. Es giebt eine ganze Anzahl regelmäßiger Synagogenbesucher, die, weil sie die nicht unerheblichen Mitgliederbeiträge nicht aufbringen können oder wollen, keine Mitglieder der Gemeinde sind, sowie es, allerdings in geringerem Maße, Gemeindemitglieder giebt, die aus lieber Gewohnheit zahlen, aber Gott nicht viel plagen. Jedenfalls muß es eine große Anzahl von Leuten geben, deren Judenthum blos in der Abstammung besteht. Der Materialismus und Agnosticismus, der in Robert G. Jngersoll einen beredten und scharfsinnigen Vertreter hat, zählt auch unter den Juden und besonders unter denen, welche die religiöse Bildung der polnischen Talmudschulen genoffen haben, zahlreiche Anhänger, und Jngersoll weiß zu fesseln. Seine Kritik religiöser Bekenntnisse und biblischer Erzählungen ist größtentheils die rationalistische, doch auch öfter die auf vergleichender Mythologie basireude geschichtliche. Er versteht es, durch seinen meisterhaften Vortrag und seine klassische Diktion zu fesseln, und man sagt wohl nicht zu viel, wenn man ihn den gefeiertsten Redner Amerikas nennt. Seine hauptsächliche Kunst besteht in geistreichen Vergleichen. Er sagt z. B.: Wenn es einen Gott giebt, da muß er mir dankbar sein, daß ich ihn gegen die Verläumdungen der inspirirten Verfasser der Bibel vertheidige. Ein andermal: Ich hasse keinen Presbyterianer und ebenso wenig einen Methodisten. Ich hasse ja auch keinen Menschen, der an Rheumatismus leidet, aber Rheumatismus hasse ich. Christenthum ist tausendfach schlimmer als Judenthum, denn wenn der alte Jehovah seine Feinde getödtet hatte, war er zufrieden, aber im Christenthum fängt da erst der Trubel an, Hölle, Pech, Schwefel und ewiges Feuer, Viele Leute, meint er ein andermal, sagen: Mag kommen, was da wolle; ich bleibe treu der Religion meiner guten Mutter. Das erinnert mich an einen methodistischen Missionär, der einem Kannibalen in die Hände gefallen war. Der Missionär versuchte mit dem Aufgebote seiner ganzen Beredtsamkeit, den Kannibalen von der Verwerflichkeit der Menschenfresserei zu überzeugen und bat ihn um Christi willen seiner zu schonen, aber der Kannibale sagte mit Thränen in den Augen: Ich erinnere mich an meine gute Mutter auf dem Todtenbette, als sie schon kaum mehr die Zunge regen tonnte, lallte sie »och mühsam die Worte: Bevor ich sterbe, gebet mir nur noch! ein Stückchen kalten Missionürsbraten, und so will ich, sagte der Kannibale, mit weicher Stimme, leben und sterben in dem Glauben, in welchem meine gute Mutter selig geworden ist. Man fragt mich, was man an Stelle der Religion setzen wolle. Ebenso gut könnte man mich fragen, was wir an die Stelle der Masern setzen wollen, wenn wir sie erst losgeworden sind. Ein besonders häufiges Angriffsobjekt ist der Pentateuch, aus dem er mit dem Geschi cke des erfahrenen Demagogen sich seine Angriffswaffen schmiedet. Man denke, sagt er daß meine Frau zu mir spräche: Ich will nichts vom Jehovahdienst wiffen, wir wollen dem Baal dienen, der ist nicht so eifersüchtig und

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