Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
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Zch möchte nieine Betrachtung mit den Worten unseres großen >rers Moses im dieswöchentlichen Wochen-Abschnitt schließen: „Seid 4 und muthig und fürchtet euch nicht!" U Jur Hrbung des jüdischen Studententhums. n's ist eine seit Langem anerkannte und psychologisch leicht ervluijc Thatsache, daß gerade diejenigen Menschen, die in ihrer g>.nd die größten Schwierigkeiten zu überwinden habe», sich durch mündlichen Fleiß und bewunderungswürdige Ausdauer zu den hu» Stellungen in der Gesellschaft emporschwingen. Die Wahrt oieser Thatsache kann man nirgends beffer studiren, als im Hin- ,l auf unser heutiges Judenthum und insbesondere auf den jüdischen »t iitenstand. Eine nicht geringe Anzahl unserer bedeutenden iinnct hat sich, trotz der Hindernisse, die sich ihrer Laufbahn ent- (ei üdlteii, aus den ärmlichsten häuslichen Verhältnissen zu ersten tlhngeit in der wissenschaftlichen Welt emporgearbeitet. Wer ferner i m jüdischen Studententhum Fühlung hat, wird wissen, daß!i> -lens drei Viertel sümintlicher Stndirenden aus weniger >u> vteu Familien stammen. 63 ist allerdings nicht zu leugnen, daß gerade der Kampf »ins!kU! die menschlichen Kräfte stählt und den Strebenden zu immer i! , em Streben antreibt. Nichtsdestoweniger muß man zugeben,; hcle Talente auch an materiellen Hindernissen scheitern, zumal od die edelsten Charaktere unserer Jugend es oft am wenigsten n iich gewinnen können, sich die Mittel durch Bitten zu verschaffen, ibnen das Schicksal stiefmütterlich verweigert hat. So ergeht es a großen Anzahl von jüdischen Studirenden. So sehr sie, die i> Rückten, danach streben, sich eine geachtete Stellung zu erringen, geben stößt sie hinab, dorthin, woher sie gekommen, und läßt sie ln an den Platz gelangen, für welchen ihr Geist sie befähigt. Noch ou dürfen es gar nicht einmal wagen, diesen Kampf aufzunehmen; e 'irmuth gestattet es ihnen durchaus nicht, den Gedanken an ein nhum zu verwirklichen, wiewohl sie. die infolge ihrer Begabung -chule glänzend absolvirt haben, oft zu den schönsten Hoffnungen igten. .sivar wird mancher sagen, es käme bei der heutigen Ueberfüllung hn gelehrten Berussfächern gar nicht darauf an, ob ein Talent >■ oder weniger zu Grunde ginge; wir Hütten genug Gelehrtenhi.uiat. — „Nein und tausendmal nein!" rufen wir diesen enth Wir Juden brauchen stets Männer, die Zeugniß ablegen i unserer Intelligenz. Freilich wird viel gethan für das brihen jüdischen Studententhums. Es existirt hier in Berlin eine Einigung hochgesinnter Männer, welche es sich angelegen sein lassen, indischen Studirenden über seine materiellen Hindernisse soviel möglich hinwegzuhelfen. Ohne diese Hilfe wäre wohl nur ein mger Bruchthcil unserer Stammesgenossen im Stande, sein Ziel "reichen. Freilich Geld genug wird gegeben, jedoch die Art der idverwendung ist noch sehr reformbedürftig. Einmal hat heutzutage der Stipendiat das niederdrückendc Gefühl Aettclns und zweitens kann mit denselben Geldmitteln unserer Ansicht nach in anderer Weise mehr genützt werden, als es bisher geschieht. Wie sehr auch die gegenwärtigen Leiter des „Hilfsvereins für jüdische Studirende" sich bemühen, das Beschämende des Almosenempfangens durch freundliches Entgegenkommen die Studenten vergeffen zu lassen und wie sehr auch gerade durch die Verpflichtung der späteren Zurückerstattung den Stipendiaten das drückende Gefühl gemildert wird — schon die Thatsache allein, daß jede Geldbewilligung eines besonderen Bittgesuches bedarf, ist geeignet, den Empfänger moralisch abzustumpfen- Aber der Stipendiat darf nicht empfinden, daß man ihm Almosen giebt, sondern er muß das Bewußtsein bekommen, daß man ihn nur aus Anerkennung seines ehrlichen Strebeus unterstützt. Man darf sein moralisches Gefühl nicht abstunipfen, sondern man muß es heben. Gerade die Hebung der Moral und des Selbstbewußtseins thut dem Juden heute mehr noth als jemals. „Sei stolz ans dein Judenthum" — predigen uns die Rabbiner auf der Kanzel und die Religionslehrer in den Schulen. Worauf sollten wir aber wohl stolz sein, wenn nicht auf unsere geistige Macht? Und gerade diese ist es, deren Kraft auf das empfindlichste während des Studiums herabgedrückt wird. Oder kann der jüdische Studirende stolz darauf sein, daß er sich jeden Pfennig durch lange Bittgesuche abbetteln muß, oder daß er beim Ertheilen von Nachhilfestunden gleichsam den Kinderwärter vornehmer Familien spielen und die kostbare Zeit, die er dem Studium widmen könnte, vergeuden muß?!! Solchen Uebelstünden muß abgeholfen werden, und diese Zeilen sollen nur den Zweck haben, eine Idee anzuregen, ohne die zur Ausführung dieser Idee in Betracht kommenden materielle» Fragen zu berühren. Unser Vorschlag lvürdc, in geeigneter Weise von dazu berufenen Männern ausgeführt, vielleicht im Stande sein, dem jüdischen Stndirenden, mehr als bisher, die Wege des Studiums zu ebnen und dem gesammten jüdischen Volke eine Jugend zu erziehen, die stolz auf ihr Judenthuni ist, und auf lvelche das Judenthum wiederum stolz sein könnte. Wir schlagen vor, eine Anstalt zu gründen, welche, vergleichbar dem Melanchthonhaus der christlichen Theologen und dem König!. Friedrich-Wilhelms-Jnstitut der Mediziner, den Zweck hat, ein Heim für jüdische Studirende aller Fakultäten zu sein. Pflanzet hinein die Elite der jüdischen Jugend und erwecket in ihr das Verständniß für unsere Religion und unsern Stamm. Wie ans dem Friedrich Wilhelms-Institut schon so mancher Geistcsheld, wie ein Virchow, ei» Bardeleben und Andere hervorgegangen, so könnte auch dieses Institut die Mutter großer Männer werden. Es würde dem jüdischen Studirenden dies Institut ein Elternhaus in der Fremde sein, welches wie eine Mutter für die moralischen, geistigen und materiellen Bedürfnisse seiner Zöglinge sorgen und nicht mehr, wie ein Armenvater, eine vierteljährliche Geldnnterstützung geben würde. Es würde dadurch ein innigeres Verhältniß zwischen Gebern und Empfängern herarisgebildet werde», und wie der Sohn von seinen Eltern anstandslos Wohlthaten annimmt, in dem Bewußtsein, es ihnen später einmal zu vergelten, so würde der Studirende die Wohlthateu des Institutes empfangen, ohne das entmuthigende Gefühl des Bettlers zn haben. Die Anstalt sollte nicht etwa dem Einzelnen einen schablonenhaften Weg vorzeichnen, sie sollte der individuellen Entwickelung des Charakters keine Schranken entgegensetzen, sondern ohne Beschränkung der akademischen Freiheit, gleichsam zwanglos das Schiff des Einzelnen an den Klippen vorüberlenken, an denen heut zu Tage schon so mancher sein Judenthum verloren hat. A. — S . .. ni.